Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Großes Frühjahrs-Hindernis - Mechfekreiten

F. Heubner

Da tritt er heraus, den Stoß gebreitet, den
Dals gebläht, fauchend, zischend, schnakelnd.

Mich ärgerte der Kerl, der seiner Art zu-
wider am Boden herumkollert. Da ist der da
oben ein ganz anderer Geselle auf seiner Fichte;
's springt und tanzt dicht vor mir, und doch
bann ich in dem Dämmerlicht des Bodens nicht
"as Ziel fassen, er reizt mich auch nicht der
Niedere Geselle, der herumkollert wie der Gockl
®j{f dem Miste. Damals taufte ich ihn „Spieß-
bürger elendiger".

Ich nahm es wohl nicht genau genug,
b^asselnd ritt er ab, nach abwärts. — Ich seh
'an gar nicht mehr, oben jauchzt jetzt der
"Romantiker".

„ Höchste Zeit, die Formen lösen sich, der
Nüchterne Tag droht im Osten, sein pompöser
Auszug, purpurverbrämt, ist rasch vorüber und
ann — dann entpuppt sich nur zu oft der
araue öde Werkltag, der allem heimlichen Zauber

Ende macht.

Die Fichte steht ganz einsam auf dem Grat,
TUtzdurchfurcht, feierlich senkt sie die mächtigen
^edel, durch deren Lücken es schon purpurrot
g?bht. Wenn so ein Daum nicht ein lebendiges
/pfcn ist, das atmet, fühlt, schläft und wacht,
. km das „tat twam asi“ (bas bist du) nicht

Liebe weckt zum leidenden Genossen, der
9e9ört nicht zu unserem Bunde.
e blnd jetzt das brünstige Lied, das aus ihm
?Mallt, das Lied aller Lieder, aus dem die
?chnsucht künftiger Geschlechter klingt — Iahr-
, aderte vergehen, Jahrtausende, längst ist der
Hahn auf der Schneid geschossen, aber
■ }* „Idee" lebt noch immer und findet irgendwo

chke np„<. r»f.„—~-.tr.. c.-ü —i- s.~

neue lebensvolle Form. Herrgott, wie da
:„e 8ichte zum Lebensbaum wächst bei solch'
'"nerem Schauer.

Ein Zweig kracht unter meinem Stiesel.
Iali'^krn- ab'r grad a bißl aufpassenl" flüstert

» Hahn verstummt, dreht sich, beugt sich

"'^ckt den Hals —

atmen nicht mehr, senken den Blick.
Nie! *n 8 ^a9en schießt ihn der Herr Forstrat,
, " Nachfolger, und der gehört nicht einmal
Unserem Bund. -

der^E die Erlösung — ein Schnakler,

Nom . a^tschlag — zwei Sprünge vorwärts,
einmal — dann langt's! Oder was! mein
blem zwischen zwei Steinbrocken ge-

rnt. — Das ernüchtert. Na wart', Tropf!
sich Q.n9e dauert's, dann reckt er sich, pludert
ej»' d>n Prasseln das einem ein Vorgefühl für
Erschlag gibt. Der Hahn wechselt den
®[Ut Oegt sitzt er mitten in der verglimmenden
de» ^°es Morgens. Ich muß im Kreis um
"um herumspringen, aber Vorsicht ist nicht

mehr nötig, der Hahn ist jetzt auf dem Höhe-
punkt seines Paroxismus. Ich sehe jedes Feder-
chen am Halse sich blähen, das Glühen des
Kammes. —

Einen Augenblick zögere ich — doch, welch'
schöneres Loos kannst du erkiesen, als im Wonne-
taumel plötzlich zu zerfließen-

Blitz und Knall! — Da stürzt er herab von
Ast zu Ast, der kühne Werber, ein Zucken durch-
rieselt noch den Körper, vielleicht die letzte
Wonne, dann hebe ich ihn an den Füßen empor
gegen den pomphaft heraufziehenden Morgen
und des Lichtes leuchtendes Kind schmückt ihn
noch im Tode — die Farbe, das schillernde Grün
der Brust, das Charmoisinrot des Kammes, die
feinsten Nuancen von Schwarz und Blau.

Also da hast du ja dein stolzes Weidmanns-
Heil, Menschlein! — Oder glaubst du, das gilt
alles dir, der liebliche Jubel im Geäst ringsum
— dir, dem Helden des Tages! —

Einmal war es mir so, beim ersten Hahn,
jetzt bin ich längst recht bescheiden geworden.
Aber der Iakl triumphiert.

„Hab'n wir di' amal Tropf, eiskalt'r, ver-
hört Hab' i di' oft g'nua, a Luad'r war' er scho',
der Romanische!"

Das lieb' ich so am Iakl, das Skrupellose,
das der Fluch der Erkenntnis noch nicht er-
griffen.

Heimwärts ging's jetzt, vor mir der Iakl,
das Stückchen L ebesglück geschultert, Tropfen
auf Tropfen tröpfelt es aus dem Hakenschnabl
des Hahnes und zieht eine blutige Spur.

Da bei einer Biegung des Weges bleiben
wir jäh stehen — ein dritter Hahn!

„Heut' müaff'ns a Konferenz hab'n da her-
ob'n", meint Iakl. „Sakra, daß s' grad oan
schiaß'n ders'n — weit is er net. —" Das ging
Schlag auf Schlag, der Romantiker war ein
Zahmer dagegen. — Das zischte und fauchte
wie toll. —

Ich sprang ihn an. Es war hastig keine
Kunst, er hätte keine nahende Armee gehört.
Schießen durfte ich nicht, so war ich ganz Be-
obachter.

Jetzt verstand ich ihn erst den Hahnfalz, los-
gelöst vom eigenen Wollen.

Der Purpur des Morgens erlosch, der Hahn
strich ab zu seinen Hennen — es war wieder
Wald um mich, die Meisen zirpten und eine
Amsel stritt im Busch.

Auf dem Heimweg überkam mich der Schlaf.
Wir setzten uns auf einen Baumstrunk mit
weichem Moos gepolstert.

Langsam duselte ich ein. — Sonderbar, ich
träumte von dem leuchtenden Festsaal und seinen
kleinen Besuchern, die aus und ein strömten,
immer mehr kamen, ganze Scharen, winzige

Kerlchen mit Degen an der Seite — aber was
stechen sie denn immer nach mir — Gesindel
verdammtes, ein Tritt mit dem Stiefel, und — —
Au — au — sakra — ich springe jäh auf, in
meinen Aermeln, unter Hose, Hemd, ein Ge-

kribbl und Gekrabbl-au — ich schlage

und drücke — da halt ich einen der Kavaliere
zwischen den Fingern — — eine schwarze Wald-
ameise. —

lind der Iakl klopft und drückt mich ab.
„Die Luad'r, die schiachn! die könna ejn an."

„Schweig, Iakl, sie haben ganz recht, was
brauchte ich ihr Fest zu stören."

Er sah mich groß an. „Herr, die drei Hahn'
— is aa z'wider, und grad oan schiaßn dürfn."

Der samtene Thron meines kleinen Königs
ist leer, der nüchterne Tag hat ihn verscheucht.

Unten lärmt das Dorf und der Geruch von
Dung und Menschen steigt herauf.

Vermietet

Nun kann ich ohne Sorgen
In diesem Frühling sein;

Sie zogen heute Morgen
Ins Borkenhänschcn ein.

Die Lust sich zu beschränken
Ist heute nicht weit her;

Ich hatt' so mein Bedenken,

Ob's nicht zu enge war.

Und ob ich auch vom besten
Die Streu bereitet hätt',

Und ob der Wind aus Westen
Nicht bliese in ihr Bett.

Und ob die Pappel stände
Im Garten nicht zu frei,

Und ob sich auch was fände
Zum Schnäbeln für die zwei.

Das Herrchen sah ich hüpfen
Zur Umschau auf das Dach,

Das Frauchen sah ich schlüpfen
Durchs Fenster ins Gemach.

Nachher da saß das Pärchen
Beratend vor dem Haus.

Ich dacht schon: Dieses Jährchen
Jst's mit dem Mieten aus.

Hurra! Es ist vermietet!

Die Stare zogen ein.

Bis Pfingsten wird gebrütet,.

Und dann soll Kindtauf sein!

Ad. Ky
Friedrich (Fritz) Heubner: Großes Frühjahrs-Hindernis-Wechselreiten
Karl Julius Adolf Ey: Vermietet
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