Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Galgenhumor Otto Flechtner (München)

„Un wenn ick wir for n durchreisenden Iesnitenxrofessor ausjebe?"

Kameradschaft

Bon Emma Haushofer-Mcek

Wer zur jungen Sportswelt gehört, der Kennt
auch vr. Pannwitz, den großen blonden Paul
Pannwitz, mit den schneidigen stahlblauen Augen
t>nd dem geschmeidigen Wuchs, der ein so amü-
santer Gesellschafter, überhaupt ein so netter,
flotter, lieber Mensch ist! Es heißt, er würde
sicher noch einmal eine gute Karriere machen;
aber er hat nun seinen Doktortitel, und — sein
Bater ist Bankdirektor; das genügt ihm vor-
läufig. Cr ist Sieger bei jedem Tennisturnier,
er hat die Meisterschaft im Skilaufen, er singt
reizende Couplets zur Laute. Was will man
mehr?

Natürlich hat er viele liebe Bekannte unter
den Damen; aber sein bester Kamerad ist Tessa
von Kallott. Keine weiß so kraftvoll und an-
mutig wie sie den Ball zu schleudern; keine andere
ist von so gleichmäßiger frischer Laune, so an-
regend und witzig in der Unterhaltung.

Schon als sie noch ein Backfisch war, traf
Tessa mit Pannwitz auf dem Spielplatz zusammen.
Nun wird sie nächstens dreiundzwanzig. Er war
ihr Lehrer beim Rodeln und Skifahren. Sie

haben zusammen schon herrliche Wintertage ver-
lebt im Kreise froher strebsamer Sportsjugend.
Solche Erinnerungen sind ein starkes Band; man
kennt sich, plaudert offen und vertraulich mit-
einander und verträgt sich ausgezeichnet. Für
den Nachwuchs galten die Beiden förmlich als
zusammengehörendes führendes Paar, als die
bewunderten Vorbilder.

Oft und oft hatte Paul Pannwitz das junge
Mädchen durch die nächtlichen Straßen heimbe-
gleitet, wenn sie mit luftfrischen Wangen, durch-
strahlt von Sonne und Licht, von einem winter-
lichen Ausfluge zurückkehrten in die dunstige
Stadt. Testas Eltern wußten, daß sie die Tochter
feinem Schutze anvertrauen durften. An der
Türe ihres Hauses verabschiedete er sich mit re-
spektvoller Verbeugung, mit sportmäßigem Hände-
druck.

„Guten Abend, gnädiges Fräulein!"

Nie zögerte er an der Schwelle zu einem
letzten herzlichen Wort; nie behielt er ihre Hand
einen Moment länger in der seinen; immer blieb
er der gleiche, korrekte, ruhige Kamerad.

Lachend nickte sie ihm gu: „Adieu Doktor!
Danke für die Begleitung!"

Aber nun stieg sie oft langsam mit einen, ganz
veränderten Ausdruck, mit nachdenklichen Augen,

in denen der Glanz erloschen war, die Treppe
hinauf. Oder ein andermal stürzte sie auch hastig
die Stufen empor, eilte an das Fenster und
blickte ihn, nach.

Ob er nicht zurückschaute? Nicht einmal den
Kopf umwendete nach ihrem Hause? — Nein!
Wie lange sie auch im Licht der Bogenlampen
der hohen Gestalt folgen konnte, immer ging er
gerade aus, ohne Zögern, rasch und vergnügt,
als zöge ihn frohe Erwartung von ihr fort.

Wie kam es nur, daß sie nun bei jedem Ab-
schied eine so bittere schmerzliche Enttäuschung
empfand?

„Du siehst blaß aus, Kind," sagte die besorgte
Mama. „Es ist ja Unsinn, wie du dich anstrengst.
Du übertreibst auch wirklich!"

Den ganzen Winter lang hatte Tessa schon
die leise Unruhe, die schwüle Unzufriedenheit emp-
funden, die nur im herben Frost, in der weißen
Schneestille von ihr wich. Ja, wenn sie mit
Pannwitz im kalten Bergwind über ein freies
Gelände talabwärts sauste, dann kam wieder die
wunschlose, selige Ausgelassenheit, der Freiheits-
rausch über sie, in dem sie sich so vortrefflich ver-
standen, so ganz eins waren in ihren Gefühlen.

Aber der Frühling rückte nüt Macht ins Land,
mit den Winterfreuden war's zu Ende. Man
traf sich nun fast täglich dein, Tennis.

Im Mai veranstaltete der Klub ein großes
Turnier. Natürlich Paul Pannwitz trug wieder
den Sieg davon, Auch Tessa hatte sich den Damen-
preis errungen.

Es war spät geworden, bis der Kampf aus-
gefochten wurde.

Eine herrliche Frühsommernacht. Der Weg
führte am Fluß entlang durch die blühenden Ein-
lagen. Der Flieder duftete, leises Vogelgezwit-
scher klang nach aus den Zweigen; am Himmel
standen die Sterne.

Sie gingen nebeneinander „in gleichem Schritt
und Tritt." Sie unterhielten sich sehr gebildet
über Bücher und Menschen. Ein bekannter Dichter
war gestorben, eine Freundin Tessas hatte sich
verlobt.

Sie wurde immer stiller. Bor ihnen wandelte
ein junges Paar. Das hielt sich eng umschlungen;
man hörte ihr leises verliebtes Kichern und
Flüstern; man sah, wie sich zuweilen ihre Köpfe
zueinander neigten.

Es waren gewöhnliche Leute, natürlich! Ein
Dienstmädchen wohl mit ihrem Schatz! O, Tessa
wußte sehr wohl, daß es eigentlich unpassend war,
wie sich die Beiden benahmen, und sie hastete
mit rascherem Schritt an ihnen vorüber.

Sie war ja eine feine junge Dame und ihr
Begleiter ein wohlerzogener Kavalier, der genau
die Grenzen wahrte. Ja, sie muhte ihm gewiß
dankbar sein, daß er sich so tadellos verhielt.

Aber sie fühlte sich erschöpft und müde. Sie
hätte sich gerne an seinen Arm gelehnt. Der
süße Duft, der Frühlingshauch weckte ein tolles
Verlangen nach zärtlichen Worten, nach warmen,
Anschmiegen, nach einem seligen Ausjubeln über
die Schönheit der Welt.

Ob es ihm gar nicht schwer wurde, so kühl
und gemessen neben ihr herzugehn?

Ach, es war ja gewiß sehr schön, einen so
guten Freund zu haben! Nur, wenn er sie lieb
hätte, nur ein klein, klein bißchen mehr lieb,
müßte er dann in dieser süßen Dämmerung nicht
einen Moment vergessen, daß sie beide aus so
guter Familie waren, so tadellos erzogen! Fühlte
er denn nicht, wie ihre Lippen den feinen zu-
strebten, wie namenlos sie sich sehnte, ihm ein-
mal die Arnie um den Hals zu schlingen, ihm
einmal ins Ohr zu flüstern: „Paul! Mein lieber
Paul!" — Es machte sie ja rasend, daß er nur
eine lange Geschichte erzählte, von einem der
Spieler, der mit ihm um den Sieg gerungen.
Was kümmerte sie das in der wonnigen Mai-
nacht, bei dem träumerischen Flußrauschen, in
dieser weltfernen Einsamkeit!

Nun bogen sie in die Straße ein. Flüchtig
nur gab sie ihm vor ihren, Haus die Hand. Die
Türe flog rasch ins Schloß.

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Emma Haushofer-Merk: Kameradschaft
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