Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Die Republik „auf Pump" Erich Wilke

Vuanschikai: „pfui Dcibcl, das nennt man eine freie Republik! Sobald sie mir die Stützen unter den Stuhlfüßen fortziehcn, liege ich unten!"

Grün ist des Lebens gold'nerBaum!

Bayerische Nlakamen

In der bayrischen Reichsratskammer — er-
hub großen Jammer — der Reichsfreie Theodor

— von Cramer-Klett, der schon öfter zuvor —
an selbiger Stelle — in mäßiger Helle — bei
einem Bericht — ließ leuchten sein Licht. — Dies-
mal erschien er — nicht zum Preise der Kapu-
ziner — und Benediktiner, — die er in seiner
Güte — erklärt für der Menschheit edelste Blüte

— und von denen er viele Exemplaria — setzt
in den Pelz der Bavaria — nein, er ward zum
Rhapsoden — des Herrn von Soden — in
schwungvollen Oden, — um als Glück für Bayern

— es begeistert zu feiern, — daß dieser Out-
sider wurde Minister — und nicht so ein
trister — bürokratischer Tropf, — der seinen Kopf
—- beugt über einen Aktenwisch — am grünen
Tisch — und drum eben — keinen Begriff hat
vom Leben! — Vor lauter Kleinkram merkt er
es kaum, — wie grün des Lebens gold'ner Baum,

— der Bürokrat — welches Zitat — der Herr
Reichsrat — einmal im Büchmann gefunden hat!

Ja: ein Outsider, wie Herr von Soden, —
war nötig, von unserm bayrischen Boden — die
Bürokraten auszuroden, — unter denen wir

ächzen, — seufzen und lechzen! — Der ist ein
überlegener Geist, — der so leicht nicht entgleist

— und uns neue Wege weist, — als schwarzer
Agrarier — und Parlamentarier — von großer
Bedeutung, — wenn nian ihn, Zeit läßt zur Vor-
bereitung — und ihn nicht blamiert, — indem
man ihn interpelliert! — Aber so einen ver-
dammten — bürgerlichen Beamten, — wie etwa
der Brettreich, — der nicht dem Cramer-Klett
gleich — altadligen Stamms — und sagen kann:
Mir Hamms! — den zum Minister zu machen,

— das ist zum lachen! — Der wird unbequem

— durch sein zopfiges System — das zeigt schon
die Haltung — der Staatsbauverwaltung, — die
selbst eine» Mann vom feudalsten Schlag — nicht
bauen läßt, wie er mag, — die ihn plagt ganz
unsäglich — und unerträglich — einfach kläglich

— mit gräßlichem Druck, — wie ein Mameluk

— und eingreift beim besseren Publikum — in
das Privat-Eigentum, — was doch zu kühn ist,

— weil des Lebens goldener Baum so grün ist!
Drum weg mit den bürgerlichen Krautschnei-
dern — und ein Hurra den Outsidern, — die
als Menschheitspitzen — im Reichsrat sitzen! —
Sie solle» allein — Minister sein — und die
Menschheit vom bösen — Zopfe erlösen, — Denn
das wissen die Weisen: — aus diesen Kreisen —

ist zu des Volkes Frommen — noch immer ein
-jeder Fortschritt gekommen. — Die haben das
rechte Geschick — und den freien Blick — und
das steife Genick — für eine Exzellenz — und
die nötige Intelligenz, — ungetrübt durch Ressort-
kenntnis — und Sachverständnis! — Es ist ja
bekannt: — Wer das Geld hat im Land, —
dem schenkt Gott den Verstand — sozusagen im
Traum — denn grün ist des Lebens goldener
Baum!

Rur ein Aristokrat — kann wirklich probat

— durch Rat und Tat — stützen den Staat —
und das Volk regieren! — Zu Arbeitstieren, —
zum Aktenschmieren — und Federeintauchen —
kann man sie brauchen, — die Kerle, die sub-
alternen, — die was können und was lernen, —
Doch so ein Philister — wird nie ein guter Mi-
nister — da ist Alles vergebens, — denn grün
ist der goldene Baum des Lebens! — Die aber,
die am Popo, — oder sonst irgendwo — tragen
die Kammerherrnknöpfe, — die haben die ridjtigen
Köpfe — und wir wollen es hoffen, — das sag'
ich offen — daß man künftig nur mehr untadelige

— altadelige, — dünnwadelige — erbliche Reichs-

räte — zu Ministern machen täte, — wobei es
besonders nett wär., — wenn Einer dann der
Cramer-Klett war'! HarU-i
Hariri: Grün ist des Lebens gold'ner Baum
Erich Wilke: Die Republik "auf Pump"
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