Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Hnöreas Krog

%tbrcas Krog sah nicht, wie dürftig sein
Biel, war, mager, wie die Weide, auf der es
graste. Er sah nicht, daß sein Haus verfiel
und alles Gerät stumpf wurde und unansehn-
lich. Er hörte Axthiebe die Bäume seines
Waldes fällen, den er verkaufen mußte, doch
er hörte darüber hinweg und nach dem Singen
der Lerchen hür, die vom Feld aufflogen.
Daß auf der Wiese der Hahnenfuß seine
kleinen leuchtend-gelben Kronen hob, Vergiß-
meinnicht den, Silber des Baches blaue Säume
gab, und die roten Fackeln der Steinnelken
die Schleier des Labkrautes scharf durchsprüh-
ten, sah er wohl.

Unter dem dürren Birnbaum, in dessen
Kuppel wilde Rosen ihre hellen Feuer ange-
facht, staird er und drehte lächelnd eine Ranke
zwischen den Fingern.

Da ging Trina vorbei, die Stallmagd. Sie
hatte nicht viel Zeug an, Leib: ein Henid und
einen Rock. Zum melken war's genug, und
man sah ihren schlanken Wuchs besser so als
im schweren Sonntagsput;.

Sie blickte auf den Herrn. Arger nnd Mit-
leid überkamen sie, wenn sie ihn so müßig stehen
sah, den Starken, dessen Kraft brach lag, weil
Träume ihir beherrschten. — Sie wußte nicht,

daß es Liebe war.-Der Abend machte alle

Geräusche stiller, daß sie klangen, wie hinter
einem Vorhang. Und er machte die Sinne inilder
und alles Fühlen sanfter.

Trina faßte sich ein Herz und sagte: „Herr,
sie holzen Euer» Wald ab."

„Za, Trina, es muß wohl sein."

„Herr, das Biel, hat's nicht gut."

„Meinst Du? . . ."

„Herr, die Felder sind schlecht bestellt."

„So? . . ."

„Herr, das Haus wird bald einstürzen."

Da sagte Andreas garnichts mehr. Er hob
den Rosenzweig und wies auf die Sonne, die
mit ihrer sterbenden Glorie das karge Feld zum
Festsaal niachte.

„Sieh, Trina, die Welt ist so schön!"

„Ja, Herr, aber wir sind hier zu wenig Dienst-
leute, wir können's allein nicht schaffen, der
Michael und ich."

„Trina, ich Hab kein Geld."

„Aber Arme hat der Herr und Hände dran!"

Das war ihr hastig herausgefahren, der Arger
hatte das Mitleid erschlagen.

Run stand sie erschrocken und wie ein ge-
prügeltes Kind. Schwer ging ihr Atem, rurd die
Augen wurden ihr blank vor Erwartung. Aber
der Herr tat nichts, er hob nicht die Hand auf.
Er blickte nur die Magd an, die kraftvoll und
jung im Abend stand.

Und Andreas Krog sah zum ersten Mal, daß
er eine schöne Magd hatte. Stumm ging er da-
von und trug sein Erkennen in die kommende
Nacht. — —

Der Mond stand über der Wiese, wo das
erste Hen duftete. Andreas schlich an den Bach;
der trug noch seine bunten Säume, der Knecht
hatte sie stehen lassen für den Herrn. Aber die
Blumen sahen blaß ans, verschollen, wie die
Blüten int Kranz der Silberbräute.

Andreas ging nach dem Weiher. Der lag
rund da und dunkel wie ein Auge. Der Mond
weckte ihm einen helleir Blick, doch das Schilf
nnd die Binsen verschleierten ihn wieder mit
ihren langen Wimpern.

Und dann ging Andreas in den Wald, dem
sie Namen und Stand raubten, da sie seine Bäume
füllten. Eine Buche lag quer über dem Weg,
wie ein Erschlagener, der die Arme abwehrend
von sich streckt.

Andreas setzte sich auf den starken, runden
Stamm und vergrub seine Hände in das Laub,
das zu Unrat werden sollte mitten aus den.
Blühen heraus. Aber keine Trauer kani über
ihn. Aus all dem Bleichen, Müden, hob sich
eine Gestalt voll Kraft und Schönheit. Und er
ltmspann sie nrit seinem Traum.

Der Traum ließ Andreas sein Haus auf-
bauen, seine Felder bestellen und sein Bieh füttern,
daß alles in Pracht stand und Gedeihen. Er

P. Segieth

Der Liebende

Hab' an der Welt ich heimlich mich entzückt,
Gleich fühl' ich's tief: Du bist es, die beglückt.
Aus allem, was da tröstet, tröstest du;

3rt jeder Freude ist dein selig Leben,

Und will die Welt mir irgend Liebe geben:
Entzückend, tröstend, liebend bist nur dti.

Du bist die Lieb' im Kuh, die Lust int Glücke,
Der Glanz int Licht, die Seel' in jedem Blicke.
Was wärmt in allem Feuer, das bist du.

Und naht ein Schmerz, ergrimmt mich zu

durchwühlen,

Und will ein Tod die letzte Glut mir kühlen:
Erwärmend, schmerzend, tötend bist nur du.

Wilhelm Michel

ging zu Bett mit dem Traum und erhob sich
mit ihm. Er baute und schaffte. Jeden Tag
kam etwas Neues hinzu.

Und als das ganze Haus fertig war, sollte
es auch festlich werden.

Er ging und pflückte alle Blunien der Wiese
und nahm deni Birnbauni alle Rosenranken, Tisch
und Stuhl zu bekränzen.

Und je schölter der Traum wurde, desto mehr
verfielen Haus und Hof. Die starken Waldbäume
schlugen hin und waren tot.

Andreas aber kaufte für das Geld, das ihm
der Wald gebracht, einen Ring mit Steinen, die
sprühten in eineni weißen und grünen Feuer.

Dann setzte er den Tag fest, an dent der Traunt
anfangen sollte, Wirklichkeit zu werden. Es war
ein schöner Sommertag, voll Wärme und satter
Farbe. Zarte weiße Wolken hingen wie Fest-
kleider ani Blau des Himmels, der Abend gab
ihnen goldene Bänder. Andreas aber stand immer
ttod; unschlüssig. Er nahm ein Buch aus der
Tasche, in dent seit langem kein Ernte-Ertrag
mehr gebucht war, nnd schrieb: O, ihr Blumen,
ihr weißen Wolken und alle Schönheit der Erde!
— Das war sein Liebeslied. —

Hinter der Stalltür sprachen zwei, das störte
ihn nnd er wollte weitergehn.

Da fiel ihm ein, wenn zwei auf seiitem Hofe
sprechen, konnte es nur der Knecht fein und —
„sie." Lächelnd ging er näher, ihre Stimnie zu
hören.

„Zch will Herr werdeit auf dem Kroghof,"
sagte der Knecht Michael.

Und Trina: „Was soll aus dem Herrn werden?"

„Die Kanmter im Stall kann er kriegen, und
alle Blumen ant Bach und alle Rattkeit ant Birit-
baum und zu tun braucht er nichts."

„Der arme Herr! Wir wollen ihn gut halten,
-wenn er bleiben mag."

„Za, ich will ihm mtch eine Laube bauen."

„Wattn hast Du das Geld beisannnen, Michael?"

„Wenn der Herr am nächsten Lohntag zahlen
Itmtit, von heute ab, in drei Monat."

Dann küßte er sie, daß die Stalltür darüber
zuschlug.

Andreas Krog aber strich sich die Haare, die
er aus der Stirn gestrichen, alle wieder hitiein.

Die Hand zitterte ihm dabei.

Und Andreas Krogs Trätime gingen ifl
Erfüllung. Nur, daß es ein anderer war, der

die Braut ins Haus führte.-

Zn den stillen Abendstunden, die noch ein5
mal alles so brünstig aufglühen ließen, bevor
sie es mit Dunkel bedeckte,t, faß Andreas i'1
der Laube aus weiße,n Holz an der die Bohnen
so langsam heraufkrochen, und ließ einen Ring
in, Abendstralü spielen, der hatte ein weißes
und grünes Feuer. Und dann schrieb er in
sein Buch.

Der neue Knecht und die junge neue Magd
sahen Über die Stalltür nach ihm hin und sagten:
„Still, er macht Lieder." Sie küßten sich und
lachten, so, daß die Tür darüber zt,schlug.

Trina ging hin und her und war Herrin i,n
Krog-Hof. Scl>öner wurde sie jeden Tag, aber
sie schaffte nicht „tehr wie früher. — Und es ward
Winter, Frühling und Sommer. Die Ranken
waren nun dicht, und die Bohnenblüten brannten
rot tun die weiße Holzlaube, so daß der neue Knecht
und die Magd es nicht mehr sehen konnten, wenn
Andreas Lieder schrieb. Aber dafür hörten sie es.
Die junge Herrin ging umher und sang nach einer
eigenen wunderlichen Melodie ein kurzes Lied.
Das hatte nur zwei Zeilen, und es war, als ob
cs mittendrin aufhöre, grade, wenn es anfangen
sollte, schön zu werden.

Der Knecht und die Magd lachten: „Das ist
sein Lied."

Aber der neue Herr hörte es nicht, der schaffte
für drei. Der Hof blühte auf.

Wenn Andreas Krog abends in seine Stall-
Kammer ging, kam wohl Trina durch die Tenne,
nachzusehen, ob alles seine Ordnung habe. Und
da fragte sie auch Andreas, ob die Kammer ihn,
nicht zu eng sei, das Bett weich genug, und ob
ihn das Klirren der Biehketten nicht störe. Aber
Andreas lächelte und sagte, es sei alles gut so,
und ob sie sein neues Lied hören wolle. Dann
faßen sie zusammen auf dent Bettrand in der
engen Kammer, wo es nach dein Vieh roch r,nd
nach allen Blumen der Wiese. Und Andreas
las mit leiser Stimme seine Lieder, die nicht waren
wie die anderer, und die doch alles Leid und
alle Freude der Erde trugen, wie Gold Zuwelen
trägt. Und feine große Liebe spiegelte darin wie
das Licht sich spiegelt im Glanz der Edelsteine'
bunt und heiß und st»,„in. Dann sahen die
schwarzen Augen ihn an, „nur Dich liebe ich"
stand in ihnen.

Er aber sagte laut und freundlich: „Gute
Narlst, Frau, schlaft wohl!" — —

Trina stand auf der Wiese, der Albend war
niild, alle Farben bleich: süß und schwer duftete
das Heu.

Sie wollte Michael cntgcgensehn, der nach
der Stadt gegangen war. Sie sagte sich's vor,
daß sie es wolle. Andreas war fort seit Mittag.
Zetzt ka,n er daher, beide Arme voll Laub und
Blumen, Farrenwedel schwankten um sein Ge-
sicht. Er konnte die Mütze nicht ziehn, nickte
nur: „Guten Abend, Frat,, jetzt Hab ich alles,
was ich will." Und er sah zärtlich auf die
Blumen herab.

„Alles?" fragte Trina langsain und blickte
ihn mit glitzernden Augen an. — Die Stille
war schwer. —

Die Blumen sielen hin und als Andreas sich
bückte, sic aufzuheben, warfen zwei Arine sich ur»
seinen Hals und zogen ihn tief, lief, bis er i»>
Heu kniete. Scharf stand das Bild gegen den
blaßen, grünlichen Abendhimmel, wie ausgeschnitten
aus schwarzen, Papier.

Weithin war es zu sehen: ein knieender Mann
und eine Frau, die ihn küßte. Das sah auch
Michael, als er aus der Stadt heimkam. &
wußte nichts davon, daß sie ihn niedergezwungen,
er sah das Bild nnd wußte genug. Er ging näher
mit schnellen Schritten, die das Heu erstickte.
Und er hob den schweren Keulenstock und erschlug
Andreas Krog, den Herrn, der das Gnadenbrot
aß bei seinem Knecht.

Die Frat, aber ließ er, wo sie niedcrgesunken
war und ging in sein Hans. — Und Trina streute
alle Blumen und alles Laub über ihren Liebsten,
bevor sie in den Weiher ging.

Josefa Metz
Josefa Metz: Andreas Krog
Wilhelm Michel: Der Liebende
Paul Segieth: Vignette "Der Liebende"
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