Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Aegte den Kopf und sagte: „Papa würde mich
Wagen, falls er wüßte, wo ich bin!"

„Bei mir wäre cs Mama!" erwiderte er.

. Diese Heraufbeschwörung der gemeinsamen
Gefahr stimmte sie heiter, und sie lächelten einander
^U, wagten nicht laut zu lachen, weil sie nahe an
"ckandergedrückt saßen. Aber ein Windstoß, der
entblätterte Platane ober ihnen rüttelte und
Men Schauer von Regentropfen auf sie herab-
!Eob, ließ sie alsobald in ein schallendes Lachen
«usi,rechen, während sie sich schüttelten.

Der Himmel war inzwischen noch düsterer ge-
worden, mit geballten, schwarzen Wolken, die
wie Trauerfahnen herniederhingen.

, „Sehen Sie doch, wie schön es jetzt ist!" rief
Mimi.

^ Sie wies auf die Häuserfronten, die von
Wasser rieselten, die Dächer, die wie gebahnt aus-
when, die Pflastersteine, die sich gleich einem rie-
sigen Schachbrett reihten, umspült von schmutzigen
Pfützen.

„Ja," stammelte er, „ja, ja — — —" Er
nigte hinzu, mit staunender Bewunderung: „Wir
haben fast noch eine halbe Stunde übrig!"

Sie wollte, daß man ein wenig herumspaziere,
Und Pascal fand, daß dies noch besser wäre. Sie
nanden auf, gingen aufs geratewohl dahin. Wenn
wan gemeinsam schreitet, nähert inan sich dem
genossen wie durch eine Art geheimnisvoller

Magie --Don Augenblick zu Augenblick schien

ihnen, als bereichere sich ihre Einsamkeit mit
Unerhört neuen, schönen, herrlichen Eindrücken —
Sie kamen an einem Fenster des Erdgeschosses
Horbei, dessen Flügel halboffen stand. Eine kahle,
schmutzige, verwahrloste Stube war sichtbar, aus
®et wie in einer dicken Welle Modergeruch
"rang — — — Aber sie dachten, mit einem
"ebenden Schauer, an die Kammer, die sie einst
^sitzen könnten, sie allein — — —_ Und dieser
Gedanke drang noch stärker auf sie ein, hüllte sie
wie in einen strahlenden, goldleuchtenden Zauber-
wantel, als sie an einem zweiten Fenster vorbei-
michen, dessen Vorhänge fest geschlossen waren —
Und während dieses Augenblicks hatten sie
beide instinktiv die Augen geschlossen, wie ge-
blendet von dieser Bision eines zauberischen Ge-
wächs, einer Paradiesstube.

Sie gingen, gingen — — — Die Häuser
wurden seltener, von Passanten sah man keine
Epur niehr. Die große Avenue wurde zu einer
mt breiter Landstraße, und sie atmeten in tiefen
Mgen die freie Luft ein; eine Rauchwolke, die
"on einer fernen Fabrik herüberzog, brachte ihnen
Men Odem von feuchter Erde zu, und es schien
ihnen wie ein köstliches Parfüm, das Parfüm
neier Sonntage, die man auf dem Lande ver-
lebt —

„Bor einer Weile noch waren die Wolken
schwarz und schmutzig, und nun sind sie perlgrau,"
lugte Mimi andächtig.

.. Rach einer Weile schritten sie längs einer hohen
Mauer dahin, die den Weg zur Linken einsäumte,

Me hohe, weiße Mauer, über
"unkle Grün von Zypressen sah.

Hand in Hand bewunderten
!,e dieses frische Grün, traten
"Urch dag Gittertor, schritten in

"wer Allee dahin —-

„Ein Friedhof!" sagte sie.

,. „Ja —-- wie schön es

wer ist!" erwiderte er glückliä).

Sie wunderten zwischen den
wräbern umher, setzten sich dann
?uf einer Bank nieder, so durch-
drungen von der luxuriösen
suchst des Gartens, daß sich
we Hände von selbst lösten —
„Sehen Sie!"

Ein Leichenzug tauchte auf,
*£.9 langsam vorüber. Der erste
d^agen war weiß ausgeschlagen,
"her der Bahre lag ebenfalls
ch weißes Tuch. Sie faßte»
Wunder wiedcrtim bei den Hän-

S fast kranipfhaft, und sie
en zu gleicher Zeit denselben
^"danken: ein feierlicher Zug,

deren Rand das

dem sie voranschritten, ernst und zitternd — —
sie als Braut, er als Bräutigam —-

Das schien ihnen so einfach, so natürlich, so
richtig, daß sie gar nicht nötig hatten, zu sprechen,
uin diesen Traum zu teilen, und als sie endlich
aufstanden, waren ihre ersten Schritte ganz lang-
sam, ganz feierlich, als würden sie vom Traualtar
ins Leben hinauswandeln — — —

Sie verließen den Friedhof, mit glückstrahlender
Miene, folgten der weißen Mauer, ließen sie zu-
rück -—

Auf einem Meilenstein, unweit der Mauer,
saß ein Alter, der einen Leierkasten drehte. Sic
näherten sich eilig.

Er hatte nur eine einzige Walze an seinem
Instrument, das Oe protunäis, wie es sich für
diesen Ort schickte: der herzerreißcndste Klagege-
sang, den je die menschliche Traurigkeit in die
Lüfte stöhnte, die Lamentation eines Todwunden,
der um Leben fleht und dessen Melodie den Bor-
überwandelnden eine eisige Maske von Trauer
und Reue gibt.

Die Beiden hielten an, wie gebannt, betrachteten
einander, die Augen im Festjubel — — —

„Musik! Wie hübsch das ist!" hauchte Mimi
zwischen ihren kleinen Zähnen, ganz selig im Auf-
horchen.

„Komm! — — Komm!-" murmelte er

endlich.

Sie gingen weiter, leicht, fröhlich, regelten
ihren Schritt nach dem Rhythmus der verzweif-
lungsvollen Melodie, lächelten dem trüben Tag

entgegen, fanden alles schön,-wußten nicht,

daß es ihr geniales Kinderherz war, das sich
derart, im Hauch der ersten Liebe, die Welt neu
erschuf -

(Deutsch von Franz Farge)

Frühlingsgewitcer

Am Fuß des Berges, in der kleinen Laube,
Ist Leben. Lärm und buntes Fackellicht.
Dem weine halten fröhliches Gericht
Die Frühlingsgäste aus der Goldnen Traube.

Lin Doktor redet. Gläser gehn und klingen,
Man lobt entzückt sein bilderreiches Wort,
Rückt still — verstohlen, leere Flaschen fort
Und ist bereit, ein mildes Lied zu singen.

Die Jungen schauen ernst auf ihre Hände,
Die Alten summen hell und wehmutszitternd,
Fern überm Rheine leuchtet es gewitternd,
Und mahnt erdonnernd an des Festes Ende.

Herbert A. Hahn

Schneider-Streik

Der Orttjoep

Don «vthmar Steczinger

Mein Freund Zacharias Schneider war Or-
thosp. Wie die alten europäischen Schulmeister
mit genialem Scharfblick als die wichtigste der
menschlichen Kenntnisse die Orthographie erkannt
hatten und den Kulturgrad eines Menschen, genau
in Prozenten, nach der abnehmenden Zahl seiner
Schreibfehler feststellten, so hatte mein Freund
mit dem sichern Instinkt eines Angehörigen dieser
Berufsrasse als die gesunde Weiterentwickelung
der Orthographie die Orthoepie oder die Kunst
der richtigen Aussprache gefunden. Denn auf dem
Felde der Orthographie gab es keine Lorbeeren
mehr zu holen; ihr Sieg war vollständig, sie war
auch schon etwas anrüchig, aber die Orthoepie
war modern.

Er begann seine Tätigkeit damit, daß er
die Aussprache aller seiner Bekannten nach der
deutschen Bühnensprache umänderte. Hiebei legte
er einen Eifer ohnegleichen an den Tag. Oft
zitierte er stundenlang „Sprechseite" für Sprech-
seite aus irgend einem Redner völlig original-
getreu, wobei die durch einen ironischen Unterton
verstärkte Betonung eines Wortes den Strich
mit der roten Tinte zu ersetzen hatte. Niemals
konnte ihn das feurigste Gespräch seines Partners
zur Vernachlässigung seiner Erzicherpflicht ver-
leiten. Er blieb immer der unbeeinflußte Mentor,
ohne Leidenschaft, bloße Pflicht. So erreichte er,
daß sich alle seiner Geißel fügten. Ich erinnere
mich noch gut der Stille, die einst eintrat, als
ich in seinem Kreise infolge eines momentanen
Zungenfehlers. statt Innsbruck Innschbruck sagte.
Der eine aß gerade ein Brot, sein Speichelzufluß
stockte sofort, der andere wollte gerade ein Wasser
trinken, ihm blieb der Schluck im Munde und
ging weder hinaus noch hinunter: ringsum die
Starre der Peinlichkeit. Ich entschuldigte mich
sofort, und oann begann sich wieder alles zu
rühren, das Brot knirschte weiter, der Speichel
floß und das Wasser gluckste in den Magen, wie
im Märchen vom Dornröschen nach dem er-
lösenden Kusse.

Dieser seelischen Korrektheit entsprach auch
das Gehaben seiner Leiblichkeit. Er gab sehr
viel auf Reinlichkeit. Jedermann weiß, wie lästig
und unschön die Teilchen der Kopfhaut sind,
welche wir Schuppen nennen, sobald sie sich aus
unsere Kleider herniedersenken. Ebenso weiß er,
daß schwarzberänderte Fingernägel störend in die
Appetitlichkeit unseres täglichen Lebens grinsen.
Das Augenmerk nieines Freundes Zacharias war
daher ständig auf die Entfernung dieser Dinge
gerichtet. Wobei ihm außerordentlich zu statten
kam, daß er Nichtraucher war, und stets über
eine freie Hand zu verfügen hatte. In kürzester
Zeit waren seine Hände dermaßen geschult, daß
sie in periodischen Zeitabständen automatisch ihren
Dienst verrichteten. Saß er beispielsweise im
großen Bibliotheksaal oder im Kaffeehaus, so
griffen sie nach vier Minuten
auf den Kopf, suchten nach den
genannten Dingelchen und schleu-
derten sie in geschicktem Finger-
zappeln von sich weg. Rach
weiteren drei Minuten brach er
plötzlich in der Lektüre ab, legte
die Zeitung oder das Buch rasch
beiseite, säuberte in eigentümlich
flinkem Schwung seine Nägel,
dann fuhr er wieder in der
Lektüre weiter. Nach vier Mi-
nuten begann wieder die Schup-
penlese und nach weiteren dreien
die Entränderung. So erzielte
er eine tadellose Reinlichkeit und
war gleichzeitig die Verkörperung
des Spruches: Ein reiner Geist
kann nur in einem reinen Kör-
per sein.

Bald stellte er sein Ziel höher,
es überkam ihn ein genialischer
Zug und er fühlte sich als den
Umwerter aller Wörter. Er hatte

kick, kost

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Othmar Sterzinger: Der Orthoëp
Richard Rost: Schneider-Streik
Herbert A. Hahn: Frühlingsgewitter
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