Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Erfüllung

Ich Hab' von einen: Tag geträumt,

Bon einer Stunde, stolz und groß:

Ich sah das Glück von ferne,

Nun find' ich seinen Schatten bloß.

Auf heißen Straßen lief mein Fuß,

Kein Stein zu schwer, ich wälzt' ihn weg.

Über des Abgrunds Grauen

Trug schwankend inich der schmale Steg.

Nun singen Geigen leis und laut,

Der Becher glüht, gefüllt zum Rand:

Kann ich ihn heben und neigen
Mit meiner müden, harten Hand?

Alfred Huggenbergcr

Wandelnde Stame

Weit vor den Toren schreitet sie dahin
Die hochgewachsne bleiche Römerin.

Auf ihrem Haupte trägt sie, leicht genug,
Mit dunklem Rebenblut gefüllt den Krug,

Zu dem ein schlanker Arm sich ausgestrafft.
Der andre hält das schlichte Kleid gerafft.

Auf ihrer Stirne, oberhalb der Brau'n
Sind flache Narben, leicht geritzt, zu schau'n,

Und eine bildet, wie von frevler Hand
Gezogen, um den Hals ein schmales Band.

So geht sie festen Schritts geradeaus,

Die graue Straße in ein ärmlich' Haus,

Doch hehr, als künde Tod sie oder Sieg:
Die Marmorgöttin, die dem Schutt entstieg.

Martina wird

Schick salswahl

Das bleibt wie von Anfang so heute:
Ob den eigenen Weidgang du wagst
Oder ob du im Troß mit der Meute
Nach wohlfeiler Beute jagst.

Hast ein seltenes Wild dir erkoren,

Das stellt sich dir selbst nur allein,

Und gehst du b-.im Werke verloren,

Der Wunsch und die Fährte war dein.

Und legen sie Fallstrick und Schlingen
Dir hämisch ums herrliche Spiel,

Du lächelst: wenn je sie dich fingen,

Im Sturz noch triffst du dein Ziel.

Rarl Hcnckell

£7un?

Was soll der stumme Kuß mir sagen.

Den du auf meine Stirn gedrückt?

Es küssen Mädchen sonst voll Zagen,

Doch du hast fest mich angeblickt.

Ich klagte dir mein einsam Leben,

Die Sehnsucht nach der Liebe Land,

Da hast du mir den Kuß gegeben,

Don schönem Mitleid übermannt.

Siegfried Trebitsch

Emil Pirchan

Der Perferteppidj

Bon Betty Winter

Unser Leben ist bunt und abenteuerlich wie
ein uralter Perserteppich, über dessen kabbalistische
Zeichen wir achtlos schreiten, um unentrinnbar
irgend einem Spuk in die Arme zu laufen.

Oh! Es gibt Geschichten von solchen Tep-
pichen, von indischen Schals und blumigen japa-
nischen Gewändern, von kupfernen Räucherbecken.
Es sind parfümierte Märchen, die einem mit
solchen Dingen begegnen können. Märchen, die
sanft sind, wie die Stimmen orientalischer Frauen:
Geschehnisse, die leuchten wie die Federn des Para-
diesvogels. Ein leichter Opiumrausch wahrt die
Seele vor den: kalten, lähnienden Grauen. Und
erscheint unversehens der Tod grinsend, zwischen
verschlungenen Ranken, so fühlt man nichts als
ein lächelndes Bedauern, daß die Geschichte zu
Ende ist, und vergißt, daß sie — Leben hieß.

Was dem Stephan Wilpprecht widerfuhr, ist
seltsam und beklemmend, aber so vielfarbig und
annnitig, daß Ihr zuhören könnt, ohne Euch zu
grauen, und lächelnd mit ansehen, wie er .mit
einem Menuettpas hinüber chaffierte.

Stephan Wilpprecht wohnte in den Achtziger-
jahren in einem alten Hause der Wollzeile zu
Wie».

Es gibt allerlei geheimnisvolle Teegeschäfte
dort, uralte Buchläden und Trödlereicn.

Er stand in: Staatsdienst und verzehrte die
Zinsen eines Vermögens, das ihm seine wohl-
habenden Eltern hinterlassen hatten. Die Sonn-
tage verbrachte er abwechselnd in befreundeten
Familien. Er spielte die Violine und Flöte mit
zienllicher Virtuosität, verstand es anmutige Verse
zu machen, auf die er weiter keinerlei Wert legte,
komponierte sehr lobenswert, ohne es jemandem
zu verraten. Überdies war er hübsch und kleidete
sich mit vieler Sorgfalt und unauffälliger Eleganz.
Er nahm seine Aiahlzeiten mit bescheidener, aber
ausgesprochener Gourmandise in ein und dem-
selben altrenommierten' Restaurant, und war
diskret gläubig.

Die Wohnung besorgte ihm eine ältliche Be-
dienerin. Seine einzige Leidenschaft war das
Sammeln. Für die Frauen empfand er hoch-
achtungsvolle Gleichgültigkeit.

__ In dieses wohlgeordnete Dasein, das alle
Wünsche wie bunte Luftballons an Fäden hielt,
trat eines Tages ein gut angezogencr, harmloser
alter Jude. Er kam mit Empfehlungen von
Freunden des Stefan Wilpprecht, und bot ihm
alte und sehr wertvolle Perserteppiche unr lächer-
lich weniges Geld zum Kauf an.

„Ich habe außerordentliche Geschäfte gemacht!"
erzählte der alte Jude dringlich; „besonders in
Künstlerkreisen I"

„Glaub's schon!" nickte der Wilpprecht freundliäl
und ein bißchen wehmütig. „Aber augenblicklich
kann ich leider nichts kaufen. Ich habe mein Budget
schon nahezu überschritten." Er blickte nachsichtig'
zärtlich auf eine wundervolle, schlanke Kupfervase,
die er kürzlich erstanden hatte, und die kategorisch
verlangte, täglich nnt gelben Rosen gefüllt zu
werden.

„Ansehen kostet nichts!" lockte treuherzig der
Händler, „und überhaupt, mit den: Zahlen haj
es Zeit. Sie sind mir sicher, Herr Wilpprecht!"

Aber es blieb dabei: Wilpprecht wollte von
den Teppichen nichts wissen.

An diesem Abend kam er später heim als
sonst. Er hatte einen leichten, überaus wohl'
schmeckenden und süffigen Wein in angenehmer
Gesellschaft getrunken. Ein feiner, besonnener
Übermut rieselte ihm durch die Adern. Die Luft
hing voll Frühling. Die Schritte rissen sich von
den Schreitenden los, und verhallten laut und
ungeduldig in weite Fernen. Wie ein Wiesel
huschte der blanke, junge Mond zwischen den
Dächern.

Stefan Wilpprecht betrat seine lautlose Woh-
nung, entkleidete sich beim Schein einer Kerze,
stieg behaglich in sein Bett und schlief ein. Eine
Weile schaukelte seine Seele vergnügt zwischen
allerhand Träumen, — plötzlich zog es ihm brutal
den Schlaf von den Lidern.

Er erwachte nnt der ruckartigen Empfindung
von etwas Fremdem in seinem Zimmer. Die dienst-
fertige Kerze beleuchtete einen wundervoll bunten
Perserteppich, der den Fußboden bedeckte. Reser-
viert standen die lieben alten Möbel, hochmütig
blickten die Bilder, spöttisch funkelte die schlanke
Kupfervase; glich einem feindseligen Iungfräulein.

Stefan Wilpprecht starrte auf den Eindringling,
der seine geheimnisvolle Buntheit unbekümmert
durch das Zimmer schwang.

„Wie kommst Du hierher?" fragte Wilpprecht
laut. Er war es gewohnt, die Dinge als Wese»
zu behandeln.

Die Arabesken starrten ihn wie verschlossene
Lippen an. Wie Lippen, auf denen das Siegel
des Propheten haftet.

Stefan Wilpprecht sprang aus dem Bett:
seine nackten Füße berührten erschauernd das
seidige Gewebe. Er setzte sich mitten auf den
Boden, die Arme um die Knie geschlungen, und
verfolgte die seltsame Zeichnung. Er streichelte
die sinnlosen, und doch so vielgestaltigen Figuren.
Er sog die unsagbar schönen Farben in sich, wie
einen köstlichen Wohlgeschmack. Er schmiegte die
Wange an das herrliche Zeug.

„Ja! Aber man müßte Millionär sein, um
ihn behalten zu können —" sagte er sich, als er
wieder sein Bett aufsnchte, und nach seiner Zu-
friedenheit tastete jählings eine ganz leise Trauer.

Die Bedienerin, die ihm das Frühstück brachte,
wußte nur zu berichten, daß zwei Männer gegen
Abend mit dem Teppich gekommen waren, :»:d
ihn, wie selbstverständlich in das Schlafzimmer
des Herrn Wilpprecht gebreitet hätten.

„Also, ein Märchen aus Tausend und eine
Nacht!" sagte der Wilpprecht und lächelte in sich
hinein, während er feinschmeckerisch-sorgfältig die
Kappe von dem kernweichen Ei schnitt. Halb
ärgerlich, halb amüsiert über die Schlauheit des
Händlers, der ihn in Versuchung führen wollte.
Wie aber nun das Weib wieder zur Tür schritt
und ihre häßlichen, gichtischen Füße in Filzschuhen
über die leuchtenden Arabesken stampften, erschien
die Frau dem Stefan Wilpprecht plötzlich un-
sagbar widerlich und verabscheuenswert, und er
begriff nicht, wie er sie so lange um sich dulden
hatte können.

„Sie brauchen nicht mehr zu kommen, bis ich
schreibe!" sagte er hastig. Und von ihrer glotzen-
den Verwunderung bedrängt, fügte er hinzu:
„Ich verreise!"

Als er in sein Büro ging, versperrte er die
Wohnung besonders sorgfältig und erfreute sich

14,

I
Alfred Huggenberger: Erfüllung
Karl Henckell: Schicksalswahl
Martina Wied: Wandelnde Statue
Emil Pirchan: Zeichnung ohne Titel
Betty Winter: Der Perserteppich
Siegfried Trebitsch: Nun?
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