Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 1384
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Liebe fugend!

In einem Kavallerieregiment hält der Wacht-
meister Instruktionsstunde über „Gebührnisse."
Er erzählt, wieviel Gramm Brot, wieviel Gramm
Fleisch, wieviel Gramm Hülsenfrüchte u. s. w.
der Soldat zu bekommen hat. Mit treuer Miene
verkündet er: „Müller, wenn Sie mittags in den
Sxeisesaal geführt werden, können Sie sehen, wie
Ihr Küchenunteroffizier jedem das Seine zuteilt
und zuwiegt. Wenn Sie nun einmal glauben,
daß Ihnen Ihr Küchenunteroffizier zu wenig gegeben
hat, was einmal bei so vielen Vorkommen kann,
so gehen Sie hin und sagen in höflicher Weise,
daß wohl einige Gramm fehlen. Und dann wird
Ihr Küchenunteroffizier Nachwiegen und wird Ihnen
geben, was Sie zu bekommen haben, — vielleicht
haut er Dir aber ooch eene in die Schnauze."

Ich stand vor dem Bahnhof einer kleinen Stadt
in Gstpreußen. Es war Markttag und viele Bauern
kamen mit der Kleinbahn aus den entfernteren
Dörfern. Da sehe ich so ein biederes Bäuerlein,
das offenbar das erste Mal in die Stadt kommt.
Er mustert zuerst andächtig das Äußere des Bahn-
hofgebäudes und erblickt dann den wartenden lfotel-
wagen vom „Goldenen Löwen." Doll grenzen-
losen Erstaunens packt er feinen Begleiter
am Arm: — —

„Aber Mannche! was die tfotölle sind, die
hoab ich mich jau goanz oanders vorgestellt!" —

Srraßenimpression

Das Dach manches Ruhmestempels ruht auf
Litfaßsäulen.

Flaneur

A. Schmidhammer

Aus dem Münchner Quartier latin:

Vor dem Ball

„warum putzt Du Dir bloß einen Finger-
nagel ?"

„weil da der Handschuhfinger a Loch hat!"

Der Kaiser

(Frei nach Uhlands „Der Weiße Hirsch")

Es zogen drei Dankees nach Spree-Athen,

Die wollten den deutschen Kaiser seh'n.

Sie gingen zum Brandenburger Tor
Und pflanzten sich alle drei davor.

Der erste:

Ihr Freunde, mir träumte in dieser Nacht,

Der Kaiser fuhr hier vorbei ganz sacht.

Der zweite:

Und als er mich hier so stehen sah.

Da sprach er: „Na, Thompson, da bist Du ja!"

Der dritte:

Und mir — mir nickte er freundlich zu
Und sprach: „V^elh^enkins — howdoyoudo?“

So standen sie da und sprachen die drei.

Da flitzte der Kaiser im Auto vorrbei.

Zwar brüllte die Wache mit Lungenkraft:

„Raus!"

Doch war er bereits zum Tor hinaus.

Eh' die Bankees ihn sah'n, war wie der Blitz
Der Kaiser beinahe in Döberitz.

S-s-s-s-s-s!
Pf-f-f-f-f-ft!

Tra li tra la!

Bald hier! Bald da!

Henry F. Urban

(Die Noten bilden das bekannte Signal der kaiser-
lichen Auto-Huppe g e g c, von den Berlinern mit
dem Text: Bald hier! Bald da! versehen.)

Lei etwaigen Bestellungen bittet man auf die Münchner „JfCEKll- Bezug zu nehmen.

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Henry F. Urban: Der Kaiser
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Flaneur: Straßenimpressionen
Arpad Schmidhammer: Aus dem Münchner Quartier latin
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