Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Kleid versprochen, wenn du groß bist — also,
nur her damit!"

Du erinnertest dich noch ganz genau an den
Vorfall und sagtest: „Ja, wenn ich erst Geld
verdienen kann! Dann bekommst du's auch!"
Und lachend sprachen wir darüber, wie wohl
das Kleid aussehen würde, und waren einig da-
rüber, daß es etwas ganz Besonderes werden
müßte.

Wieder vergingen Jahre — Sorgenjahre.
Du wurdest ein Riese an Gestalt und Kraft,
ein wahrer Siegfried; ich freute mich an deinem
herrlichen Wuchs, aber ich ängstigte mich, wenn
ich merkte, wie stolz du auf deine Kraft warst
und dich für unüberwindlich hieltest. Du setztest
den Becher des Lebens an deine Lippen und
trankst in vollen Zügen, trankst zu hastig; und
immer stieg eine geheime Angst in mir auf und
quälte mich; sie sprach aus mir, wenn ich dich
schalt. Du konntest mich dann nicht verstehn
und ich litt darunter, und schließlich hielt ich
mich selbst für engherzig und wurde irre an
mir. Deine Kameraden lockten dich dahin und
dorthin und ich blieb viel allein. Es zog dich
zu mir, aber dein Jugend-Ungestüm riß dich
von mir fort; das war ein stetes unruhiges Auf-
und Abwogen. Und wieder konnte ich meine
geheime Angst nicht los werden und fiel dir zur
Last mit Bitten und Vorstellungen.

Ein Iulimorgen! Lachend zogst du mit zwei
lieben, jungen Gefährtinnen in die Berge .. .

Ich hatte dich gewarnt: „Nimm dich in Acht."
Lachend gabst du die Antwort: „Selbstver-
ständlich!"

Und lachend gingst du in den Tod. Am
Morgen wäret ihr hinausgezogen und am Abend
lagst du mit den Andern zerschmettert und blut-
überströmt hoch droben in den Bergen. Die
Nacht kam, es war still um euch her und der
Mond schaute auf euch herab .. .

. . . Junge, mein Junge! Jetzt hast du mir
ein Kleid geschenkt, anders, als du und ich es
gedacht. Ein kostbares Kleid von leuchtendem
Purpur, gefärbt mit deinem jungfrischen Herz-
blut. Der Besatz gleißt und glitzert von Dia-
manten und Perlen, das sind all meine gewein-
ten und ungeweinten Tränen. Und ein Diadem
hast du mir auf's Haupt gesetzt, das ist so schwer,
daß es mich zu Boden drückt.

O lieber, lieber Junge, das Kleid ist zu
kostbar, ich will's nicht tragen! Es beengt
mich, daß ich nicht atmen kann. Nimm's fort!
Das Diadem beugt mir den Kopf herab, daß
ich gebückt gehn muß; es sticht mit tausend
Nadeln in mein Gehirn.

Ja, kostbar ist das Kleid, das du mir nun
geschenkt hast. So kostbar, daß die Menschen
sich vor mir beugen, wenn sie mich darin sehn.
Aber ich glaube, sie ducken sich nur, aus Furcht,
daß sie auch einmal ein so prächtiges Kleid
tragen müßten.

Mein Junge, mein Herzensjunge, nimm es
wieder von mir, dies kostbare Gewand. —
Ich sehe dich vor mir stehen in deinem blauen
Kittelchen, mit deinen langen, blonden Haaren,
wie du mich treuherzig anblickst und sagst:
„Wart' nur, wenn ich groß bin, schenk ich dir
ein schönes Kleid —"

So war's nicht gemeint, so nicht. Nimm's
fort von mir, ich bitte dich. Hörst du denn
nicht, wie deine Mutter dich bittet?

-Nein; ich muß es tragen dieses

Kleid des Schmerzes, und ich will es tragen,
dir zu Ehren. Denn du starbst in Schönheit
und in Reinheit!

Rinderspruch

für den Deutschen Schulverein

Kommen wir beide so Hand in Hand,
Bitten für das bedrohte Land.

Sind wir auch noch schwach und klein,
Wollen wir doch dabei schon sein,
Betteln heute vor Tor und Türn,

Wollen das deutsche Land nicht verliern.
Jedem, der uns ein Kreuzerlein weiht,
Lohn' es der Himmel in Ewigkeit!

Jul. Franz Schütz

Praeceptores kritanniae

Seit des Mister Repington epochalen Ent-
hüllungen weiß bekanntlich alle Welt, daß der
deutsche Soldat ein verdrossener, verschüchterter
Jammerlappen ist, — eine Tatsache, die man
durch ein paar tendenziöse Siegesmanöver bei Metz
und Sedan seinerzeit zu verschleiern gewußt.

Daß es ihm speziell der französische Nachbar-
konkurrent in jeder militärischen Tugend znvortut,
hat neuerdings in gleich einwandfreier weise der
honorable Mister George hinznbewiesen.

Leider schien bisher das welthistorische Resul-
tat der so genial angesetzten Gleichung nicht ganz
zu stimmen.

Doch auch diese Kleinigkeit hat nunmehr der
wissenschaftliche Beirat am „Foreign Gffice" und
Spezialist für weltpolitische Sterndeutung Mister
Steasle (sprich: Stießl) entsprechend nachkorrigiert.

Seine jüngsten Forschungen haben das ver-
blendete Europa endlich davon überzeugt, daß der
bisher gänzlich mißverstandene Feldzug von J870
in Wahrheit eine ununterbrochene Kette von fran-
zösischen Erfolgen war.

wer die Bilder des französischen Schlachten-
malers Dctaille kannte, wnßte das ohnehin schon
längst. Nur die rückständige Geschichtsforschung
hatte bisher ihr Urteil durch würdelose Preußen-
angst trüben lassen.

Solche Jämmerlichkeiten läßt Mister Steasles
(sprich Stießl) welterschütternde Geschichtsreform
tief unter sich. Frankreich, so führt der große
Gelehrte aus, war schon seit mehreren Menschen-
altern bestrebt, das Elsaß, das ihm in einer
schwachen Stunde einmal aufgehalst worden war,
und seither wie ein fremder giftiger Dorn in seinem
nationalen Fleische saß, in unauffälliger weise
wieder los zu werden. Auch litten die franzö-
sischen Staats- und Sparkassen an chronischer Über-
füllung. Schließlich suchte Kaiser Napoleon, heimlich

ein glühender Demokrat, längst nach einer takt-
vollen Form, seinem Lande die Segnungen repu-
blikanischer Staatsform zuteil werden zu lassen.
Die siegreiche Durchführung des so bedingten drei-
fachen Reformplanes bleibt eine der erstaunlichsten
Leistungen der Weltgeschichte.

Man bedenke nur, wie glorreich die List ge-
lang, die verschüchterten deutschen Heere nach Frank-
reich herüberzulocken, dank der unvergleichlichen
Marschtüchtigkeit und dem fabelhaften Elan, mit
dcui die Rückwärtsbewegungen ausgeführt wurden.
Man kann sich auch vorstellen, welcher Umsicht
und Geduld es bedurfte, um die verdrossenen
schwerfälligen Deutschen regelmäßig um die eige-
nen Flügel herumzukriegen.

Gber- und Unterkommando arbeiteten in sel-
tener Einmütigkeit zusammen, um im entschei-
denden Moment immer schwächer zu sein als der
Gegner, und einzelne Truppenteile hatten bekannt-
lich erstaunliche Marschleistungen zu vollbringen,
um dem Feinde außer Sicht zu kommen, wenn
dieser einmal in zu drohender Minderzahl erschien.

Nur ein einziger Heerführer, Aurelle de Pa-
ladine, hatte das Pech, bei Loulmiers, siegreich
bleiben zu inüssen, was ihn bekanntlich sein Kom-
mando kostete.

Sonst aber ging alles so ziemlich nach Wunsch.
So gelang cs Bazeine durch schwierige, fein be-
rechnete Manöver, sich mit j; 75000 Mann ein-
schließen zu lassen, während Bourbaki vor der
Notwendigkeit eines entscheidenden Sieges mit
80 000 Mann glücklich über die Schweizer Grenze
entkam.

Line einzige Stimme lautesten Jubels herrschte
besonders im kaiserlichen Hauptquartier, als es
endlich geglückt war, die Hauptmasse der Armee
in Sedan ans möglichst engem Raum und in mög-
lichst ungünstiger taktischer Situation so zu pla-
cieren, daß die verdrossene, verschüchterte deutsche
Armee sich endlich schweren Herzens entschließen
mußte, die Umzingelung vorzunehmen. Als Na-
poleon bei Mäziäces die lang erwarteten Pickel
Hauben endlich austauchen sah, sank er dem Freu-
dentränen vergießenden General wimpffen an die
Brust und sprach das bedeutsame, von Mister
Steasle erstmalig festgestellte Kaiserwort: Kutin!

Der Preis all dieser strategischen Meisterstücke
war aber auch, wie bekannt, ein überaus glän-
zender. Nicht nur das ganze Elsaß,' sondern auch
wesentliche Teile von Lothringen, vor allem das
lästige Metz konnten dein arglosen Deutschen Reich
gegen eine einmalige Abfindungssumme vor: fünf
Milliarden, — die gleichzeitig einen Seufzer der
Erleichterung in allen Staats- und. Sparkassen
auslöste, — glücklich anfgehalst werden.

Daß der vermeintliche deutsche Sieg weiter
nichts war, als eine barbarische Blamage, wußten
ohnehin längst alle, die je eine Rede des Herrn
Döroulede gelesen. Aber von der Größe dieser
deutschen Schmach giebt uns erst Mister Steasle
die richtige Vorstellung.

wie verlautet, wird das geniale Werk des
großen Historikers die Folge haben, daß auch
England, um sich von seiner drückenden Welt-
herrschaft zu befreien, Deutschland demnächst in
eine ähnliche Falle locken will.

Die Befürchtung liegt sehr nahe, daß der an-
dauernd verdrossene, unentwegt verschüchterte
Michel wieder mit derselben Arglosigkeit hinein-
gehen wird. ««8
Julius Franz Schütz: Kinderspruch für den Deutschen Schulverein
Eos: Praeceptores Britanniae
Arpad Schmidhammer: Illustration zum Text "Kinderspruch für den Deutschen Schulverein"
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