Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Die Stimme der Erde

Noch gestern war alles so still und grau,
Der Waldgrund und die Wiesenau,

Die schlafende Acker-Erde.

Tat das ein Engel nun über Nacht,

Daß Himmel und Erde sich angelacht
Wie Kinder in scheuer Geberde?

Heut glüht uns das Saatfeld smaragden her,
Die feuchte Scholle warmbraun und schwer;
Hold überflog es die Buchen. — —
Komm mit zur Quelle im Erlengrunde,

Mir ist, wir mühten zu dieser Stunde
Da drunten das Wunder suchen.

Und schien uns noch gestern das Lebenso grau,
Gib deine Hände, geliebte Frau;

Liebkose an: schaukelnden Aste
Die blonden Kätzchen im Frühlingslicht
Und fühl es, die Stimme der Erde spricht:
Es duftet vom Seidelbaste!

Franz Längstem rich

Oer Bär

Bon Wilhelm Hcgclee

Eines Tages sagte meine Frau zu mir:

„Nächsten Monat müssen wir eine kleine
Tanzerei geben. Unsere Hetty ist nun so weit."

„Schon?" fragte ich mit einem gelinden Schreck.
Denn ich hatte gar nicht geglaubt, daß ich schon
so weit wäre, um den Balloater zu spielen.

„Ach ja," fuhr ich mit resignierter Würde
fort. „Wie doch die Jahre vergehn! Also Du
bist jetzt schon eine ehrbare Ballmutter!"

„Max! Manchmal bist du wirklich roh. Wenn
Hetty jetzt schon Bälle besuchte, dann müßte sie
ja zur Welt gekommen sein, als ich noch . . .
es ist ja nicht auszudenken, wie jung ich dann
hätte sein müssen. Natürlich handelt es sich nur
um ein Lämmerhüpfen."

„Nun, dann gebt nur euer Länimerhüpfen.
Ich bin dabei wohl überflüssig."

„Es würde sich gut machen, wenn du dich
unter den jungen Leutchen von Zeit zu Zeit sehen
ließest. Und dann wäre es nur auch lieb, wenn
du noch diesen oder jenen jungen Herrn be-
sorgtest."

„Wie soll ich das bloß machen? Ich kenne
ja gar keine Herren in Hetty's Alter."

„Aä;, gib dir nur Mühe. Du kannst alles,
wenn du nur willst."

So ist nun ineine Frau. Wenn sie etwas
Unmögliches verlangt, dann lächelt sie immer und
sagt: „Gib dir nur Mühe." Mir ist dies kind-
liche Vertrauen ja sehr ehrenvoll, aber manchmal
auch recht unbequem.

Übrigens hatte ich in dieseni Fall schon einen
Plan. Ich wollte den dicken Major Möller von
unserem Stammtisch mitbringen. Der sieht voni
sicheren Port aus ganz gern zu, wenn junge
Leute sich anstrengcn. Doch meine Frau schien
etwas zu ahnen, denn sie sagte:

„Aber daß du nicht etwa einen von deinen
alten Hähnen heranschleppst."

Alte Hähne nannte sie höchst unberechtigter
Weise die Herren, die sich jeden Donnerstag
Abend in der Weinstube am Markt zu einem
aiiständigen Tropfeil mit mir versammelten.

„Er darf höchstens Mitte zwanzig sein."

„Schön!" sagte ich, „ich werde niir Mühe
geben."

In Wirklichkeit aber machte ich mir nicht
viel Kopfzerbrechen, sondern nahm mir vor,
schliinmsten Falls einen meiner Braugehilfen —
:ch bin nämlich Brauereibesitzer — in einen alten

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V. Schileiber

Die Gradschrift

Ich war einmal! Welch Wunder dünkt

mich das!

Und war ein Mensch, den Reu und

Hoffnung narrten.
Nun lieg' ich, abgeklärt von Lieb' und Haß,
In diesen: märcheneinsamen Gelaß,

Ganz abgeklärt von Liebe und von Haß,
Hab' nichts zu fürchten, nichts mehr

zu erwarten,

Und fühl' nur rings, welch Wunder

dünkt mich das!
Dies Saugen, Keimen, Sprießen aller Arten,
Dies Wurzelfassen ohne Unterlaß
In diesem stillen, einsamschönen Garten . . .

Hugo Salus

Frack von niir zu stecken. Aber als ich am
nächsten Donnerstag an meinen Stammtisch ging,
hatte ich einen noch besseren Einfall. Ich tras
da nämlich den Maler John Iurian de Ruyter.

Ein feiner Name, was? Und ein Maler —
das hat doch gleich einen Stich ins Romantische,
wie die jungen Damen das gern mögen.

Aber erst muß ich erzählen, wieso sich ein
Maler in unser trauriges Fabriknest verirrt hat.

Nämlich mein Freund, der Kommerzienrat
Wesenmeyer — ein höllisch schlauer Bursche üb-
rigens, wenn er auch nicht richtig Deutsch spricht,
der an Ansichtspostkarten ein Vermögen verdient
hat — fühlte sich seit einiger Zeit in seinem Lokal-
patriotismus verletzt, weil so viel ehrwürdige hi-
storische Gebäude und malerische Winkel zerstört
würden. Ich wußte gar nicht, daß mir dergleichen
hätten. Aber er zählte nur gleich eine Handvoll
auf. Meistens waren es übrigens Gaffen, in
denen lauter verdächtiges Volk wohnte. Doch
war auch die Schwedenschanze und das alte Kaffee-
haus dabei. Damit konnte man schon eher zu-
frieden sein.

Er wollte nun seinen lieben Mitbürgern eine
Freude machen und diese ehrwürdigen Erinne-
rungsstätten, wie er sie nannte, radieren lassen.
Es sollte eine nette kleine Mappe geben. Wir
möchten doch alle subskribieren. Ich fragte ihn:
„Was soll sie denn kosten?" „Ach, nicht der
Rede wert," sagte er. „Nicht der Rede wert.
Ganz umsonst kann ich sie allerdings nicht geben.
Ich habe nur extra einen Maler aus München
kommen lassen."

Das war nun eben der Herr John Iurian
de Ruyter. Er war ein regelmäßiger Gast an

unseren! Stammtisch. Wir hatte» ihn alle rech!
gern. Ich besonders. Denn er hatte nieinen
schlauen Freund Wesenmeyer gründlich ange-
leimt.

Die beiden hatten keinen richtigen Vertrag
geschlossen, sondern der Maler sollte, so lange
er arbeitete, jeden Tag zehn Mark bekomme».
Dabei hatte Wesenmeyer natürlich damit ge-
rechnet, daß das Buch zu Weihnachten fertig
würde. Aber wir waren jetzt im Februar, und
der Meister arbeitete noch inimer, oder vielmehr,
er sagte jeden Donnerstag, diese Woche wäre es
ein bißchen reichlich dunkel gewesen. Da hätte
er nicht viel machen können. Wir wollten doch
die Dachritzgasse und die Kröppelgasse und die
große Schlammgasse, und wie die schönen ehr-
würdigen Gassen alle hießen, in einer netten Be-
leuchtung wiedergegeben haben. Da stimmte ihm
denn der ganze Stammtisch zu. Nur mein Freund
Wesennieyer lächelte ein bißchen sauersüß. Aber
zu sagen getraute er sich nichts. Übrigens mochte
ich de Ruyter auch sonst gern. Er hatte gar-
nichts von einem Windhund an sich, sondern so
etwas behäbig Gewichtiges. Er saß immer breit-
beinig auf seinem Stuhl oder noch lieber im
Sofa und hielt beim Rauchen seine Zigarre kerzen-
graoe in die Höhe, so daß die Asche wie eine
Säule obendrauf stand. Er nannte das auf hol-
ländische Art rauchen. Und dann hatte er auch
sehr gesunde Ansichten. Seine Lieblingsredensart
war: man müßte sich nur ja Zeit lassen.

„Nur nicht den Dingen nachrcnnen! Immer
hübsch warten, dann Kaminen sie von selbst auf
einen zu. Ich werde neunzig Jahre alt. Da
habe ich noch furchtbar viel Zeit vor mir."

Meine Ansichten waren das nid)t. Aber ge-
rade darum freute es mich altes, abgehetztes Ar-
beitstier, die Sache mal anders herum zu hören.

Ich sagte ihm mal: er müßte doch recht glück-
lich sein.

„Das kann ich wohl behaupten. Seitdem ich
niein Zentrum gefunden habe, fühle ich mich recht
wohl i» meiner Haut. Dazu hat mir die indische
Philosophie verholfen. Die Kardinalweisheit der
indischen Philosophie heißt: sein Leben retro-
spektiv leben. Verstehn Sie?"

Ich verstand ihn nicht gleich. Und er ver-
sprach, mir die Sache in einer ruhigen Stunde
zu erklären. Das war mir sehr willkommen.
Denn ich möchte auch ein bißchen glücklich sein.
Als Bierbrauer hat man heutzutage, wo alles
auf den Alkohol schimpft, gar zu viel Arger.

Also wenn ich ihn einlud, so hatte ich dabei
meine Absichten. Ich dachte, wenn das junge
Volk herumhüpft, daß die Teller und Löffel
klirren, dann trinken wir friedlich ein Gläschen,
er raucht feine Zigarre von oben nach unten
herunter, und ich lasse mir die indische Philo-
sophie erklären.

Ich hatte nur Angst, er würde sich sträuben.
Aber das tat er garnicht. Er nahm seine Zigarre
aus deni Mund und antwortete im Ton ange-
nehmster Überraschung:

„Hören Sie mal, das ist ja eine vorzügliche
Idee. Ich werde mid) pünktlich einfinden."

Wag die Antrittsvisite anging, so ließ er sick
damit Zeit. Erst am Vormittag des bewußten
Tages gab er seine Karte ab.

Hetty Koni niir ganz aufgeregt entgegenge-
stürmt :

„Du, Papa, wen hast du denn da eingeladen?
Das ist ja der Bür! Wir Mädels kennen ihn
schon lange. Er begegnet uns immer auf dein
Schulweg. Und weil er so dick ist und so komisch
geht, haben wir ihn den Bären getauft. Die
Mädels werden ja brüllen vor Lachen. Aber du
glaubst doch nicht etwa, daß der tanzt?"

Meine Frau sagte:

„Max, mandjnial hast du sonderbare Ideen.
Dieser dicke alte Püster soll ein junger Herr sein?"

Id> schmunzelte nur.

lim sechs begann die Klingelci. Übrigens
wenn man zu einem Lämmerhüpfen so viel Vor-
bereitungen braucht, dann möchte id) keinen Bal>
geben.
Wilhelm Hegeler: Der Bär
Hugo Salus: Die Grabschrift
Viktor Schneiber: Vignette "Der Hornbläser"
Franz Langheinrich: Die Stimme der Erde
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