Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Horch, wie die Trommel hallt
Im Frührotschein!

Fußvolk singt: „Ach wie bald
Mädchen, du Mädchen fein,
Abschied muß sein."

Und deine Stimme schallt,
Liebster, so hell und kalt
Mitten darein.

Nach vier Wochen aber ein Brief von ihr:
„Ich Hab'mich verlobt!" Ich springe aus dem
Sessel, — Donnerwetter, die Donny ist verlobt!
Und blätterte um, — und da steht mit wem!

Es hat mir damals einen Schlag gegeben,
denn daß das nie gut gehen konnte, wenn die
Donny den Georg Strach heiratete, das stand
felsenfest. Den kannte ich nämlich!

Ich überlegte lange: soll ich was sagen?
Aber „des Menschen Wille ist sein Himmel-
reich" dachte ich, — soll er's haben! Ich schrieb
einen Brief, der die äußeren und inneren Vor-
züge Georg Strachs gar nicht berührte, und
sandte zur Hochzeit einen Goldgegenstand. Es
war damals in Wien irgendwo ein prachtvoller
Rosengarten ausgestellt gewesen, nicht in der
üblichen Zinnobertinktur, sondern leicht und
graziös vor einem mattblauen Herbsthimmel,

— den hatte ich kaufen wollen. Aber die Donny
war so taktvoll gewesen, mich nicht zur Hoch-
zeit einzuladen, — nun vergalt ich es und
schickte das gediegene Gold.

Es vergingen an die drei Jahre. Donny
lebte bald da, bald dort, nie in meiner Nähe.
Ein einzigesmal schrieb sie mir: „Noch immer
Junggeselle?" Darauf antwortete ich nicht. Es
ist nämlich nicht zu sagen, wie einen Jungge-
sellen alle Leute ärgern, die verheiratet sind
und so tun, als wären sie furchtbar glücklich I
Und wenn die Donny glücklich war, — dann

— verachtete ich siel

Einmal kam ich in eine Herrengesellschaft
in der Provinz. Donny war den Winter über
hier gewesen. Was die Alles erzählten! Donny
hin, Tonny her! Und: „Armer Mann!" Einmal
habe sie eine kleine Geschichte mit dem, morgen
mit dem gehabt, ... und überhaupt — ?! Sie
pfiffen durch die Zähne.

Ich machte mir meine Gedanken.

Es kam der Sommer. August zu tat ich
meine Reise, in die Dolomiten hinein. Eines
Abends, — ohne Plan und Absicht, — sitze ich
im Karerseehotel. Was? sagte ich zu mir und
blickte rundum, — das ist daraus geworden?
Es waren leicht zweihundert Toiletten um mich
herum.

„Paul!"

Ich springe auf. Diese Stimme habe ich
sofort erkannt. „Donny .. .1" — ...

„Donny" sage ich nächsten Morgen, führe
sie in den Wald hinaus, denn vor dem Georg
kenne ich keine Umstände, der kann unterdes
maniküren und Sanatogen essen, — „Donny,
jetzt erzähle!"

Sie hat mir aber gar nichts gesagt. Freilich,
eine Woche später, kam ich, wie gewöhnlich,
von selber drauf. Den Hof machten sie ihr
alle, vom alten Herzog bis zum Liftboy herab;
wenn sie vor dem souper in ihrem Hermelin
auf der Rampe stand, schossen sie wie die dres-
sierten Gcntlemen auf sie zu. Aber da war
Einer, der sichtbar nur eine halbe Stunde täglich
bei ihr verbrachte, — und zwar in Anwesen-
heit des Gatten. Der war verdächtig I

Aiismarfct)

von Franz Langheinrich

Liebster, ich bitte dich,

Singe nicht mit!

Denn gar so inniglich
Zwingst du mein Leid in Schritt
Zu deinem Tritt,

Zwingst mich und folterst mich,
Liebster, ich bitte dich,

Singe nicht mit.

Einmal, noch einmal winkt
Mir seine Hand —

Ach, und die Trommel klingt
Wie aus dem Totenland.

Auf ihren Rand,

Daß sie noch voller schwingt,
Habt ihr, das weint und singt,
Mein Herz gespannt.

Ich zog meine Schlüffe, in Combination mit
dem, was ich von der Herrengesellschaft her
wußte, und machte Beobachtungen dazu. Und
als es feststand, daß das stimmte, ging ich viel
allein spazieren und dachte Vieles nach. Nur
über die Donny. Die war ein lieber Kerl von
Anfang an gewesen, etwas Herzigeres, Verstän-
digeres, Offeneres als sie gab's gar nicht. Und
die war jetzt ohne Zweifel dran, eine leichtfer-
tige Frau zu werden, — wenn sie's nicht schon
war! Sollte man da nicht — ?

Nein! Geht mich nichts an!

Aber daß mich das nichts angehen sollte?
Die einzige Freundin? Von Kindheit her?

„Es ist deine Pflicht, Paul!" Damit kam
ich nach einer weiteren Woche aus dem Walde
hervor.

„Donny," zog ich sie diesen Abend dem ge-
fährlichen Herrn fort, „jetzt höre!" Und nun
spulte ich meinen Faden ab. Sie wisse, daß ich
sie gern habe, seit ich denke, und sie wollte ge-
wiß nicht meinen, ich rede da zugunsten Georgs.
„Fällt mir gar nicht ein!" Aber,... aber, ...
„Donny, siehst Du, um Dich wär's doch schade,
... anders kann ich's nicht sagen!" Das Los
einer leichtfertigen Frau fei zuletzt immer das-
selbe, nämlich ein trostloses, — „und schließlich
leben wir nicht wegen des bißchen Genießens,
man hat doch auch . . ., ja, ich sagte wahrhaftig
.Ideale!' Und darum, Donny . .."

Sie lachte mich übermütig aus. „Haha, der
Paul! Predigten? Reizend! Paul, . . . das ist
reizend!" Sie lachte so lustig, daß ich schwor,
mich niemals mehr in Frauensachen zu mischen,
und wie auseinandergerissen gingen wir um’s
Hotel herum, immer noch einmal, und schließlich
gab sie mir die Hand.

Ich schlief diese Nacht nicht gut. Man hat
doch auch seine Empfindlichkeiten! Und am
nächsten Tag kümmerte ich mich einfach nicht
um die Donny. Abend zu ging ich in die Al-
men hinab gegen die Welschnofnerstraße; weiß
nicht, warum. In meiner zerfahrenen Stimmung.

So gegen sechs mochte es sein, da sah ich, nun
glühte es. Ganz überraschend war es gekom-
men. Aber noch viel überraschender kam die
Donny. Die stand auf einmal da, und ich
merkte es sogleich, es war ihr nicht recht, daß
sie mich traf. Aber Dame ist sie, wir gingen
also zu zweien den Weg zurück, almaufwärts.
Immer im Widerschein des Glühens.

Plötzlich — aha! Da kommt er!

Er steigt geradeso wie seinerzeit der Eng-
länder über die Felswiesen herab, nur läuft er
viel behender! Ja, der läuft, — Donner-
wetter! Die Donny wird schon nervös, sie
tut, als sähe sie ihn nicht. Das reizt mich;
ich bleibe stehen .. . „Donny", sage ich, und
das Spottchen soll sie merken! .... „Mein
Rosengarten!"

„Ja!" springt sie mir wie ein Pfeil davon
und fliegt ihm entgegen. „Mein Rosengarten!"

Ich Hab' ihr nur nachschauen müssen, bis
ich mich besann. Dann warf ich mich mit
Heftigkeit platt auf die Wiese. In gewissen
Momenten ist es nicht nur gut, nicht gesehen
zu werden, sondern auch selbst nicht sehen zu
können!

Was ist etwa aus der Donny geworden?
fragte ich mich immer in den nächsten zwei
Jahren, wenn ich darüber nachdachte, was denn
eigentlich aus mir geworden war.

Wird sich schon daran gewöhnt haben!
sagte ich als Antwort. Es tat mir das aber
Alles aufrichtig leid, die Donny, das war noch
etwas, was gut geblieben war da drinnen.. .

Ich mache eine kleine Reise, und eines
Oktobernachmittags gehe ich auf der Talfer-
mauer in Bozen. Es ist wolkenlos, auf der
Schattenseite sind die Berge dunkclblaugriin,
auf der Sonnenseite wie Kupfer und Messing.

Wunderschön! Ich gehe so. . . plötzlich —
„ja, ist das nicht... ?"

Sie war es! Ein bißchen, bißchen gealtert.
Fast müde... sehr frauenhaft. Und eine Linie
leidend.

„Donny, . . . das ist furchtbar nett!" Es
ist mir nämlich eine unbeschreibliche Freude, sie
so ganz überraschend zu treffen. Und ihr auch.
Ich merke das; nach einer Minute sind wir
schon so zusammen, als ob wir niemals aus-
einander gewesen wären. Und diesmal brauche
ich kein Wort zu fragen. Ganz von selbst, —
Alles, Alles, Alles erzählt sie mir. Als ob es
eine heiße, langverhaltene Lust in ihr wäre, mir
wieder ihre Schmerzen anzuvertrauen, reicht sie
mir alle herüber. Und es sind schwere darunter!

Wir werden lange reden müssen, sehr lange I

Aber auf einmal sind wir still geworden.
Keiner weiß, warum, bis ich in dem tiefen
Schweigen emporschaue und den Rosengarten
erblicke. Er glüht.

Und wie ich sehe, die Donny schaut auch
hinauf, kommt's mir aus einer gor nicht leicht-
fertigen, sondern aus einer heißwehmütigen
Brust heraus: „Donny . . . Mein Rosengarten!"
Therese Weber: Vignette
Franz Langheinrich: Ausmarsch
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