Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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nicht abweisen, er müsse mich dringend sprechen,
damit man dem neuen Förster nidjt unrecht tue,
setzte er hinzu.

Gut denn, so mochte der Doktor kommen.
Ich aber nahm mir vor, Hektar und Tiras auf
ihn zu hetzen, wenn er mir etwa auch sein Universal-
pflnster für Melancholie und Amcisenstiche an-
bietcn sollte.

Kurz darnach öffnete sich die Tür, und ein
kleiner Herr trat ein, sich bescheiden verbeugend.
Er sah jung und garnicht übel aus, sodaß ich
beschloß, vor der Hand meine Hunde noch auf
dem Fell am Ofen liegen zu lassen.

Das Herrchen rieb sich verlegen die Hände,
che es sich in den angebotenen Stuhl niederließ,
dann begann es nut einer hohen, weinerlichen
Stimme: „Sehr verehrter Herr Baron, Sie haben,
wie ich höre, gestern einen neuen Förster in Ihren
Dienst genommen-"

Wieder rieb er sich unter befangenem Lächeln
die Hände und blickte nach schüchtern durch die
Brillengläser an.

„Ja, Herr Doktor," fiel ich ihm ins Wort,
„und der Mann, den mir nur der Satan geschickt
haben kann, nennt Sie seinen Freund, seinen
besten Freund."

„Nun — das will ich gerade nicht sagen —"

„Und Sie haben ein Universalmittel erfunden,
ein Pflaster —"

Der Doktor hob abwehrend die Hände.

„O nein, das nicht. Ihr Förster hat mich
nicht recht verstanden."

„Und ich verstehe den ganzen Kerl nicht recht."

„O, ich begreife das vollkommen, Herr Baron.
Ich begreife das vollkommen. Ihr Förster war
nämlich bei mir in Behandlring. Er ist ganz
gegen meine Absicht aus meinem Hause heimlich
fortgegangen und hat wohl auf Ihre Annonce
hin —"

„Er schrieb mir doch aus einem Waldhaus
Lürchenruh. Ist denn das kein Forsthaus?"

Der Doktor lächelte abermals verbindlich.

„Doch nicht. Der Herr Baron täuschen sich.
Das ist der Name meiner Nervenheilanstalt."

„So, und der Mann ist wohl verrückt?"

„Nun ja, verrückt wohl, aber es ist nicht so
schlimm," suchte der Doktor mich zu beschwich-
tigen, „es ist wirklich nicht so schlimm. Der
Förster leidet an fixen Ideen, wie man in Laien-
kreisen sagt. Er bildet sich ein, das ihm gegen
Rheumatismus verschriebene Pflaster sei ein
Universalmittel. Bor allem aber schwärmt er
siir das Naturgemäße, rmd da geht er leider
etwas zu weit. Er hat sich nänilich eingeredet,
man müsse zum Urzustände der Menschheit zu-
rückkehren, in Wäldern leben, seinen Feind tot-
schlagen und fressen."

„Ja zum Teufel, dann ist also mein neuer
Förster Menschenfresser."

„Anthropophage, in der Theorie. _ Mein Gott,
es gibt schlimmere Arten der Paranoia. Indessen
hat er immerhin in einem Zustande der nervösen
Überreizung einnral auf seinen früheren Vorge-
setzten geschossen und darum --"

„Und hat ihn totgeschossen?"

„O nein, gefehlt."

„Das ist mir ein großer Trost. Sagen Sie
mir nur, Herr Doktor, wie ist denn der arme
Mann zu diesem Wahnsinn gekommen?"

Der Doktor zuckte die Achseln, legte die Hände
mit den Spitzen der Finger gegen einander und
blickte traurig an die Decke.

„Je nun, ich weiß das selbst nicht. Es ist
mir tatsächlich unerklärlich. Der Mann war fünf-
unddreißig Jahre Staatsbeamter."

Fünfunddreißig Jahre Staatsbeamter. Sollte
das am Ende bis zur Menschenfresserei — nein. Un-
möglich. Ich schob meine Gedanken rasch beiseite.

Da krachte jäh draußen ein Schuß. Wir
sahen uns erschrocken an, der Doktor war kreide-
bleich geworden, nur die Menschenflinte konnte
ja so fürchterlich knallen. Derselbe schreckliche
Gedanke fuhr uns durchs Hirn: Jetzt ist ein Un-
glück passiert. Gleich darauf stürzte Bill ins
Zimnier.

„Nun gewinn ich die Wette," rief er atemlos.
„Nun gewinn ich die Wette!"

Ich eilte auf den Freund zu, faßte ihn an
die Arme. Bill hatte ja einen schwarzen Anzug an.

„Hat er auf dich geschossen, armer Bill?"
fragte ich besorgt. Bill aber lachte, er hüpfte
vor Freude und teuflischer Triumph sprach aus
seinem Gesicht.

„Nach deinem schwarzen Frack hat er ge-
schossen, den der Diener zum Ausbürsten heraus-
gehängt hatte. Durch und durch hat er ihn ge-
schossen Nun mußt du doch mal wütend werden.
Und ich gewinne den Pommery!"

Ich warf auf. Bills Siegermienen einen Blick
und — lächelte. Der Schwindler sollte mir so
rasch nicht bange machen! Wir liefen alle drei
hinunter, Bill als letzter. Natürlich, er log mich
ja an!

Doch da hing wirklich mein Frack, ein Sieb.
Die Sonne schien durch zahllose Löcher. Und ich
hatte so sicher geglaubt, der abscheuliche Mensch
möchte nach Spatzen geschossen haben, und Bill
hätte mir fälschlich Angst gemacht!

Da hing mein Frack. Mit übermenschlicher
Anstrengung verbiß ich mir den Arger und trat
voll Fassung heran, das unschuldige Opfer in
meine Arme zri nehmest. Ich hob das Kleidungs-
stück vom Haken, dann — dann wendete ich mich
gegen meinen Freund und lachte, lachte aus vollem
Halse.

Bill zitterte vor Wut.

„Du, verstell dich nicht so!" rief er. „Du
kannst wirklich noch lachen? Hundert Flaschen
Pommery-"

„Freilich, freilich kann ich lachen," rief ich
und fiel ihm um den Hals: „Es ist ja garnicht
mein Frack! — Es ist ja — dein Frack!"

Bill nahm den Frack, besah den Frack —
dann knickte er zusammen und ließ sich von mir
ins Haus führen.

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Dr. Bullen-
städt gekommen war, seinen gefährlichen Kranken
wieder nach Waldhaus Lürchenruh zu holen, und
daß ich beide gern und ungehindert ziehen ließ.

Jetzt habe ich einen Förster, der weder im
Staatsdienst war, noch der naturgemäßen Lebens-
weise huldigt, denn er säuft unmenschlich.

Und noch eins will ich nicht vergessen, meiner
Geschichte hinzuzufügen: Sie ist nicht ersunden,
sondern fast buchstäblich wahr.

Abschied

Wie Einer Träume liebt, die ihn erhöhen,
Wie Einer liebt sein eignes Bild im Spiegel,
Wie ein zur späten Nacht gesungnes Lied,
Das buhlerisch aus dunklem Garten klingt,
So hast Du mich geliebt.

Klang es nicht schön,
Das Lied, das ich Dir sang? Hab' ich Dir nicht
Dein lieblich Bild noch lieblicher gezeigt!

Hast Du so zärtlich je von Dir geträumt
Wie unter meiner Liebe Lindenbaum,

Der eine Nacht lang über Dir gerauscht?

Nun kehrst Du heimwärts in Dein eignes Land,
Und Sang und Rauschen geben Dir Geleit.
Glaub' mir, es war dem Baume süh, zur Nacht
Dunkel und tönend über Dir zu leben.

Du aber gehe leichten Haupts dahin
Und gleite fröhlich in Dein fremdes Glück.

wüpelm Michel

Martha Genin

Der Hirsch

Nach dem Russischen von Tcffi,
bearbeitet von Werner Peter Larsen (Grunewald)

Ini Herbst schon hatte Mama vom Zoolo-
gischen Garten gesprochen; aber dann wurde es
verschoben, abermals und abermals, und zuguter-
letzt ganz vergessen.

„Nun, im Frühling," sagte die Kinderfrau,
„wenn es grün wird. . ."

Ljolka war lange gekränkt; er dachte an
nichts, als an die Tiere, baute ihnen Käfige aus
Stühlen und verkroch sich in ihnen; bisweilen
setzte er auch Buba, sein Schwesterchen, hinein.

Dann vergaß auch er. Der Winter wurde
interessant. Buba hatte die Masern. Ein fremder
Doktor kam. Dann wurde der Kleine geboren.
Und dann kam die Entdeckung am Ofen.

Das war eigentlich das Interessanteste und
ging so zu: Ljolka stand in der Kinderstube am
Ofen und sah in den dunklen Spalt zwischen
Ofen und Wand. Plötzlich kriecht einer aus ihm
hervor, ein kleines, rundes Kerlchen, auf dünnen
Beinchen. Er läuft über die Wand, eilig, wie
in wichtigen Geschäften. Und plötzlich hält er
inne, als hätte er etwas vergessen, die Schlüssel
oder sonst was. Ljolka sieht ihn an; er aber
steht da und besinnt sich.

Da kommt die Kinderfrau vorbei, zieht den
Pantoffel ab und klatsch! an die Wand-

„Infame Schwaben!" sagt sie.

Ljolka aber steckt den Kopf in den Spalt und
entdeckt dort so manches Schöne. Staubballen
wiegen sich hin und her, in der Ecke hängt ein
rüstiges Spinnweb, und überall laufen auf dünnen
Beinchen, ruppig und struppig, kleine, emsige
Kerlchen.

Ljolka gibt ihnen seine» Pfefferkuchen und
holt Buba herbei, damit sie sie auch anstaunen
soll. Aber Buba staunt nicht. Sie erschrickt,
schnaubt ganz merkwürdig mit der Nase und be-
ginnt zu weinen. Da wird auch Ljolka angst.
Sie nehmen sich bei den Händen, laufen davon
und sehen schon nie mehr in den Spalt hinein.
Aber das hilft nicht viel. Die Entdeckung ist ein-
mal gemacht, und kaum schläft Ljolka des Abends
ein, so kriecht auch schon allerlei unheimliches
Zeug aus dem Spalt hervor-—

Es ist überhaupt unheimlich zu schlafen-

Um acht Uhr geht es ins Bett, da heißt es
sich zur Wand kehren und die Augen zumachen.
Aber Ljolka macht sie nicht z».

Uber die Wand huschen Schatten, — Hasen,
Hunde und allerlei ruppige, struppige Kerlchen.
Sie warten nur, daß der Schlaf kommt — ja

— und sofort gehen sie alle mit in den Traum

hinein-- —

— Da kam eines Tages der Baccalaureus.

Die Großen hatten das Wort bei Tisch ge-
braucht und Buba hatte gefragt, was das fei.
Die Tante hatte geantwortet: „Sei artig und
sitz still."

Danach wagte Ljolka schon nicht zu fragen;
nun, nachts im Traum, da klärte es sich von
selbst auf.

Ljolka trat in ein großes, leeres Zimmer, in
dem er im Traum schon öfter gewesen war.
Mitten im Zimnier stand ein wunderlicher Herr
mit einem langen Schafgesicht; in der einen Hand
hielt er ein aufgetrenntes Kissen, aus dem er
Federn aß, eine Hand voll um die andere. Ja,

— das aifo war nun der Baccalaureus!

Am nächsten Tage, als die Lehrerin den Satz
wiederholen ließ: „Die Bienen nähren sich von
Honig," fügte Ljolka schüchtern hinzu: „Und der
Baccalaureus von Federn und Daunen — —"

Die Lehrerin sah ihn zerstreut an, aber sie
sagte nichts.

. „Sie sagt nichts," dachte Ljolka, „also stimmt es."

Seitdem erschien der Baccalaureus in allen
Träumen. Er kani auf dünnen Beinchen ange-
stelzt und brachte Ljolka Feder» zu essen. Sie
schmeckten gut, wenn man sie richtig aß, — immer
handvollweise. Und zu Weihnachten, als Ljolka
krank mar, da kroch der Baccalaureus sogar am
hellichten Tage zu ihm ins Bett und stahl ihm
die Federn aus den Kisten-—
Werner Peter Larsen: Der Hirsch
Nadezhda Teffi: Der Hirsch
Martha Genin: Vignette
Wilhelm Michel: Abschied
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