Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Die sieben Sylter

Eine sromme Legende
von Ewald Gerhard Seeliger
(mit 2 Zeichnungen von 31, Schmidhamrner)

Sie lebten von Strandraub, Kümmel und Grog,
Sie beteten niemals und spielten Tarock.

Da riß ins Meer sie ein wilder Nordwest,

Nur Geiken Bundis krallte sich fest.
Kömbuddel und Karten nahmen sie mit
Und stiegen empor mit festem Tritt.

Bald pochten die Sechse im polternden Chor
Mit ihren Transtiefeln ans Himmelstor.

Sankt Peter schlief, der Riegel sprang auf.
Hinein in die Seligkeit platzte der Haus.

Erst standen sie wohl ein wenig verdutzt.

Dann aber haben sie aufgetrutzt.

Sie trampelten durch den himmlischen Saal

Den seligen Geistern zur Schande und Qual.
Die elftausend Jungfern kamen in Not,
Entflohen und schämten sich schier zu Tod.
Dann wurden die Englein angepackt
Und roh gekniffen, wo rund sie und nackt.
Kein Schloß war sicher, kein Kasten blieb heil,
Und jeder nahm sich seinen Teil.

Beladen mit Gold und heilgem Gerät,
Gerieten sie vor die Trinität.

Als Gott der Vater sie angeblickt,

Da haben sie kaum die Mützen gerückt.

Dem lieben Herrn Christus nickten sie zu,

Als stünden sie mit ihm auf Du und Du.

Und unverfroren, frech und dreist.

Beguckten sie sich den Heiligen Geist.

Dann zogen sie Karten und Flaschen heraus
Und setzten sich nieder ganz wie zu Haus,

Und fluchten und priemten in einem fort
Und spuckten bald back- und bald steuerbord.

Doch schon kam Sankt Peter angesaust
Und hob von ferne die dräuende Faust.
Hinaus mit euch, ihr Satansbrut!

Da lachten sie: Junge, wat hest du'n Mut!
Ihr sauft ja Köm und habt einen Schwipps!
Mien Lütten, pedd di man nich upp'n Slips!
Hinunter mit euch in den Schwefelpfuhl!
Swieg still, du Sloopmütz, un holl dien Muhl!

Heiß überlief es Sankt Peter und kalt:

Im Himmel nämlich gibt's keine Gewalt!

Es sprach der Herrgott: Drin ist drin!

Der Geist: Das Schelten hat keinen Sinn!
Und Christus: So tatest du deine Pflicht?

Ach Petre, was hast du angericht!

Beschämt schlich er zurück zur Tür,

Da stand schon einer wartend dafür.

Wer bist du? Geiken Bundis von Sylt.

Von Sylt? schrie Petrus fuchsteufelswild.

Von Sylt? Dann bist du ein Höllengewächs!
Hinweg, wir haben genug an den Sechs!

So scheltend enthüllte er ihm seine Pein.

Ich bring sie heraus, läßt du mich hinein!

Und schrie durch den Spalt mit gerundeter Hand:
Schipp an Strand! Schipp an Strand!

Die Sechse durchzuckt ein freudiger Schreck,
Kömbuddel und Karten werfen sie weg.

Schipp an Strand! Wer bleibt da im Bett.
Sie stürmen und schlittern ratsch! übers Parkett
Hinaus, von ihrer Raublust gezerrt. —
Bums!.da waren sie ausgesperrtI

Bei etwaigen Bestellungen bittet man aal die Münchner ,,J LCü.M)'' Bezug; zu nehmen.

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Arpad Schmidhammer: Illustrationen zum Text "Die sieben Sylter"
Ewald Gerhard Seeliger: Die sieben Sylter
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