Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 4

1912

Lellenlähmung und Sellentoö infolge von
Störungen des Lleklrolptkreislaufs

Daß und warum der sogenannte Blutkreislauf
wegen seiner unmittelbar lebenerhaltenden
Dynamik eigentlich E1 ektro 1 ytkreis 1 auf ge-
nannt werden muß. habe ich in der 4. Auflage
meiner Schrift über den „Elektrochemischen Be-
trieb der Organismen" ausführlich dargelegt. Ja
ich glaube es plausibel gemacht zu haben, daß
lange vor der Entstehung des Eiweiß- und Sauer-
stoffblutes die Salzlösung als ft r ö m e n d e
blüffigkeit organisiert gewesen ist. und daß
erst im Laufe der Entwickelungsgeschichte die er-
nährenden . aufbauenden und die fermentativen
Bestandteile die elektrogenetischen überwuchert und
bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt haben.

Indessen waren meine Beweisniittel fast aus-
Aueßlich den Beziehungen des Elektrolyten zum
mehirn entnommen, das sofort zu funktionieren
niishört. wenn es nicht mehr von der Salzlösung
m. der normalen Menge und Konzentration be-
spült wird. Dieser Lähnmng des Zentralorgans
folgt dann, wenn nicht sofort der Elektrolytkreis-
™! künstlich wiederhergestellt wird, bald der Tod
des Individuums. Weshalb ich das Gehirn die
elektrische Zentrale geiinnnt habe, von welcher
das Herz mit seinen versprengte» Ganglienzellen
mir eure nervöse Dependenz. ein turbinenartiges
Pumpwerk bildet, das gleichzeitig mit dem Gehirn
seinen Betrieb einstellt.

Die chemische Eigenart des Gehirns bringt es
nun mit sich, daß hier der Tod durch Entsalzung
sNt ersten Augenblick sehr oft keiiie wesentlichcii
äußeren Kennzeichen hinterläßt. Das gilt sowohl
vom zentralen Tod des gesamten lebenden Systems,
als von einer großen Zahl voii partiellen, ineist
halbseitigen Apoplexien und Lähmungen, Ohn-
mächten, motorischen Ermüdungs- und Schwäche-
zuständen u. dgl., die vom Gehirn ausgehen, bei
denen aber in diesem Organ selbst keinerlei nna-
tomische Aenderungen erkennbar sind.*) Da früher
Niemand aus die Idee gekommen war. daß der
Grund in unbefriedigtem Ionenhunger der Ge-
hirnzellen zu suchen sei. so wurde von „toxischen
Herderkrankungen" u. dgl. gesprochen. Seit Bu-
ch ow ist in der pathologischen Anatomie die Ten-
denz bemerkbar. den Störungen des Kreis-
laufs eine weitgehende Bedeutung für alle Läh-
mungen uiid Nekrosen einzuräumen,**) womit
sich diese Wissenschaft einen großen Bo'Urung
vor der psychologischen Psychiatrie ges '■ hat.
Während aber nod) heute allgemein das <?.»t als
Nährsaft in Betracht gezogen wird, erlaube
ich mir gairz speziell den Elektrolytkreislauf
verantwortlich zu machen und seine ausschlag-
gebende Bedeutung bei allen oder doch nahezu
allen körperlichen (auch psychischen) Entartungen
in den Vordergrund zu stellen.

Es gibt nämlich nach meiner Überzeugung m
unserem Körper unter den Milliarden lebender
Zellen keine einzige, es gibt keiiie noch so kleine
Partikel lebender Substanz, die nicht durch
Entziehung der ihr zukommenden Salz-
lös u >i g gelähmt und getötet würde (mit
bedingter Ausnahme etwa der Hartknochen, her
Nägel i,nd der Haare, überhaupt aller nicht
eigentlich „lebenden" Bildungen). Ja noch meyr.
be, einer großen Niasse lebenswichtigster Gebilve.
zu denen namentlich die Nerven- und Muskel-
zellen aehören, genügt zum Untergang schon o,e
Herabsetzung der Geschwindig-
keit. mit der die elektrolytische Flüssig-
keit ihre Ionen einwirken läßt.

Um dies zu verstehen, bitte ich f

emen Vorgang aus der Pflanzenwelt
vorführen zu dürfen. Man kennt ^

*)Kaufman n. Spcz. pathot. Anatomie.

6. Aufl. 1911. II. S. 1153. Sinnt.

**) Bat. Stfcf)off, Pathof. Anatomie
1911. I. S. 897, 411. II. 196, 248,

283, 339, 433, 663, 753, 833 re.

JUGEND

Süßwafferpflanzen, die nur in fließende»
Gewässern existieren können, in stehenden gehen
sie zu Grunde. Warum? Die Erklärung des
Grundes bildet einen Triumph der modernen
Biochemie: Jene Pflanzen bedürfen zu ihrem
Leben einer relativ großen Masse von Kalium.

Das Wasser enthält aber davon so wenig, daß
es nur in fließendem Zustande der Pflanze die
erforderlichen Mengen rasel> nacheinander zur Stil-
lung ihres Kaliumhungers darhieten kann.

Aehnlich können wir uns die Einwirkung des
Elektrolytkreislaufs vorstellen. Nehmen wir z. B.
den Darm, dessen Bewegung (Peristaltik) nicht
bloß, sondern dessen Lebensfähigkeit überhaupt
von der » n unter!) r v ch e n e n Durchblutung
abhängt. Freilich hat man bisher imnier gesagt:

„Der Darm wird gelähmt, stirbt ab, weil er nicht
mehr ernährt wird." Und man dachte dabei
an die Blutkörperchen und sonstigeil Protein- und
Kolloidbestandteile des Blutes. In Wirklichkeit
aber ist die nächste Ursache das Wegbleiben der
sich durch die Kapillaren bewegenden Ionen-
f 1 ü s s i g k c i t, wobei nicht nur die Salz-, sondern
auch die Sauerstoffionen eine große Rolle spielen
und „bei uns Warmblütern" außerdem noch die
höhere Temperatur als Energiespender (als „Ko-
effizient" lautet der wissenschaftliche Ausdruck) i»
Betracht kommt. Infolge dieser, manchmal bis
zum Fieber gesteigerten Beschleunigung aller Re-
aktionen treten niich Zellenlähmung >ind Zellen-
tod beim Warmblüter viel rascher ei» als beim

Kaltblüter.

Daß es nicht die ernährenden Proteine des
Blutes sind, deren Fehlen so rasch Lähmung und
Tod herbeiführt, zeigt sich ja auch bei dem Er-
folg der elektrolytischen Infusion nach vollständiger
Entblutung: hier, wie bei allen sonstigen Anwen-
dungen derselben ist es ja eben das b luter setz-
ende Salzwasser, das die „zauberhaften"
Wirkungen hervorbringt. Es gibt also eine ge-
wisse Zone, innerhalb deren der Organismus der
„Ernährung" im engeren Sinne des Wortes ent-
raten kaiin, wenn niir die elektrolytischen Lebens-
bedingungen erfüllt sind.

Wir wissen, daß das Gehirn ebenso wie das
durch seine Ganglienzellen hirnverwandte Herz
vermöge ihrer zähen Widerstandsfähigkeit, auch
in gelähmtem Zustande geraume Zeit „warten"
können, bis der Arzt durch die lebensrettende
Infusion ben elektrogenetischen Kreislauf wieder
in Gang gebracht hat. Dann nehmen sofort oder
allmählig auch alle anderen Organe ihre Tätig-
keit wieder auf. Es gibt aber auch Fälle, in
denen einzelne Organe selbständig gelähmt werden
und der Nekrose verfalleil. So stirbt der ge-
lähmte Darm ab, wenn ihm z. B. durch eine
plötzliche Verstopfung (Embolie, Thrombose) der
oberen bezw. unteren Darmarterie die normale
Bespülung durch die fließende Salzlösung
längere Zeit entzogen ist. Der Darin bedarf eben
zu seiner Tätigkeit u n d Leblichkeit nicht bloß der
Durchtränkung mit elektrolytischer Flüssigkeit (wo-
mit maiiche andere Gewebe sich begnüge»), son-
dern er ist wie kaum ein andres Gebilde auf
die Geschwindigkeiten des Kreislaufs
angewiesen, durch welche ihm — ähnlich wie den
erwähnten Pflanzen, — die erforderlichen Energetika
i» genügender Menge zugeführt werden. Bon
ähnlichen partielleil Nekrosen durch Kreislauf-
störung berichtet die pathologische Anatomie be-
züglich der Nieren, des Herzens, der Lungen k.

_ Allerdings ist das Beispiel des Darmes ein
besonders drastisches. Der Darin hat zu feiner
gewaltigen, vielseitigen und eigenartigen Tätigkeit
als biochemisches Laboratorium und als Transpor-
teur gefährlicher, weil schon in Verwesung über-
gehender Stoffe den Elektrolyten nötiger als ir-
gend ein anderes Organ; nach den Mahlzeiten
in solchen Mengen daß darunter sogar die Gehirn-
funktionen leiden. Schon die fortwährende Be-
rührung mit den Fäkalien erheischt eine besonders
starke Potenz dieses vom Menschen mit Vorliebe
inißhandelten Organes. Trotzdem ist zwischen
ihm tind allen anderen Organen und Teilen
quoaä Elektrolytversorgung kein prinzipiel-
ler, sondern nur e i n gradueller Unterschied.
Jede Hantstelle unseres Körpers rächt sich für
elektrolytische Vernachlässigung, wäre es auch
nur durch ein unschuldiges Winimerl oder durch
fahles Aussehen. Es ist unglaublich, was sich
die Natur gefallen läßt; denn wenn man bedenkt,
daß unter hundert Stadtbewohnern kaum fünfzig
ein ganz normales Blut haben, so erscheint es
fast als ein Wunder, daß die bestehenden Kranken-
häuser ausreichen. Es ist ein Trost, daß der
Elektrolytkreislauf die allermeisten Wunden, die
er geschlagen, mich wieder zu heilen vermag.

Wenn wir auch im menschlichen oder Warm-
blüterkörper kein einziges Gebilde kennen, das
nach Art der herauspräparierten Froschmuskeln
durch Aufbewahrung in isotonischer Kochsalzlösung
rei Woche» lang „lebend", d. h. reaktionsfähig.

' —*■' l’immen doch auch

drei Wochen lang „tebeno . v. _

erhalten werden könnte, so kommen doch auch
dort die verschiedensten Grade elektrolytischer
Einwirkung vor — von dem scheinbar nur os-
motischen Ruhezustand bis zu der größten Ge-
schwindigkeit des Ionenwechseis. So sicher manche
Gebilde (z. B. die Kapillaren) durch ein zu rasches
Uwe» j„ ihren Funktic

Gebilde (z. B. die Kapmaren/ uum, ..... „„

Strömen des Elektrolyten m ihren Funktionen
gestört würden, so sicher ist anzunehmen, daß andere
durch vollkommene elektrolytische Ruhe degene-
rieren. Auch die Dauer der Lähmung vor dem
„Tode" ist sicherlich nicht überall die gleiche, so
wenig wie die chemischen und morphischen Ver-
änderungen. welche zwischen Lähmung und Tod
und nach erfolgtem Tode eintreten.

Die Unsicherheit der Begriffe „Lähmung" und
„Tod" wird durch gelegentliche Entdeckungen ver-
mehrt. welche es rötlich erscheinen lassen, hier
überall nicht von scharfen Grenzen, sondern nur
von Zonen zu sprechen. Seitdem der Italiener
Cesaris-Demel gezeigt hat, daß ein der Leiche
entnommenes Menschenherz auch noch viele Stun-
den nach dem Tode im Rhythmus des Lebens
förmlich zu schlagen beginnt, wenn es mit warmer
physiologischer Kochsalzlösung „durchblutet" wird,
darf man sich auf unerhörte Korrekturen alter An-
schauungen gefaßt machen. Allerdings bleibt der
Froschmuskel in Bezug auf die Dauer der Konser-
vierung wohl unübertroffen, umso wichtiger sind die
neuen Experimente für die eiektrogenetische
Bewertung des Salzhydrates, diesmal sogar
ohne Sauerstoffionen. Die künstliche Wiederbe-
lebung des menschlichen Leichenherzens stellt nicht
nur einen wertvollen Beweis der Infusionswirkung
in einem eklatanten Sonderfalle dar, sie ist auch
von großem Werte für die organische Ionenlehre
und für meine Theorie vom Elektrolytkreislauf.
Denn es ist doch unmöglich, das Experiment des
Italieners lediglich als Folge eines mechanisch-
chemischen, etwa osmoartigen Reizes nufzufaffen,
dem vergleichbar, den das kalte Seziermesser auf
jeden beliebigen Muskel der frische» Leiche ausübt.

Vielmehr handelt es sich offenbar um
wirklich biochemische Reaktionen, um die
Antwort der noch im Kollaps oder Läh-
mungszustand befindlichen Ganglien-
zellen und Leitungsbahnen des schein-
toten Herzens auf den Ionenstrom des
Vjjj, Elektrolyten; um die Eskomptierung

/ttfV wirklicher Potentialgefälle, die hier eine

vAl der kompliziertesten organischen Ma-

schinen „tadellos" arbeiten läßt, mit
demselben Rhythmus wie bei ihrem Be-
sitzer als er noch lebte.

- , „,,f 95)

llichard Pfeiffer

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Richard Pfeiffer: Vignette
Georg Hirth: Zellenlähmung und Zellentod
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