Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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6r weint!

Weint mit ihm aus ticfftem Heulregister,
Wenn euch Lachen nicht viel besser scheint,
Weint mit Frankreichs Kolonialminister,

Der vor Schmerz ganz fürchterlich geweint!

Nämlich wegen der Marokkoakte,

(Wo doch Frankreich so viel Unrecht litt,)

In der letzten Kammersitzung packte
Ihn die Meinung, Biele weinten mit.

Daß er stimmen mußte in der Kammer
Für den deutsch-französischen Vertrag,

Füllte ihn mit grenzenlosem Jammer,

Zur Verzweiflung trieb ihn dieser Schlag.

Wie ein Schloßhund heulte er im Zorne,
Kolonialminister Herr Lebrun,

Chauvinist vom echten Schrot und Korne —
Aus der Gegend glaub' ich von Verdun.

Schluchzen schüttelte den Patrioten,

Bäche stürzten über sein Gesicht,

Die den Saal zu überschwemmen drohten —
Er entfloh i denn länger trug er's nicht!

Naß war er bereits bis auf die Strümpfe,
Wie ein Kind, das in den Windeln liegt —
Alles wegen der famosen Sümpfe,

Die der Michel jetzt am Kongo kriegt!

Deputierte und Minister eilten
Jenem nach in einen Nebensaal,

Wo sie ihm durch sanften Zuspruch heilten
Seinen Weinkrampf nebst der Seelenqunl . . .

Weinen möchte wohl auch unsereiner —

Daß ein solcher Schauer-Komödiant,

Wie besagter Iammerer und Weiner,

Möglieli bleibt in jenem großen Land!

Pips

*

Das vorschriftsmäßige Aergernis

Die „Münchner Zeitung" meldet, daß die Polizei
daselbst ihre Anklage gegen die Nackttänzerin
Villany wegen Sittlichkeitsvergehen wieder fallen
ließ, weil unter den 2700 Personen, die in drei
Vorstellungen sie gesehen hatten, — leider! — nie-
mand das zur Anklage „vorgeschriebene Aerger-
nis" genommen haben soll. Einzig der Polizei-
mann, der die Tänzerin verhaftete, hatte sich sittlich
entrüstet.

Es fehlt also in München bedenklich an ge-
übtem Aergernis nehmen! Uni diesem Mangel
abzuhelfen, will der „Männerbund für deutsche
Sittlichkeit" Volkskurse und Ubungs -
abende einrichten, in denen in systema-
tischer Steigerung der Dosis so lange Ärger-
nis geboten werden soll, bis es genommen
wird. Die erfahrensten Nuditätensammler
des Männerbundes werden die Perlen
ihrer Sammlungen in Projektion vorführen
und Blütenlesen aus ihren Entrüstungs-
büchereien vorlesen, in- und ausländische
Tänzerinnen der verwegensten Gattung
werden sich so nackt als möglich produ-
zieren u. s. w. So hofft man nach und
nach das Schamgefühl der Kursteilnehmer
derartig anzuregen lind zu entwickeln, daß
sie schließlich über Alles, was nackt ist,
sich sittlich entrüsten. Besonders sittlich
Veranlagte hofft man so weit zu bringen,
daß sie sogar an einem dreijährigen
Brunnenbuberl aus Bronze Aergernis
nehmen können, wie es ein Geistlicher in
Aachen tut, der einmal den Hermes von
Praxiteles im Kurgarten für ein schamloses
Frauenzimmer erklärte und ein Braut-
paar nicht kopulieren wollte, weil es in
einem Hause mit zwei nackten Karyatiden
wohnte.

Solange in Deutschland noch ein Mensch
ein nacktes Stuhlbein sehen kann, ohne
Protest zu erheben, so lange darf nicht
geruht werden!

— i>* —

F. Heubner

Selig sind die amtlich untersuchten Toten

„Na — Herr Pastor, AmtsjerichtSrats Grethchen
iS ja nu doch »ich verbrannt worden?"

„Tjöh nun — man wird eben gewntzt haben,
— Warum.. ."

Selbstlose freunde

„Liebe Freunde," sprach vor einer Weile
Signor Italiano, „hört einmal:

Während ich nüt Mohammed mich keile,
Bleibt, geliebtes Brüderpaar, neutral!"

„Yes, Sir!“ sprach darauf gerührt der Eine,
Und der zweite sagte: „Om, monsieur!“

Sie verschränkten friedlich Arm' und Beine,
Schauten gottergeben in die Höh'.

Plötzlich aber — Gott weiß, wie das vorging!
Seltsam spielt ja manchmal die Natur! —
Hatte Bull Herrn Italiano's Ohrring,

Und Monsieur des Signors Taschenuhr.

„Solum" hieß der 9ting; die Uhr „Oasen".
Beide sind den Freunden, frei und frank,
Während sie neutral im Schatten saßen
„Zugelaufen" — naturellemank!

Und indem sie Friedenslieder pfeifen,

Denkt John Bull: „'s ist sonderbar damit:
Immer, wenn wo zwei zum Messer greifen,
Mach' ich als Neutraler — einen Schnitt!"

Kartellen

Der neueste Angel-Sport John Bults an den
deutschen Küsten

.Ra, wenn ich den Köder recht feit mache, wird doch dieser
jener von den verstuchtcn Germans anbeitzen!"

Der Ebescheidungsring

Frau Marina Parke in Chicago hat einen
„Ehescheidungsring" erfunden, den geschiedene
Frauen am kleinen Finger der rechten Hand
tragen, um damit alle indiskreten Fragen nach
dem Gatten abzuschneiden.

Mrs. Parke hat mit dieser „Erfindung" leider
nur halbe Arbeit geleistet. Wir wollen doch volle
Klarheit über alle ehelichen bezw. nichtehelichen
Verhältnisse haben. Mit Recht hat nun eine
Milwaukeeer Rivalin der Frau Parke, Mrs. Clear,
weitere Neuerungen auf diesem Gebiete eingeführt.

Nach ihr bedeutet

ein Ring am linken Zeigefinger: ich will einen
Mann haben (neben dem Ehering getragen, natür-
lich : ich will einen Hausfreund haben!)

ein Ring am rechten Daumenfinger: Mein
Mann ist ein Trottel und läßt sich um den Daumen
wickeln;

ein Ring in der Nase: mein Gatte ist ein
Tyrann;

eine enge Kette uur den Hals: mein Gemahl
ist eifersüchtig k. Als Kettenanhängsel lassen sich
reizende kleine Hirschgeweihe aus Elfenbein in
Gold gefaßt tragen und besagen je nach der Zahl
der Enden, wie oft der Gatte im laufenden Jahr
betrogen wurde. —

Kürzlich saß ich zufällig in Gesellschaft dieser
Frau Clear gegenüber und begann an ihr zu
lesen: Ich bin sechsmal geschieden, mein siebter
Mann ist ein Trottel, aber ein eifersüchtiger
Tyrann. Trotzdem habe ich ihn in drei Monaten
49 mal betrogen und suche für den „Iubiläums-
fall" einen neuen Hausfreund. —

Wie herrlich ist diese neue Methode, dachte
ich, und nahm — Reißaus. Beda

Aöln wider Aöln

Soeben erscheint eine neue Zeitschrift, die
„Kölner Korrespondenz", die die katholischen Prin-
zipien auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens
fördern will. Sie bekänipft die sogenannte Köl-
ner Richtung, die durch den Erzbischof von Köln
und die „Kölnische Bolkszeitung" vertreten wird,
zugunsten der Berliner Richtung des Kardinal
Kopp; jene betont das konfessionelle Prinzip,
diese mehr das allgemeine Christentuni.

Wir wünschen dem verdienstlichen Unternehmen
der „Kölner Korrespondenz" viel Glück. Es ist
Zeit, daß das Zentrum mit dem verwaschenen
sogenannten Christentum aufräumt. Wer
nichts weiter ist als ein Christ, der ist schlim-
mer als ein Heide. Jeder gute Katholik muß
ausrufen: Hoch der Katholizismus, nieder
mit dein Christentum! Und wenn der Erz-
bischof Fischer, wie es im letzten Frühjahr
hieß, beim Papst war, und diesen gegen
die Berliner Richtung einnahm, so will dies
gar nichts sagen. Ein jeder patriotische
Deutsche muß eben katholischer sein, als
der Papst. Vinn verweise uns gegen unsere
Ausführungen nicht auf Gottes Wort von
der Nächstenliebe; denn der liebe Gott ist
eben kein Katholik.

Frido

Zur gefl. Beachtung!

Mit dieser Nummer beginnt die „Jugend“
das erste Quartal des Jahrganges 1912.
Wir richten an unsere verehrl. Abonnenten
das höfl. Ersuchen um sofortige Erneuerung
des Abonnements, damit im Fortbezug der
„nd Zeitschrift keine Störung eintritt.

Verlag der Münchner „Jugend“
Beda: Der Ehescheidungsring
Redaktioneller Beitrag: Redaktionelle Notiz
Frido: Köln wider Köln
Friedrich (Fritz) Heubner: Selig sind die amtlich untersuchten Toten
-Ps- -ps - ps -: Das vorschriftsmäßige Ärgernis
Monogrammist Pentagramm: Der neueste Angel-Sport John Bulls an den deutschen Küsten
Pips: Er weint!
Karlchen: Selbstlose Freunde
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