Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Liebe Jugend!

ITTeiit Bruder ist Philologe. Zur 200-Iahr-
feier des Geburtstages Friedrichs des Großen hat
er sieben historische Betrachtungen geschrieben —
jede anders — und diese sind auch gedruckt
worden. Was Wunder, daß er auch den Masken-
ball als „alter Fritz" mitinachen wollte. Gr war
nicht davon abzubringen. Uns schwante Schreck-
liches. Im Saale war er der einzige alte Fritz.
Er fand Beachtung. Seine Maske war „der Zeit
entsprechend, originell".

Mein Bruder hat von Stil keine Ahnung.
Es kam alles, wie wir erwartet. Er verkorkste
jede poiure. Einem „Schuljungen" rief er zu:
„Weiß Er nicht, daß am Aschermittwoch keine
Schule ist ?" Linen kferrn in großer weißer Perücke,
der den großen Kurfürst vorstellte, redete er mit:
„Mon eher Voltaire“ an; u. s. w.

Schließlich nahm er mit zwei „Damen" in
einer offenen Nische Platz und schlemmte. Man
folgte ihm, man spottete über den „ersten Diener
des Staates".

Da — erhebt er sich, schwingt den Krückstock,
und ruft: „Grisetten sollen nicht genieret werden!"

Die Situation war gerettet.

hlax Zipper

*

Die Rekrutenbesichtigung der Garnison X fällt
in die Zeit der Armeetrauer, die wegen des ver-
storbenen General-Fcldmarschall kfahnke befohlen
war. Während der Besichtigung tritt ein Stabs-
offizier an einen Rekruten heran und fragt ihn,
weshalb denn sämmtliche Vffiziere einen Trauer-
flor um den Arm hätten. Prompt erhält er die Ant-
ivort: „Weil heut Besichtigung ist, Herr Major!"—

Zur Schul politik in Bayern

„Recht hat 's Zentrum, Herr Lehrer, daß
Sie koa Aufbesserung net kriag» — sonst
würden S' noch kräftiger!"

1. April 1912

Aus dem Laboratorium des weltberühmten
Pflanzenzüchters Luther Burbank dringt eine Nach-
richt in die Geffcntlichkeit, die nicht verfehlen wird,
das lebhafteste Interesse der Kultur- wie auch der
Unkulturmenschheit zu erwecken. Dem genialen
Forscher ist es geglückt, eine Mimosenart zu
züchten, die nicht bloß Fleisch frißt, sondern nach-
her noch eine Zigarette raucht.

klebe Jugencl!

Seitdein unser lieber Mitbürger K. F. Lehmann
durch Stiftung und Gründung und besonders via
Flottenverein Kommerzienrat geworden war, sprach
man in der Stadt nur noch vom marineblauen
Kommerzienrat. Doch K. F. Lehmann strebte
und stiftete weiter, höheren Sternen zu.

Als kürzlich St. Johannis neu geweiht wurde,
da schenkte K. F. Lehmann die Grgel und die
Frau Kommerzienrat das Fernwerk dazu. Ge-
rade wie kurz vordem in der Gedächtniskirche:
Der Kaiser die Grgel und die Kaiserin das Fern-
werk. K. F. Lehmann handelt überhaupt nur
nach höchstem Muster, und wenn er nicht Blech-
musikinstrumentfabrikant wäre, müßte er sicher-
lich so etwas wie Kaiser sein.

vor geladenem und ungeladenem Publikum
ertönt die Grgel zum ersten Mal. Auch das
Fernwerk tritt in Aktion. Aber — 0 Trauer und
Mißgeschick — nach ein paar Akkorden versagt's
mit klagendem Ton. Fatale Stille, Halblaut, doch
laut genug erklärt ein lustig-listiges Schulmeisterlein
auf den Bänken der Ungeladenen: „Frau Lehmann
kann nicht mehr."

Selbst Lehmanns Grgel, die kraftvoll helfend
einsetzt, wehrt nicht den Spöttern. Seit diesem
Versager stiftet „Frau Kommerzienrat" nicht mehr
mit. —

Unsere, der Dampfnudeln wegen, frisch ver-
schriebene bayrische Köchin nähert sich mir eines
Tages vertrauensvoll: „Fräulein, wie heißen
Sie eigentlich?"

Ich: „Ada."

verblüfftes Schweigen. Dann erkennungsfreu-
diges Grinsen: „Ach so! — Bei uns sagt man:
Theres!"


//


■ j 1,



Schwarzma/in k Co.

Hamborg

Ellernthorsbrücke 6.

Sclwarzmann k Co.

Hamburg

EUemthorsbriicke 6.


Referenzen
aus allen
Weltteilen.

Mei mvaipeu Itestellungen bittet man auf die Münchner „JütJÜSb“ Jlczug eu nehmen.

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Arpad Schmidhammer: Zur Schul-Politik in Bayern
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