Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Stirb oder siege!

Die Lichter schimmern müd und matt. ..
Hörst du den Lärm der Riesenstadt?

Der helle Morgen ist noch weit.

Es ruft zum Kampf. Drum sei bereit:
Stirb oder siege!

Es ächzt das Eisen unterm Stahl . . .

Da hilft kein Bitten, keine Wahl;

Die Hämmer dröhnen durch die Nacht...
Auch du bist Amboß, Freund, gib acht!
Stirb oder siege!

Auf steilem Pfad, hoch überm Wald,

Wo Axt und Hammerschlag verhallt,
Steht stolzen Blicks, in stummer Qual,
Ein Mensch und will nicht mehr zu Tal...
Stirb oder siege!

Fritz Droop

Sankt Florian

„Weißt Du, man soll nicht gerade alle
Brücken hinter sich abbrechen, wenigstens
nicht so schnell. Ich bin überhaupt gegen
das Demonstrative. Und heut' geh' ich
halt einfach wieder einmal in die Kirche."

So sprach Florian Schäuffelins Frau,
und steckte sich die Nadeln in den Hut.

Sie war eine schlanke Dreißigerin mit einem
strengen Profil, mit Augen, die noch tiefer
als schön waren, und mit einem Lächeln in
den Mundwinkeln, von dem man nicht wußte,
ob verborgene Güte oder verborgener Spott
oder vielleicht alle beide dahinter steckten.

Als ihr Mann über diese Neuigkeit gar
nicht erstaunt schien, wurde sie ein wenig
ärgerlich, und schloß mit der Bemerkung:
„Vielleicht bekommst Du so auch mehr
Patienten."

Florian Schäuffelin, ein untersetzter Vier-
ziger mit einem Wald voll roter Locken
über der mächtigen Stirn, seines Zeichens
praktischer Arzt und Dichter, letzteres mehr
als elfteres, hielt die Schelmerei seiner Frau
ruhig aus und schaute sie unter der funkeln-
den Brille liebevoll und ein klein wenig
spöttisch an:

„Aber Schatz, wer sagt Dir denn, daß
Du nicht gehen sollst? Ich bin, obwohl
seinerzeit katholisch getauft, ein Mann von
Toleranz, und wenn Dein Herr Pfarrer Dich
in der vordersten Kirchenbank sieht, dann
bekommt er sicher noch mehr Courage zu
seinen sanften liberalen Ketzereien."

Abwartend blinzelte er sie mit seinen
vergnügten Aeuglein an.

Seine Frau jedoch ging, ohne ein Wort
zu sagen, an die Türe und machte sie fast
ganz zu. Durch den kleinen Spalt rief sie
ihm aber mit ihrer hohen, leichten Stimme ins
Zimmer nach: „Schlingel böser, Brummbär alter,
Atheist, Sozialist, schlechter Mensch Du!"

Bevor Florian sie erwischen konnte, war sie
lachend die Treppe hinuntergerannt und hatte
das Gartentor hinter sich zugeschlagen, daß die
Schelle des alten Landhauses ganz entsetzt
klingelte.

Oben im Zimmer aber stand Florian
Schäuffelin, machte die Jalousien der grünen
Läden gerade so weit auf, daß er seine Frau
noch sehen konnte, wie sie über die Straße zur
Kirche ging.

Durch die Iulihitze sangen die Glocken über
das große Dorf hin. Schwer und müde schleppten
sich die Bauern über den weißen, staubigen Weg.
Frau Schäuffelin aber ging so frisch, so aufrecht

I

Leichte

vu sollst im letzten Mendsonnenschimmer
Mir, liebe Klte, clie Leviten lesen,
hier steh ich Zünder unä bekenn: Nicht immer
bin ich seit unsrer ftochreit treu gewesen.

Die schönen Aeibrleut machten mich leicht wirre.
Cras mich ihr blick clurch halbgeschlost'ne Liäer,
gleich liefen meine Kugen in die Irre,

Und nur mit Mühe holt ich sie mir wieder.

stecht wie die stinder spielten meine Finger
Md) im geheimen hinter beinem stücken
Mit andern, die noch weicher, seiner, jünger,
bas alte Ceuselsspiel, das Händedrücken.

Nicht wahr, bu Liebe, das sind kleine Zündchen?
Zu schwerem lieh ich niemals mich betören
Und hatte nie so was wie Zchäferstllndchen.

Ich glaube fast, das könnt' ich Dir beschwören.

Nun naht die Nacht. Ich gehe bald hinüber.

In meinem Herren kennst llu jede Falte.

JTuf Erden halt' ich keinen Menschen lieber,

Und nun vergib mir, meine gute Jllte l

Hd. Sy

und so elastisch dahin, als ob es ein kühler
Herbsttag wäre. Das weinrote wilde Reblaub,
das den breiten schwankenden Rand ihres hellen
Strohhutes schmückte, leuchtete in der Sonne,
und während Florian ihr so nachsah, überlegte
er es sich wieder einmal, wie so ein schwer-
fälliger nachdenklicher Kerl, wie er, eigentlich
zu dieser Frau gekommen war. Er verdiente
sie ja gar nicht, das stand ja fest. Aber daß
sie, die ihm in allen Dingen über war, ihn
manchmal noch bewunderte, das schien ihm
geradezu unverständlich.

Da war sie gerade um die Ecke verschwunden,
und die Glocken sangen immer noch durch die
Sonnenglut: Bim bim —bam—dum —drum —
bimbim—bam— dum— drum — das reine Grals-
motiv aus dem Parsival. Aber im Grunde

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haßte er doch das Gebimmel. Da predigte
um einen schmalen Lohn der Pfarrer, ein
guter Mann, den schläfrigen Bauern über
den wahren Weg. Aber wenn er ganz frei
herausreden wollte, dann wurde seine Seele
das eine Mal durch die Angst vor dem Ober-
kirchenrat, und das andere Mal von dem
Respekt vor der Wahrheit hin und herge-
trieben wie die alten Glockenschwengel im
Kirchturm. Wenn er ein tapferes Bam oder
Bum gesagt hatte, dann klingelte gleich ein
versöhnliches und ängstliches Bim —bim
hinterdrein.

Da bekam Florian Schäuffelin seinen
schlechten Humor. Er schlug mit der Faust auf
den Tisch, daß sämtliche Manuskripte erbeb-
ten: „Himmelherrgottsakrament! Kruzitürken-
bombenelementl Ueberhaupt die Menschheit!
Und erst die Hitze, diese Sauhitze!"

Florian Schäuffelin fluchte. Er fluchte
sehr. Das lag bei den Schäuffelins so in
der Familie, daß sie manchmal fluchen mußten;
dann ging's wieder. Sonst pflegte Florian
zu solchen Kraftworten mildernd hinzuzu-
fügen: .Mit Respekt zu vermelden'. Aber
ein unbezähmbarer Drang nach allgemeiner
Rebellion und nach Umsturz aller guten
Sitten ließen jetzt keine Beschwichtigung in
seinem Herzen zu. Es war wirklich ganz
schauerlich heiß. Er entledigte sich sämtlicher
Kleidungsstücke, die weißen Leinwandhosen
ausgenommen, und lief schimpfend im Zimmer
auf und ab.

„Man wird bei dieser Hitze im eigenen
Hause auch noch herumlaufen dürfen, wie
es einem paßt!"

Drohend sah er sich nach etwa auf-
tauchendem Widerspruch gegen diese Be-
hauptung um.

Aber es war alles still. Heiß und still. Die
Magd war auch in die Kirche gegangen und
seine vier Buben hatten auch gehen müssen.

„Ja, die Religion! Das ist gar nicht
so einfach!"

Mitten in seinem Aerger blieb er auf
einmal laut auslachend vor einem Bildchen
an der Wand stehen. Es war eine alte be-
malte Lithographie, die er in einem Schwarz-
wälder Wirtshaus um wenig Geld von der
Wirtin erstanden hatte. Da schwebte ein
Engel, dem aus einer schönen blauen Uniform
ein Paar mächtige Flügel wuchsen, über
einem brennenden Haus. Er hatte einen
Feuerwehrhelm auf dem Kopfe und goß aus
einem Eimer Wasser in die blutig roten
Flammen. Darunter aber stand das fromme
Gebet:

O lieber heiliger Florian,

Verschon mein Haus, zünd andre an.
Daneben hing ein anderes Bildchen, das
Florian von seinem Vater geerbt hatte.
Auf diesem alten Kupferstich will Abraham
mit einer Feuersteinflinte seinen Sohn Isaak,
angeblich auf Gottes allerhöchsten Befehl,
mit einem wohlgezielten Schuß das Lebens-
licht ausblasen. Auf einer Wolke jedoch
steht ein Engel, aus dessen ganzer Haltung und
Geberde die unverkennbare Absicht zum Aus-
druck kommt, dem Abraham das Pulver an-
zufeuchten. Unter dem Stich aber war der
schöne Reim zu lesen:

Abraham, du zielst umsunst.

Der Engel dir auf d'Zündpfann brunzt.

Diese zwei Bilder schätzte Florian sehr. Und
jetzt gaben sie ihm einen guten Gedanken ein.
Er holte sich im Keller den langen Schlauch
und fing an, durch das vergitterte Küchenfenster
den Gartenhof zu spritzen, damit sie etwas kühler
hätte, wenn sie nach Hause käme. Der Strahl
knatterte in einem hohen Bogen aus der Rohr-
spitze und das zerstäubende Wasser brachte kühle
Luft durch die Gitter in das Haus und ließ
Fritz Droop: Stirb oder siege!
Anton Fendrich: Sankt Florian
Karl Julius Adolf Ey: Beichte
Julius Carben: Illustration zum Text "Beichte"
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