Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 14

JUGfcND

1912

Um halb sieben erschien ich auf der Bildfläche.
Meine Frau hatte unfern Eßtisch ausgezogen und
da gedeckt. Aber das hatten die jungen Herr-
schaften nicht für fein gehalten. Sie saßen also
im Wohnzimmer, wo getanzt werden sollte, in
einem großen Kreis und tranken Tee und machten
Gesichter . . . Gesichter, wie eine Gläubigerver-
sammlung, wenn keine Konkursmasse vorhan-
den ist.

Daß mein Erscheinen grade einen Sturm von
Heiterkeit hervorgerufen hätte, kann ich nicht be-
haupten.

Ich schüttelte den Backfischen, den Herren
Primanern und auch den beiden Studenten die
Hand und fragte meine Frau:

„Na, geht's bald los mit dem Tanzen?"

„Ach, denke dir nur," sagte sie, „der Klavier-
spieler ist noch nicht da."

Das fing nett an. Wenn der ausblieb, konnten
wir bis elf Uhr den Trauertee fortsetzen.

Endlich schellte es mal wieder. Aber nicht
der Tastenpauker, sondern mein Freund de Ruyter
trat ein.

Donnerwetter, da bekam ich wirklich einen
Schrecken. Er erschien in einem Frack, den
nicht mal ein Bierkutscher angezogen hätte. Aber
das war nicht das Aergste. Darunter trug er
eine scharlachrote Weste. Er küßte meiner Frau
die Hand und machte jeder jungen Dame eine
Verbeugung, bei der er hörbar mit dem Fuß
kratzte.

Dann sagte er zu mir, mit einem Blick auf
die Mädels:

„Vorzügliches Material! Ganz vorzügliches
Material."

Hetch fragte ihn, ob er Tee wünsche?

„Aber mit Vergnügen, mein gnädiges Fräu-
lein. Welcher Holländer tränke nicht zu jeder
Tageszeit Tee?"

Er holte sich ein Taburett heran und stellte
die Kuchenschüssel neben sich. Nach kurzer Zeit
war sie leer geworden, und Hetty brachte ihm
eine andere.

Alle sahen zu. Die jungen Herren griffen
jetzt nicht mehr fortwährend an ihre pomadisierten
Scheitel, die Backfische zupften nicht mehr in
einem fort ihre Kleider zurecht: hier kicherte eine,
dort flüsterte jemand seiner Nachbarin etwas in's
Ohr: offenbar auf Kosten des Malers. Dem schien
aber die Aufmerksamkeit sehr zu gefallen. Er sagte:

„Die Herrschaften bewundern offenbar meine
Weste. Ich habe sie mir selbst aus einer alten
Schifferwcste zurechtgeschneidert. Solche pracht-
volle Farben nmcht nian heutzutage gnrnicht
mehr."

Als die junge Bande jetzt ihre Heiterkeit nicht
mehr im Zaum hielt, bot ich ihm rasch eine
Zigarre an.

„Ausgezeichnete Idee! Ohne Zigarre ist der
Tee nur ein halber Genuß."

Dann fing er an zu rauchen — auf seine
holländische Art: mit dem feierlichsten Gesicht die
Zigarre Kerzengrade in die Höhe haltend. Ich
weiß nicht, wie indische Priester aussehn, aber ich
denke niir, so müßten sie dasitzen, wenn sie ihren:
Buddha ein Brandopfer darbringen. Übrigens
war die Unterhaltung jetzt ganz hübsch in, Gange.
Die Zungen klapperten wie Mühlenräder. Als
aber mal eine Pause eintrat, sagte meine Frau:

„Nur noch ein bißchen Geduld, meine Herr-
schaften! Der Klavierspieler niuß jeden Augen-
blick kommen."

Da nahm de Ruyter langsam seine Zigarre
aus dem Mund:

„Nein, gnädige Frau, der Klavierspieler kommt
nicht."

„Aber warum denn nicht?"

„Er oder vielmehr seine Frau hat eben einen
Jungen bekommen. Ich wohne bei ihm und
habe selbst die Hebamme geholt. Die Entbindung
verlief übrigens ganz vorzüglich."

Nach diesen Worten flog hörbar ein Engel
durchs Zimmer. Oder vielmehr er ließ sich für
eine ganze Weile häuslich bei uns nieder.

Endlich jagte de Ruyter selber ihn wieder
hinaus, indem er sagte:

„Vielleicht haben Sie eine Mundharmonika
ini Haus, gnädige Frau. Dann werde ich darauf
ein bißchen Musik machen."

Hetty erinnerte sich, daß ein Junge in unserer
Nachbarschaft eine besaß. Die wurde geholt. Und
de Ruyter begann zu spielen, auf eine gottes-
jämmerliche Art. Aber die Gesellschaft war mittler-
weile so tanzwütig geworden, daß sie sich auch
nach den Tönen eines alten Kamnis gedreht hätte.

Zum Glück erschien gleich darauf ein Ersatz-
niann, den der verhinderte Familienvater geschickt
hatte.

Nun dachte ich, wäre die Zeit für die indische
Philosophie angebrochen. Aber wie ich mich grade
zu de Ruyter hinpirschen wollte, niachte er vor
meiner Tochter einen tiefen Kratzfuß. Die biß
vor Lachen auf die Lippen, guckte verlegen nach
rechts und links, wagte aber nicht nein zu sagen,
und schon hatte er sie untergefaßt.

So eine Art zu tanzen habe ich mein Leb-
tag nicht gesehn. Ich muß allerdings gestehn,
daß ich noch nicht in Holland gewesen bin. Denn
es ist wohl holländische Art.

Er machte den Rücken krumm und streckte
sein Sitzfleisch heraus, daß er von hinten wie
ein Klubsessel aussah. Aber es ging doch. Er
eckte nirgendwo an und taktfest war er auch.
Und Hetty hing in seinen Armen wie in einem
Schraubstock.

Nachdeni er ihr wieder seinen Kratzfuß ge-
macht hatte, holte er sich eine zweite. Und da-
nach eine dritte. Und alle machten es wie Hetty,
kicherten, guckten nach rechts, nach links — aber
nein sagte keine. Ja, sie schienen förmlich ein
kitzliches Vergnügen dabei zu empfinden, wenn
der Bär feine Tatzen um sie legte. Selbst meine
Frau wurde ihrem Prinzip, nicht zu tanzen un-
treu und vertraute sich ihni an.

Er tanzte fast alle Tänze aus. Nur bei einer,
bei den: hübschesten Mädel von allen, Rosa
Winter, die Tochter von dem Konsul Winter —
Sie kennen ihn vielleicht, der drittreichste Mann
in der ganzen Stadt — bei der hörte er gleich
wieder auf, indem er sagte (Hetty hat's mir nach-
her erzählt): „Mit ihnen, gnädiges Fräulein,
geht's leider nicht. Sie sind mir hinten zu glatt."

Das junge Mädchen riß sich los, stürzte ins
Nebenzimmer und stopfte sich dort ihr Taschen-
tuch in den Mund, um nicht laut herauszulachen.
Natürlich rannten gleich ein halbes Dutzend Freun-
dinnen hinter ihr her und tuschelten und fragten
und kicherten. Aber er tanzte unterdeß schon mit
einer anderen.

Endlich kam er auch mal zu mir, aber bloß
um mir mitzuteilen, daß er sich nicht geirrt hätte.
Das Material wäre wirklich ganz vorzüglich.

Arnold Haag

Dann war er wieder bei den Damen und fächelte
ihre heißen Gesichter mit einem Notenblatt und
schwätzte ihnen so viel Unsinn vor, daß sie sich
vor Lachen bogen.

Schließlich fing er sogar an zu zaubern. Und
das konnte er wirklich famos. Er roch den
Karten an, wer sie berührt hatte, er ließ Taler-
stücke im Ärmel verschwinden und holte sie den
jungen Damen aus der Nase heraus — kurz und
gut, er war der Hahn im Korbe. Die andern
Herren konnten gegen ihn einpacken. Bei der
Damenwahl wurde er förmlich umlagert. Nur
ich kam nicht auf meine Kosten. Als ich endlich
dachte, nun hätte er genug, und ihn bat, mir
doch ein bißchen von seiner indischen Philosophie
zu erzählen, sah er mich wohlwollend an und
sagte: „Ja, diese indische Philosophie! Wenn
die sich in einer Stunde erzählen ließe."

Na, ich trank meine Flasche Bernkastler Doktor
allein aus und brüstete mich, als die Bande fort
war, desto mehr mit meiner Entdeckung. War
ich nicht ein Menschenkenner? Das mußten die
beiden doch zugeben. Meine Irau gestand denn
auch, daß Herr de Ruyter bei näherer Bekannt-
schaft gewänne. Und Hetty fand ihn furchtbar
ulkig.

Das Schönste kam aber nach. Eines Tages
hörten wir von Hetty, daß Rosa Winter, die ihni
liinten zu glatt gewesen war, jetzt bei de Ruyter
Malstunden nähme.

Und vier Wochen darauf: was erzählte mir
mein Freund Wefenmeyer? Er hätte die Absicht,
den Maler zu seinem Compagnon zu machen.

„Donnerwetter, hat der Kerl aber Glück!"
sagte ich.

„Na, gegenseitig! Gegenseitig!" meinte Wesen-
meyer. „Zuerst als de Ruyter mir den Vorschlag
niachte, habe ich ihn ausgelacht. Dann aber hat
er gesagt: wie würden Sie über mein Anerbieten
denken, wenn ich der Schwiegersohn vom Konsul
Winter wäre? — Da setzte ich natürlich schnell
hie andere Miene auf."

Ich war nun furchtbar neugierig, und habe
als alter Intimus von Winter bei dem gleich
nial angebohrt. Da hat er mir erzählt: zuerst
hätte er den Maljüngling ja die Treppe hinunter-
werfen wollen. Aber wie er gehört hätte, Wesen-
meyer wollte ihn zu seinem Compagnon machen,
hätte er sich selbstredend besonnen.

Da hatte dieser Schlauberger doch die beiden
gerissensten Kerls aus der ganzen Stadt gegen-
einander ausgespielt!

Aber nun muß ich wirklich die indische Philo-
sophie kennen lernen. Denn die hat's doch ent-
schieden in sich.

Übrigens, was mir noch einfällt: das kleine
nette Bändchen über unsere historischen Stätten,
auf das wir alle subskribiert hatten, kam gerade
zur Hochzeit des jungen Paares heraus. Es
kostete hundert Mark.

Da haben wir alten Hähne aber schön aus
Wefenmeyer und Kompagnie geschimpft.

Leben

(Aus dem Georg Htrth - Schrein)

Ein Tropfen gleitet vom Baum herab,

Erst langsam, zitternd, sachte, sacht,
Dann immer tiefer, schneller, schnell
Bis in der Erde dunkle Nacht.

Wo mar er doch? Was blieb von ihni?
Ein Hauch, der restlos sich verliert. -
Ob nicht der Baum im tiefsten Mark
Den kleinen Tropfen doch gespürt?

Jakob Locwenbceg (Hamburg)

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Jakob Loewenberg (Löwenberg): Leben
Arnold Haag: Vignette "Flötenspieler"
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