Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Bei etwaigen liebte 11 linken bittet man auf die Miincliner „JKdKXD“ Bezug: zu neliineii.

Ein einziFer Mensch . . .

Es regnete.

Die Wolken schleppten graue Kran-
kenbetten über Stadt und Feld.

Es fröstelte.

So in der Mitte zwischen warn: und
glitzerkalt.

Es" war ein Nachmittag im frühen
Februar.

So mittlings zwischen Winterpracht
und Frühlingsahnung, wo nichts mehr
von, einen da ist und n o ch nichts vom
anderen.

Alte Hennen schoben sich verdrießlich
durch den kahlen Weinberg und blin-
zelten.

Mit gesenktem Kopfe stand der Tyras
vor der Tür.

Sein Freund, der Waldmann, knurrte hinterm
Haus die Hängewolken an.

Die Katze unter meinem Fenster hat die Welt
mit absoluter Wurschtigkeit beglotzt.

Die dürren Bäume schliefen.

Mürrisch wälzte sich der Rauch aus dem Kamin.

Herr in deinem Himmel — war die Welt
voll Trübsal.

Ein stellungsloser Maurer stapfte fluchend durch
die Gasse.

„Sakrament — Sakrament — Sakrament,"
und legte jedesmal den Ton auf eine andre Silbe.

Eine nmde Mutter schleppte Zeitungen von
Haus zu Haus und schlurfte auf dem Pflaster.

Ein Dichter überm Schreibtisch legte seine Feder
hin und murmelte:

„Wozu . . . ? Wozu . . . ?"

Und in fünf Minuten wird die bleiche Sonnen-
scheibe hinter jenem Berg auf immer fortgegangen
sein . . . auf immer ...-

Da — springt ein Kind aus einem engen Tore
n das Freie, hüpft und lacht und kräht:


Die neue Löhnung R• Hesse

„VTct wartet, ihr "Serie! wenn die neue Löhnung kommt
und ihr macht mir dann immer noch keine höheren Sprünge,
dann soll euch der Teufel holen!"

Liebe Jugend!

Als sich im ltaisermanöver (909 die
langen Marschkolonnen durch Schmutz
und Regen gegen Mergentheim hin-
zogen, da benützte ein biederer Re-
servist eine kurze Marschrast, um seine
Fußbekleidung wieder in Grdnung zu
bringen.

Stöhnend ineinte er, zu seinem Nach-
bar gewendet: „I woiß it, von dem
Raisermanevre han bis jetz au no nix
g'sehe, als die Bladdre (Blasen) au
moine Füß."

„Hui — di — bui" und

„Hobble — di — hoi!" und weiter liichts-

Und was geschah?

Es regnete nicht mehr.

Die Wolken hoben sich ein wenig.

Der dürre Winter — Frühlings — Mittlings
— Nachmittag bog sich mit einem leisen Ruck zur
Frühlingsahnung über.

Es gackerten die Hennen.

Der Tyras hob den Kopf.

Die Katz nahm wieder Stellung zu der Welt
umher.

Es straffte sich der Rauch gerade überm Dache.

Der Maurer hörte auf zu fluchen — der Mutter
Zeitungsträgermüdigkeit ward durch ein Lächeln
aufgehellt.

Der Dichter fand die Antwort auf die hoffnungs-
lose Frage.-

Und das alles, weil ein Kind gekräht hat. . . ?

Za, habt ihr das noch nicht gewußt?

Das und noch mehr vermag ein einziger
Mensch, der fröhlich ist.

Fritz Müller (Zürich)

Bei einem Fürstenbesuche auf dein
Lande haben die verschiedenen Vereine
auf der Dorfstraße Aufstellung ge-
nommen. Als der Fürst die lange
Reihe abschreitet, sind die Vereinsvorstände einen
Schritt vorgetreten. An sie richtet der Fürst ver-
schiedene Fragen.

So fragt er auch einen: „welchen Zweck hat
denn Ihr verein?"

„Mer schlachte» jedes Jahr en Schwein, ifoheit,
und pflegen och die Geselligkeit."

Lin Freinder besucht die Dresdner Gemälde-
Galerie und sieht vor einem kleinen, dunkel ge-
malten Bilde eine ältere, kokett gekleidete Dame
stehen. Als er noch drei weitere Säle besichtigt
hat und zurückkommt, findet er die Dame noch
iinnier vor demselben Bilde.

„Bitte," sagt er da zu einem in der Nähe
stehenden Galeriediener, „ist jenes Bild dort viel-
leicht etwas Besonderes, da es die Daine schon
mindestens zehn Minuten lang besichtigt?"

„Durchaus nicht," antwortet der Gefragte,
„aber es ist mit Glas überzogen und spiegelt."
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Rudolf Hesse: Die neue Löhnung
Fritz Müller: Ein einziger Mensch
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