Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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M. Moser

Lrühlingsstimmen

Schlängelgirlanden und farbige Schleifen,
Grünende Bäume und sonnige Streifen,
Strahlender Aether und lachendes Licht,

Ein zärtlich-flüsterndes Liebesgedicht —
Knospendes Leben auf bräunlichen Zweigen
Schmetternde Lerchen, die himmelauf

steigen —

Ein Wispern und Wispeln von heimlichen

Geistern,

Ein fröhliches Fiedeln von

Tonkunstmeistern —
Ein Necken, Verstecken, ein Suchen,

Sich-Finden,

Ein Küssen — — und selig im Blauen

Entschwinden —

Ein Wiegen und Wogen und Schweben

und Schwanken
2(uf klingenden Flügeln von

Lenzesgedanken —
Ein erstes Erwachen, ein keusches Erglühen,
Ein Sprossen und Sprießen, ein

ahnendes Blühen,
Und Träume, die hoch mit den

Wölkchen verschwimmen . . .
Das sind die jauchzenden Frühlingsstimmen,
Die Frühlingsstimmen voll süßer Gewalt,
Die Frühlingsstimmen vom Wienerwald!

Map Hayek

Der erste Frühlingstag

Bon Erich Vogeler

Ich habe die Fenster weit offen.

Auf meinem Schreibtisch zwischen den Büchern
stehen die ersten Veilchen, die wir gestern draußen
in einem Bauerngarten gefunden. Wenn die
Luft, die ins Fenster atmet, darüber streift, kommt
ein feiner streichelnder Duft mit . . .

Die Wände meines Zimmers scheinen sich zu
dehnen unter dem leisen Drängen der Luft. Bald
scheint das Zimmer unendlich weit, bald aber
wieder drückend, drückend eng. Alle Augenblick
nmß ich aufstehn und ein paar Schritte durch
die Stube tun.

Und am liebsten möchte ich gleich hinaus-
fahren: nach draußen! . . .

Und dann lehne ich mich aus dem Fenster.

Die Fenster meines Arbeitszinnners gehen
auf den Hof. Diesen Berliner Hof, den die
Hauswirte einen Garten nennen.

Sonst war das so unglaublich lächerlich. Aber
heut ist da wirklich ein Garten. Zwar eine einzige
schmächtige Linde nur, aber sie hat, hoch oben,
feine blaßgrüne Blätter, die sich in der Luft be-
wegen.

Zn dieser Luft, die garnicht mehr so grau,
tot und lichtlos ist. In feinen lichtblauen Tönen
spielt sie bis in die kleinsten Winkel hinein.

Oben an deni Hinterhause aber liegt ein
breiter Streifen heller Frühlingssonne.

Und ringöheruin stehen die Fenster offen,
überall.

Und in vielen stehen Blumen. Biel Primeln,
auf schlanken Stengeln sitzen die bunten Blüten-
büschel. Am schönsten sind die ganz hellroten.

Der Hof ist garnicht mehr so eng und tief.
Er atmet breit aus durch die offnen Fenster.
Manchmal ist er weit, ganz, ganz weit. . .

Nur drüben im Gartenhaus sind zwei Fenster
fest geschloffen, da wo die russischen Studenten
wohnen. Diese fremden Menschen mit den bleichen,
unendlich schwermütigen Gesichtern. Auch heut seh
ich sie, wie so oft im Winter, hinter den Scheiben
ruhlos auf und nieder gehn, ein Buch in der
Hand oder eine Zigarette rauchend. Auf und ab,
wie Tiere im Käfig.

Manchmal tritt einer ans Fenster, aber sein
Auge sieht nichts, nimmt nicht teil an der Sonne,
an der Luft, an den Blumen und den grünen
Lindenblättern. Kein Hauch bewegt sein Gesicht.

Es kommt ein Rückfall winterlichen Fröstelns
über mich.

Ich gehe schnell mit den Augen höher, zu dem
hellen Sonnenstreifen, der schon langsani zum
Dach hinaufrücken will.

Der Freitag Nachmittag ist der Drehorgeltag
bei uns. Von 4 Uhr ab.

Sonst pflege ich mich nach vorn in Sicherheit
zu bringen. Heut bin ich geblieben. Und ich
spüre geradezu eine festliche Erwartungsunruhe.
Beinah wie das kleine Mädchen drüben, das
alle Augenblick aus dem Fenster sieht, ob der
erste Leiermann noch immer nicht auf dem Plan
erscheint.

Endlich ist et da.

Und bei den ersten Tönen bevölkern sich alle
die offnen Fenster.

Zn der zweiten Etage im Seitenflügel steht
auch das hübsche Stubenmädchen. Der rechte
Arm umschlingt das Fensterkreuz, gegen das sie
den Kopf lehnt. Sie singt den Walzer mit,
leise, verliebt, nachgebend . . .

Und ein paar kleine Mädel sind schon in '
Hof hinunter und tanzen. Leicht und zirrü jj
mit ein wenig zaghafter Betonung. Und siffö
dazu: als wär ihr Herz voll unglücklicher LiU'^
Die Portierfrau und ein paar andr
Weiber stehen da und wiegen im Takt 11
Hüften. Das junge Blut!

Aber das schönste Bild ist dahinten, vor ö
Tür der Glaserwerkstatt. Es sind junge
leute, die Frau hat erst vor kurzem ihr K>"
bekommen. Sie sieht noch blaß aus, schloff '
und ganz wunderbar beseelt. Wie sie siäl ^ j,
über das Kind neigt, das sie im Arm hält, J"
stillen, unverwandten Augen. Sie hat H
einen Fuß vorgcsetzt, und indem sie ihn immer >
Takt leicht vom Boden hebt und wieder aufstö j
schaukelt der Körper sacht wie eine Wiege,
dieser leise singenden Bewegung. Auf und niedr^
Und die Augen still und unverwandt auf ^
schlummernden Kind... ,

Es ist etwas ganz Eignes, die Bewegung^
der Menschen im Frühling, wenn sie die dick^
Winterkleider eben abgelegt haben. In der Freu
der Freiheit noch diese leise Schüchternheit, Ne"
heit. Das hat etwas wundersam Rührendes.

Später, später ist leider die Grazie oft 1,1
allzu schnell perdu. .

Es sind reichlich Nickel gespendet worden, 11,1
der erste Orgelmann hat seinem Nachfolger d"
Feld geräumt. Und es kommt ein dritter, cl
vierter. Audi ein Granwphon ist darunter. .

Id) finde plötzlich das Ganze so ausgeleid'
die Musik, das Bild... .«

Die Luft ist grau geworden. Die Sonne 1
fort, und eine Kühle kommt. Eine Wolke scl>e>^
heraufzuziehen. Die lila Schatten, die aus ^
Winkeln aufblühen wollten, sind schnell du»ff^
geworden, und hinten in der Glaserwerkstatt u»>
schon ein Licht angezündet. . .

Die meisten Fenster sind leer und geschlosm'
und der Hof sinkt tiefer hinab.

* * *

Als letzter ist ein Man» gekommen mit ei"^
Ziehharmonika, eine hagere Gestalt mit ei>".^
furditbar schwindsüchtigen Gesicht. Er zieht 1
paar klagende Töne, und dann setzt seine Sw""
ein. Eine erschreckende Stimme, krank, gebrodff!^
tonlos und heulend zugleich. Kauin nod> e
Fenster ist offen.

Da fühl ich einen Tropfen auf meiner H"'",
ein kalter Regenschauer bririjt los, Hagelschlow
klatschen. j,

Und plötzlich reißt die Stimme unten ab, ' ^
einem jähen, schrillen, grellen Ton, — als ob 1
Glas an der Mauer zerschellt. |lt

So scheußlich, so grauenhaft war der 2" J
daß ich entsetzt einen Sdjritt zurückgetreten ’
und das Fenster gesthlossen habe. cf

Ich sehe einen Augenblick: Nirgendwo Öfl'.
sich ein Fenster, nirgendwo füllt ein Nickel hrw

Da — drüben bei den russischen Stube""'
sie haben plötzlid> geöffnet und lehnen sid> hcr""^
Dann greifen sie in die Tasche, man hört
unten mehrere Riale aufklatschen.

Ich schäme mich, id> inöchte das Fenster öfst"
Aber tdj kann nicht. Ich stehe und sehe hinüb
die beiden starren in den sinkenden Hof hinunter^.

Id> habe mid> langsam in das dunkel".^,
Zimmer zurückgezogen und sitze wieder am Sclff'^
tisd), wo die Bcild)en garnid)t mehr duften. "
stütze den Kopf in die Hand.

Und so sitze id) lange, lange. . . .

Bis plötzlich die Klingel geht, und id) dir ü .
liebte Stimme der Freundin höre.

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Erich Vogeler: Der erste Frühlingstag
Max Moser: Vignette
Max Hayek: Frühlingsstimmen
Paul Weber: Frühlingssturm
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