Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Kaifcr und Reicbstagspräftdium A- schmidhammer

In dieser Sache steht eine überraschende Wendung alten Zeit in prächtiger Parade-Uniform zu Hofe

^evor: das Präsidium will nicht, wie anfangs ge- gehen. Volk und S. M. atmen erleichtert auf ob dieser

klaut, in gepumpten Fracks, sondern wie in der guten glücklichen Lösung.

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ied vom Scheide- und Meidemann

Sie sah hinaus zum Fenster —

Es Kamen der Freier zwei,

Wo aber ist der dritte,

Den sie am liebsten litte?

Ach, der ist nicht dabei.

Sie sprach mit bitterem Munde:

Laßt Keinen mir herein!

Muß ich den einen meiden,

Dann Können die andern beiden
Mir auch gestohlen sein.

So geht 's, wenn zwei sich lieben
lind sind einander gram!

Will Kein's zum andern gehen,

Und möchten so gern sich sehen,
lind Kommen nicht zusamm!

A. De Nora

faust? — Quatsdi!

leh dämlich, das hat der Herr Oberrealschulober-
3u'?rt diobort Riemann aus Leipzig an der

-''ooort Niemann aus Leipzig an d>
£.lpe herausgebracht. In einer Literatur-G>
rS!irie> l>ie er geschrieben hat. Der Herr Obe,
Muloberlehrer.

.Mrinlich der Herr Oberrealschuloberlehrer ist
c»1 Goethes Faust gar nicht zufrieden. Auf die
Faust als ein noch heute lebendiges
..^zeichnet werden könne, oder nur als eine
Lyrisch interessante Erinnerung", konimt der
J lr äu der vernichtenden Antwort:

^ »2m Wesentlichen wird der Faust
.sr noch alseineSammlungvonSprü-
genossen." — „Erst mit Vers 11,079
soziale»' modernes Problem angeschlagen; das

m J®QS. vorher kommt, ist nämlich Quatsch,
,iv!"m>°srimbolisüsch-kabbalister Quatsch, unglaub-
^ ^.Aberglauben, mit kaum glaublichem Unglauben
"/sicht, Butzenscheibenromantik unmodernster
1 lind diese Menge absoluter Fehler!

Die Fehler der sogenannten dramatischen,
d. h. in Wahrheit bloß epigrammatischen, viel-
fach auch ungrammatischen Dichtung „Faust" zer-
fallen:

A: In dramatische Fehler: a: bezüglich
des Aufbaues und der Akteinteilung, b: bezüg-
lich mangelnder Einheit, «: des Ortes, ß: der
Zeit, y: der Handlung, c: bezüglich der Charak-
teristik der Personen, «: der weiblichen, ß: der
männlichen, y: der sächlichen (Mephistopheles). —

6: In sprachliche Fehler: a: in stilistische,
b: in grammatikalische (Wärme, statt Würmer
u. s. w.), c: in Bersfehler: «: was den Reim
(Medizin — Bemüh'n!), ß: was den Rhythmus
angeht.

C: in wissenschaftliche Fehler und zwar:
a: theologisch-philosophische (z. B. Geisterglauben),
b: naturwissenschaftliche (z. B. der Unsinn mit Ho-
munkulus re.), e: historische, ä: philosophische.—

v: In moralische Fehler.

E: In Diverse.

Untersucht man den Faust auf Grund dieser
Fehlertabelle, so kommen — gering gerechnet, in
beiden Teilen zusammen 7576^/4 Fehler heraus.
In Anbetracht der beträchtlichen Länge des Werkes
kann man dies bei einiger Milde unter Berück-
sichtigung einiger immerhin ganz netter epigram-
matischer Stellen noch mit III—II zensieren.

Gelt, Herr Oberrealschuloberlehrer? pips

*

Ausrauschsvorschläge

Sir Edward Grey hat zur Förderung der
deutsch-englischen Beziehungen einen Iourna-
l i st e n - A u s t a u s ch zwischen den beiden Ländern
vorgeschlagen. — Sehr schön! Aber wennschon
mal ausgetauscht werden soll, dann sind wir mehr
für einen Flotten- Austausch.

Bethmann Hollweg schlägt dagegen vor,
dreißig englische Lords gegen die hundert-
zehn Sozis auszutauschen. c. Fr.

Aus den Makamen des Hariri

Hareth den Hemam sprach: „Es war — ein
Schulmeister in Ispahar, — dessen Methode
war sonderbar. — Sobald eröffnet die Schule,

— stieg er hinauf zu seinem Stuhle — und spann
so ab seiner Rede Spule: — „Kinder! Durch die
Gnade des Schah — bin ich da, — Euch zu be-
lehren — und zu gewähren — der Weisheit
Ähren. — Wie aber Ähren nur Brot werden, —
wenn sie gedroschen zu Schrot werden, — so
werdet auch ihr nur weise, — wenn ich schon vor
Beginn der Reise — Euch klopfe die Steiße! —
Komm also gleich her, mein Bübchen — mein
Zuckerrübchen! — und Du, mein Speckchen

— mein Nesthäkchen — daß ich kann verhauen

— Eure schwarzblauen! — Denn ich rieche —
Machtansprüche — und will Euch nicht trauen!

— Auch Dich, mein Lieber — nationaliber —
leg’ ich jetzt über! — Du bist einer von denen,

— die wie Gummi sich dehnen — und bald diesen
zujubeln, bald jenen! — Ach, und nun gar mein
Rotschöpfchen — Sansculottköpfchen — Du vor
Allen natürlich — verdienst Keile gebührlich —
ob Deiner Frechheit und Schnoddrigkeit, — Anti-
patriotigkeit — und sündigen Hartgesottenheit!

— Du bist der schlimmste der Knaben — die sich
herbegaben — deßhalb mußt Du Haue haben!"

So spannte der Schulmeister von Ispahar

— jedem die Hose, die Schalwär — und spulte
dann seine Rede gar:

„Sprecht es selber — bin ich nicht der Ge-
rechte selber? — Der alle Weisheit zu eigen hat

— und Euch zu zeigen hat — an Eurer Blöße

— feine Größe, — seine philosophöse? — Setzt
Euch also auf das Gehöse — und beginnet nun

— Eure Pflicht zu tun! — Denn wenn Ihr jetzt
nicht voll Arbeitsfreud' seid, — nachdem Ihr alle
gebläut seid, — dann bin ich, bei meinem Treu-
Eid — der größte E—nttäuschte der Neuzeit."

A. De Sora
A. De Nora: Aus den Makamen des Hariri
Arpad Schmidhammer: Kaiser und Reichstagspräsidium
A. De Nora: Das Lied vom Scheide- und Meidemann
C. Fr.: Austauschvorschläge
Pips: Faust? - Quatsch!
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