Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Telegraph

.Als ein Tlünlchleln mich verführte,

Dir zu deuten stummen 6ruh,

Und dein ?ühchen ich berührte,
Tastend leis mit meinem Zuh —

Lögest du mit leikem grauen
Aatd) zurück den feinen 5chuh,

LuckteN mit den Augenbrauen —

J?ber lächeltest dazu.

Lange, lange muht ich warten,

Und vereinsamt schien ich mir
Zn dem volkerfüllten garten
Ohne gegengruh von dir.

Loch am Lnde kam ein grühchen —
Tlog just durch die Nacht ein Stern? —
Leise, leise kam das Sützchen,

Und es war, als kam' es gern.

Lweimal, dreimal mit der Spitze
gab es jetzt den 6ruh zurück —
Sunken sprangen, Augenblitze,

Und verkündeten ein glück.

Emil Wgll

Die Bluse

Von Willy Ruppel

Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Damen,
wenn sie etwas einkaufen, das der Schmückung
ihrer Persönlichkeit dient, sehr gründlich verfahren.

Das hatte ich neulich Gelegenheit zu beobachten.
Ich begleitete eine Dame meiner Bekanntschaft
durch die Stadt. Es war ein schöner Frühherbsttag,
ich wollte anderen Tages verreisen, hatte meine
Angelegenheiten geordnet und nichts mehr zu tun.
Plötzlich blieb sie an einem Schaufenster stehen,
deutete auf eine Bluse und sagte: „Das ist sie."
„wer?" frug ich.

„Das ist die Bluse, die ich mir immer ge-
wünscht habe. Einfach und vornehm, würden
Sie einen Moment hier warten, ich will nur ein-
mal fragen, was sie kostet, wenn sie nicht zu
teuer ist, will ich sie rasch anprobieren."

Ich war einverstanden und spazierte, während
sie in den Laden ging, auf und ab. Ich be-
trachtete mir die Läden, traf Bekannte, mit denen
ich plauderte, las in dem Schaufenster einer Buch-
handlung die Titel sämtlicher ausgestellten neu
erschienenen Bücher, versank dann in Betrach-
tungen darüber, ob es nicht zweckinäßig sein würde,
die Bewohner unserer Kolonien intensiver im
Lesen zu unterrichten, damit für die 58 Millionen
deutscher Schriftsteller auch die nötigen Leser da
wären, und das brachte mich auf andere Gedan-
ken, sodaß ich einige Stunden sehr angenehm ver-
brachte. Es wurde Mittag, die Leute kamen aus
den Geschäften und Bureaus, die Schüler und
Schulmädchen in eifrig plaudernden Trupps aus
der Schule heim und in meinem Magen war es
öde und leer, kfalt, dachte ich, gegenüber ist ein
hübsches Restauraut, da gehe ich hinein und lasse
mir etwas zu essen geben, wenn ich am Fenster
sitze, kann ich sie herauskommen sehen und sofort
hinübereilen. Das tat ich und bald saß ich auf
einem bequemen Platz am Fenster und aß.

Ich dachte: Das Gescheiteste ist, ich lasse mir
einen Kaffee und eine Zeitung geben und lese

Hans Kroier

gemütlich. Dabei kann ich den Laden im Auge
behalten und wenn sie herauskommt, gleich hin-
übereilen. Das tat ich, trank Kaffee und las
die sämtlichen Zeitungen und Zeitschriften, die
in dem Lokal auflagen, in Ruhe durch. Die
Mittags-Gäste waren längst gegangen, es war
ruhig und gemütlich in dem Lokal. Nachdem ich
die Zeitungen und Zeitschriften gelesen hatte, ließ
ich mir einen Likör geben und zog mein Notiz-
buch ans der Tasche, um einiges niederzuschreiben,
das mir im Laufe meiner Zeitungslektüre einge-
fallen war. Der Gegenstand fesselte mich außer-
ordentlich, ich schrieb und schrieb, schaute immer
wieder hinüber nach dem Laden und es war recht
friedlich und gemütlich.

Mit der Zeit wurde es dunkler, dann zündete
der gefällige Kellner die Lampen an. Auf der
Straße stammten die Lichter auf, die Laden-Fenster
erhellten sich. Der Laden, in dem meine Freundin
weilte, blitzte in einem Lichtermeer, gerade über
der Türe hing eine Bogenlampe — ich war be-
ruhigt, ich konnte ruhig sitzen bleiben, ich würde
sie nicht verfehlen.

So schrieb ich denn ruhig weiter. Die Abend-
gäste erschienen im Lokal und bestellten ihr Essen.
Der Kellner kam und legte geräuschlos die Abend-
karte neben mich. Ich wählte mir ein Nachtessen
und dachte: wenn sie inzwischen kommt, kann
ich's ja in die Küche zurückschicken und einstweilen
warmstellen lassen. Die Abendblätter kamen, ich
las und trank ein Münchner dazu. Dann fiel
mir wieder etwas ein und ich schrieb wieder.
Immer wieder sah ich hinüber nach dem Laden
und war beruhigt bei dem Gedanken, daß ich sie
ja nicht verfehlen konnte. Mein Essen kam, ich
aß und trank weiter Münchner und las und
schrieb. Line Zeitungsfrau kam, ich kaufte ein
paar Zeitschriften, sodaß ich wieder Lesestoff hatte.
Die Stammgäste rückten an und setzten sich feier-
lich an den runden Tisch. Draußen war der
Abendverkehr angeschwollcn und langsam abge-
ebbt, die Geschäfte gegenüber — mit Ausnahme
dessen, in dem meine Freundin war — hatten
ihre Läden Heruntergelaffen und die Straße sah
dunkel und verlassen aus.

Ich dachte: Ietzt wird sie ja wohl kommen und
ließ mir mein achtes Münchner geben. Dann wurde
ich müde. Ich beschrieb dem Kellner das Aussehen
meiner Freundin und bat ihn, das Geschäft gegen-
über im Auge zu behalten, ich wollte ein wenig
ausruhen. Der freundliche Kellner versprach mir,
wohl aufzupassen, währenddessen schlief ich ein
bißchen. Ich erwachte frisch gestärkt und trank
weiter.

Dann fiel mir wieder etwas ein und ich schrieb
wieder. Mein Notizbuch war längst voll, ich

schrieb auf umgekehrte Speisekarten. Es war ein«
Novelle geworden, die sich schon ihrem Höhepunkt
näherte. Die Stammgäste gingen. Zwei stritten
sich um ein militärisches Rangabzeichen und blieben
auf der Straße gerade vor dem Fenster noch etwa
zwei Stunden in lebhafter Debatte stehen.

Der Wirt rief vom Büffet her: „Sie warten
wohl auf Irmand?"

„wieso haben Sie denn das gemerkt?" fragte
ich erstaunt und fuhr fort: „Eine Bekanntin von
mir kauft drüben in dem Geschäft eine Bluse. Sie
muß gleich fertig sein."

Der Kellner wollte heimgehen. Ich zahlte und
er ging. Einige Zeit darauf erklärte der Wirt,
er müsse jetzt schließen. So ging ich denn hinaus.
In dem Laden gegenüber war noch Licht, sie
war also noch nicht fertig. Am östlichen Himmel
schimmerte der erste Frührotschein. Ls war kalt
und mich fröstelte. Zuerst ging ich vor dem Laden
auf und ab, dann dachte ich: jetzt muß sie doch
bald fertig sein und ging hinein.

Hier fand ich sie. Sie stand vor einem Stehspie-
gel. Zwei Verkäuferinnen, bleich, übernächtig,
mit verwirrtem Haar, schwankend und mit halb-
geschlossenen Augen, zogen ihr Blusen aus und
an, aus und an. Auf dem Tisch lag ein Berg von
Blusen, ein Berg, über den ich nicht hinwegsehen
konnte. Rote Blusen, blaue Blusen, schwarze Blu-
sen, weiße Blusen, grüne Blusen, gelbe Blusen,
gestreifte Blusen, gewürfelte Blusen, karierte Blu-
sen, Blusen mit Besatz, ohne Besatz, hinten ge-
schlossen und oben ausgeschnitten, hinten ausge-
schnitten und oben geschlossen, mit langen Aermeln,
mit kurzen Aermeln, ohne Aermeln, Seidenblusen,
Mollenblusen, Sammetblusen, lNousselinblusen,
Maschblusen, Leinenblusen, Baumwollblusen, Al-
paccablusen, Spitzenblusen, Lhiffonblusen, Voile-
blusen, Lrepe de Lhine-Blusen, Stickereiblusen,
kurz es war eine Anzahl Blusen. Der Besitzer des
Geschäftes stand da, ebenfalls blaß und ermüdet
und arbeitete mit Anstrengung daran, die Blusen
wieder zu ordnen.

Ich trat näher und fragte meine Freundin:
„Nun, haben Sie was Paffendes gefunden?"

„Ach nein," antwortete sie und sah sehr ent-
täuscht aus, „die Leute haben gar keine Auswahl!"

Die Stationen

Ueberall auf allen Stationen

Ruft der Mensch den Namen der Station,

Ueberall, wo Bahnbeamte wohnen,

Schallt es Köp'nick oder Iserlohn.

Wohl der Stadt, die Gott tut so belohnen:
Nicht im Stein nur lebt sie, auch im Ton!
Täglich vielmals wird sie laut verkündet
Und dem Hirn des Passagiers verbündet.

Selbst des Nachts, wo sonst nur Diebe

munkeln,

Hört man: Kötschenbroda, Pirmasens,

Sieht man Augen, Knöpfe, Fenster funkeln;
Kein Statiönchen ist so klein, — man nennt's.
Prenzlau, Bunzlau kennt man selbst im

Dunkeln

Dank des Dampfs verbindender Tendenz.
Nur die Dörfer seitwärts liegen stille.

Doch getrost, auch dies ist Gottes Wille.

Ehristian Morgenstern
Hans Kroier: Photographie einer Statuette
Emil Hügli: Telegraph
Christian Morgenstern: Die Stationen
Willy Ruppel: Die Bluse
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