Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 503
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1912_1/0534
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Maientag Ludw. v. Senger (Fürstenfeld-Bruck)

Herzigkeit und Biederkeit mehrere Jahre gründlich
erleid)tert, bat id) ihn Höflid), seine Tätigkeit der
Abwed>selung wegen an einem andern Ort fort«
zusetzen, damit ich nid)t zu früh an den Bettel-
stab käme.

Der Förster war tief beleidigt, aber er ging.
Ich war sonderbarer Weise niä)t einmal genötigt,
die Polizei zu holen oder die Fenster und Türen
seiner Wohnung ausheben zu lassen. Mit einem
Herrn, der ftd) nur wenige Jahre betrügen läßt,
wollte er nicht länger zu tun haben. Doch be-
wies er immerhin noä) so viel Anhänglichkeit an
seinen einstigen Brotherrn, daß er mir ein halb
Dutzend Briefe schrieb, in denen er mir eine ganz
ausgesuchte Sammlung von Beleidigungen zum
Geschenk machte.

„Sie filziger Geizhals," so lautete die Anrede
des ersten Briefes. Iä) lachte, aber id) ärgerte
mich nicht. Bill war gerade bei mir zu Besuch.
O, er sollte seine Wette so leicht nid)t gewinnen!

Ich setzte eine Annonce in die Zeitung und
s»d)te nad) einem neuen Förster.

Unter tausend Grünröcken, die mich mit Briefen
und Bildern bestürmten, meldete sid) einer, der
fünfunddreißig Jahre im Staatsdienst gewesen war.

Gut, das war mein Mann. Fünfunddreißig
Jahre Staatsdiener, der Mann war also un-
zweifelhaft ehrlich und erfahren. Seinem Briefe
»cid) schien er und) alle übrigen Eigenschaften
eines Christen zu besitzen. Zudem fdjrieb er aus
einem Waldhaus Lürchenruh. Das mußte man
als gutes Zeid)en ansehen. Der Mann war nid)t
>» die Stadt gezogen, sondern auch, nachdem er
ocn Absdfied genommen, draußen an seinem ge-
liebten Wald wohnen geblieben. Obendrein rühmte
er sich, meisterhaft die Flöte spielen zu können.

Nun, id) liebe die Musik.

Id) wußte zudem, böse Menschen haben keine
wieder, und ließ ihn kommen.

Zwei Tage später, als ich mit Bill bei einer
Zigarre saß, wurde ich hinabgerufen. Der neue
-Förster sei eingetroffen. Während mein Freund
»ben blieb, eilte id) hinunter. Da stand ein älterer

Mann mit herabhängendem, graueni Sd)nurrbarte,
grauem Rock, grauen Gamasd)en, einen grauen
Tropenhelm auf dem Kopfe. Uber der Sd)ulter
trug er an einem starken Bande eine mindestens
sechs Fuß lange Doppelflinte, und eine lange
Jagdtasche hing ihm an der Seite bis in die Knie-
kehlen. Diese Tasd)e war groß genug, ein zwei-
jähriges Kalb mit Haut, Haaren und Hörnern
aufzunehmen.

Der Förster sd)wenkte zur Begrüßung den
Tropenhelm mit dem Rufi „Weidmannsheil".
Dann drückte er mir die Hand und verrenkte
mir dabei den Zeigefinger.

„Sie haben eine merkwürdig lange und sd)were
Flinte," sagte ich, seine Waffe betrachtend.

Der Förster rollte die Augen, stieß die Rechte
mit gespreizten Fingern in die Luft, schüttelte sie,
wie sid) ein Sperber rüttelnd in der Luft erhält,
und erwiderte: „Das ist eine Menschenflinte, und
wo sie hintrifft, wäd)st kein Gras mehr."

Also eine Menschenflinte. Das klang ja nid)t
übel. Der Mann würde sid)er keine Wilddiebe
dulden. Er konnte sonderbar kriegerische Augen
machen. Als Kind besaß id) ein unzerreißbares
Bilderbud, und habe lange seine Fetzen aufge-
hoben. Auf einem war das Bild des Kned)t
Ruprecht, der hatte genau dieselben Augen.

Da id, ihm gleich das Revier zu zeigen
wünschte, so wunderten wir zusammen hinaus.
Vorangehend zählte id) dem Alten die Grundsätze
auf, nad) denen id) meinen Wald bewirtsd)aftet
wissen wollte, und ich glaube, ich tat das in eben-
so genauer als lehrreid)er Art. Aud) mad)te er
keinerlei Einwendungen, und das gefiel mir aber-
mals. Wir benützten zur Abkürzung des Weges
einen Feldsteig, und der Förster blieb ein wenig
hinter mir zurück. Endlid) kehrte id) mid) und)
ihm um. Id) erwartete, daß er dod) auch ein-
mal etwas sagen, meinen Plänen zustimmen
werde. Er aber starrte ins Blaue hinein und
kaute mit Behagen an einem Rettig.

Kaum wendete id) den Kopf nad) ihm, so
blieb er wie auf Kommando stehen, seine Augen

läd)elten mit einem Ausdrucke unbeschränkter
Mensd)enfreundlichkeit, und er bemerkte: „Ich
habe die ganze Zeit an meinen Freund Bullenstädt
denken müssen. Man darf nämlich nid;t ver-
gessen, daß zur Erreichung wahren Lebensglückes
allein das naturgemäße Leben führt; ganz allein!
Raud)en und Alkohol ist Gift. Id) setze aber
voraus, daß man die Fähigkeit besitzt von der
Wirkung zur Ursache zu kommen, das heißt, daß
man als Baum mit allen Armen sid) zur Taucher-
glocke macht, die mein Freund Bullenstädt-"

Und in der Art ging's weiter.

Das war verblüffend. Id) redete von Fichten-
pflanzen, und er antwortete von einer Taucher-
glocke.

„Lieber Mann," unterbrach id, ihn sanft, ob-
gleich innerlich ein wenig traurig, daß nieine Rede
über Waldbau ganz umsonst gewesen, „halten
Sie ein. Id) bin ja von der Bedeutung Ihres
Freundes vollkommen überzeugt, möd>te aber
dod) zunädist — hier vor uns, das ist also mein
Revier." Aber der Alte streckte beide Hände be-
sd>wörend gegen mich, dann ließ er sein Früh-
stück in der tiefen Riesentasche an seiner Seite
versd)winden und entgegnete: „Sehen Sie meine
Kleidung an, sie ist grau, Herr Baron, grau!
Das allein ist naturgemäße Farbe. Aud) die
Natur bevorzugt das Grau. Grau ist allein
das Richtige. Sie tragen, wie id) gesehen habe,
schwarze Hüte. Das ist furchtbar. Ich Haffe
schwarz, ich schieße auf alles Sd)warze, und
wenn id) mit meiner Flinte irgend einen vor
den Baud) sd)ieße," brüllte er plötzlid), „so ist
and) keine Spur, kein Atem Leben mehr in ihm.
Ah, die glücklichen Wilden! Sie wissen, es ist
alles ganz natürlid), und fressen ihre Feinde. Ja,
Herr Baron," — er begann wieder mit den
Augen zu rollen, — „man soll ihre Handlungs-
weise loben, denn es steht im Einklang mit der
Natur. Ja, man frißt und wird gefressen und
Mensch und Pflanze und — "

Rasch machte ich Kehrt, hielt mir die Hände
an die Ohren, um den Unsinn nid)t länger an-

50;
Ludwig v. Senger: Maientag
loading ...