Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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A. Schmidhammer

Hertling in syerlcneuljett
„«mein Telephon schaff' ich ab! Jede Stunde fragt einer an, ob tch
wirklich kein Zentrumsmnnn mehr bin."

Gabbarschändung!

In einem Dorfe Hohengeiß —

(3m Harze, wie nicht Jeder weiß!) —
An einem Sonntag vormittag
Des Malens eine Malfrau pflag.

Von Hohengeiß die Polizei
Sprach stirncrunzelnd: Ei — ei — ei!
Wer Sonntags frech lmd ungeiliert
Mit Färb und Pinsel so hantiert
Und Studien malt im freien Licht —
Entheiligt der den Sonntag nicht?

Und wegen Sabbatschändung hat
Die Frau gekriegt ein Strafmandat.
Sogar die folgende Instanz
War solcher Ansicht „voll und ganz;"
Erst, als sie wieder appelliert,

Ward Inculpatin absolviert,

Dieweil das Malen en pleinair
Nicht knechtlich grobe Arbeit war'.

An sich ist's bloß ein guter Spaß —

Bedenklich aber find' ich das,

Daß derlei Strafwut überhaupt
Noch möglich heut ist und erlaubt,
Daß da und dorten der Jurist
Prinzipiell der Meinung ist:

Man straft am besten Weib und Man»,
So oft, so streng, so viel man kann
Zu strafen wegen jedem Dreck
Ist der Gesetze Sinn und Zweck! —

Ich denke: später einmal wird
Es noch Gesetz mal: „Wer sich irrt
Als Nichter und in strenger Wut
Bestrafeitd Andren Unrecht tut,

Der büßt, daß er sich's abgewöhn',

Den Irrtum mit der gleichen Pön!-

Ist's erst so weit, dann ist's vorbei
Mit jener „Bolkserzieherei",

Die glaubt, es sei Gesetzes Zweck,

Zu strafen wegen jedem Dreck!

Pips

Die unschuldigen Rindlern

Meinen Busen beugt die Schwermut,
Denn die Frage plagt ihn sehr:

Warum ging der wackre Wermuth,
Unsres Schatzes Sekretär?

Warum lief er gar so stolz weg
Und verfinsterten Gesichts?

Gib mir Auskunft, Bethmann Holzweg,
Großer Denker, weißt Du nichts?!

In der „Norddeutsch'-Allgemeinen"
Öffnet Bethmann drauf den Mund:
„Dieser Wermuth, will mir scheinen,
Hatte keinen Abgangsgrund i"

Und der zweite Denker, Hertling,
Herr vom Bayernland, Hub an:

„Ach, man hat mit keinem Wörtling
Diesem Wermuth weh' getan!

Still in seinen Akten grabend,

Saß er am gewohnten Ort;

Lustig war er noch am Abend
Und ani Morgen — lief er fort!" —
Ach, was Philosophen sagen,

Das befriedigt häufig schwach;

Drum will ich die — Spatzen fragen,
Meine Spatzen auf dem Dach!

Gegen die bayrischen Seebäder

hat der Verein zur Bekämpfung der Unsittlichkeit
in München erfreulicher Weise Stellung genommen,
indem er die Polizeibehörden auf folgende Dinge
aufmerksam machte:

1. Es verrät an und für sich schon schmutzige
Verhältnisse, wenn Jemand baden gehen muß.

2. Der sittliche Mensch wird es im Ge-
heimen tun.

3. Seinen Schmutz in die Öffentlichkeit
zu tragen, ist also schon ein Zeichen lasciver Ge-
sinnung ; im Beisein des andern Geschlechts direkt
eine Unsittlichkeit.

4. Dasselbe Wasser, welches Teile des männ-
lichen Körpers berührt hat, berührt nämlich auch
Teile des mitbadenden weiblichen Körpers. Dies
ist eine unzüchtige Berührung im Sinne
des Gesetzes. Der Veranlassende und der welcher
sie duldet, sind strafbar.

5. Wer solche Handlungen vermittelt, also
jeder Besitzer solcher Badeanstalten, macht sich
der Kuppelei schuldig.

6. Badende pflegen sich nackt auszuziehen,
ehe sie den Badeanzug anlegen. Dies geschieht

zwar in Kabinen. Da aber diese häufig nach
oben offen sind, oder Öffnungen besitzen, durch
welche von oben Licht und Luft Zutritt hat, so
kann jeder vor- oder darüberfliegende Aviatiker
oder Luftballonpassagier derartige Schamlosig-
keiten ansehen (Erregung öffentlichen Ärger-
nisses).

7. Aber auch der mit Stoffen bekleidete Kör-
per der Badenden ist geeignet, durch enges An-
schmiegen an rundliche oder sonstige Körperteile,
gewisse Formen zur Schau zu stellen, die unkeusche
Gedanken erregen (öffentliche Ausstellung
und Anpreisung von Gegenständen, welche
unzüchtigen Zwecken dienen.)

Nun ist zwar anzunehmen, daß der liebe Gott
selbst eines Tags auch für dieses Gomorrha
die entsprechende Strafe finden wird, bis dahin
wären jedoch im Interesse des noch unverseuchten
Teils der Bevölkerung einige polizeiliche Maß-
nahmen angezeigt, nämlich: 1. Das Baden in
Seen und andern öffentlichen Gewässern ist ver-
boten. 2. Wannenbäder dürfen nur in luftdicht ab-
geschlossenen Kabinen verabreicht werden. 3. Wer
ein solches Bad zu nehmen wünscht, wird vor-
und nachher auf seine sittliche Reinheit untersucht;
während des Gebrauches ist die Kabine zu ver-
siegeln. 4. Untersuchen und Versiegeln geschieht
durch Mitglieder des V. z. B. d. Unsittlichkeit.
5. Es dürfen daher nur soviele Bäder abgegeben
werden, als die Untersuchungs-Kommission be-
wältigen kann. a. i». x

Preußen in Deutschland voran!

Im Abgeordnetenhause wurde darüber ge-
klagt, daß die Kauflustigen in dem Berliner Ver-
kaufslokal der Königlichen Porzellan-Manufaktur
nicht höflich genug behandelt würden.

Die Klage ist unbegründet. Selbstverständlich
kann ein Herr Verkäufer, der in seiner Person
die Souverünetät des preußischen Staates reprä-
sentiert, sich nicht benehmen wie ein Kommis bei
Wertheim. Aber es geschieht alles, um die Rück-
sicht auf das Publikum mit der Würde einer
Großmacht zu vereinigen. Die Kauflustigen werden
der Reihe nach bedient; sobald ein Käufer ab-
gefertigt ist und sobald die Pause verstrichen ist,
die jeder Herr Verkäufer nach Erledigung eines
Käufers zur Erholung braucht, kommt schon der
folgende heran. Jedem Herrn Verkäufer ist ein
bestimmtes Dezernat zugewiesen, so daß der Käufer
inimer mit einem durchaus sachverständigen Herrn
Verkäufer zu tun hat. Ist z. B. der Herr Dezer-

nent in Tafelgeschirr beurlaubt, so wird er nid)*
etwa durch den Herrn Dezernenten in Nacht
geschirren vertreten; sondern der Käufer wird fü1
die Zeit nach Ablauf seines Urlaubs wiederbestellt
Körperliche Mißhandlungen der Käufer sind den
Herren Verkäufern streng untersagt; denn die
Porzellanmanufaktur ist doch keine Polizeiwache-
Was wollen die p. Käufer noch mehr?

Fi'id«

politische Nachricht

Von einem erfreulichen Fortschritt in der
iiationalliberalen Partei und zugleich vo''
der harmlos heiteren Stimmung, die unter diese«'
ernsten Mäniierii herrscht, zeugt die Nachricht-
daß sich ein Teil derselben jüngst zu einem Pfeifen
Klub „Schwarz-Blau-Gold" zusammenta»-
sogenannt nach den schwarz-blau-goldnen Trod^
dein an ihren Pfeifenrohren. Per Klub ha>
auf seine Fahne die Pflege der Gemütlichkeit
und des Rauchens vaterländischen Tabaks ge
schrieben und tagt im Reichstagsgebäude. PN
der Klub ausdrücklich erklärt, unpolitisä> zu seiff-
sucht er auch die Beziehungen zu anderen natim
iialeii Parteien zu kultivieren. Die Wahl he''
Farben Schwarz-Blau-Gold erfolgte daher in'
Hinblick auf diese Bestrebungen, denn das N"'
der alten nationalen Farbe ist zu peinlich Hfl*!
mußte durch Blau ersetzt werden; das Gold koin»'
von den Großindustriellen des Klubs. Unter de>'
Bestimmungen verdient hervorgehoben zu werden-
daß für die Aufnahme in den Klub eine bestimm'«
Altersmindest grenze vorgeschrieben ist um
zwar 65 Jahre. Jüngere oder gar Junge
ten als unreif und werden abgelehnt. Jedes M's
glied trägt oei den Sitzungen außer der Pfe'n
eine Nachtmütze in den erwähnten Farben, solv>«
eine blaue Brille, um jedes das Auge beleidigend«
Rot auszuschließen. Die Tätigkeit besteht
gegenseitigen Anräuchern, Nicken und Schlafe'';
Bon Zeit zu Zeit ist der Vorsitzende verpflicht«
„Hurra" zu rufen, worauf alle Mitglieder 1'®
wieder in große Rauchwolken hüllen. Uni,44
beweisen, daß auch die Freiheit trotzdem n>®
im Klub verpönt sein soll, müssen jeder Antrag-
jedes Eintritts- und Abtrittsgesuch, sowie die eveN,
tuellen Reden mit den Worten „ich bin so fr«''
eingeleitet werden. Dies eine kurze Blütenlei«
aus den Statiiteii. Möge der neue Klub blühe'?
wachsen und gedeihen zum Segen der Nation"
liberalen Sache und des Humors!

A. I» »'
A. D. N.: Politische Nachricht
Beda: Die unschuldigen Kindlein
A. D. N.: Gegen die bayerischen Seebäder
Arpad Schmidhammer: Hertling in Verlegenheit
Frido: Preußen in Deutschland voran!
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