Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Ferd. Staeger

Begegnunts

Immer weiter führt mein Hirt
Mich durch Täler und durch Haine,

Bis am letzten Meilensteine
Mir ein Kind entgegenirrt.

Und es blickt mich lange an,
Unschuldsfroh in seiner Reine:

„Erst am letzten Meilensteine
Denkst du meiner, Wandersmann?

Immer ging ich ernst und stumm
Treu und sanft an deiner Seite,

Aber du im Lebensstreite
Schautest me dich nach mir um.

Liefest stets dem Schwerte nach,

Doch in deinem Kämpfertume
Sahst du nie die Friedensblume,

Welche meine Hand dir brach.

Laß sie dir am Ende weihn,

Doch entsagst du ihr noch immer,

Kränze ich mit ihrem Schimmer
Diesen letzten Meilenstein!"

Arthur Silbergleit

Die fatale Stuncle

Von Betty Winter

Diese Geschichte ist über den Freund der
kleinen Dora Bremer zu mir gekommen. Die
kleine Bremer ist eines jener zierlichen, höchst
modernen Wienermädl — bitte Umlaut a —
Herr Setzer! „Wienermädl" mit reinem „a"
gibt es nämlich nur in Berlin. Also eines
jener Müdl, bei denen die Sentimentalität durch
den Wintersport tüchtig frappiert ist — so daß
sie prickelt wie Champagner.

Wenn diese Bremer etwas nicht leiden konnte
— so war es ihre Tante, die Hofrätin Kandier.

Die Hofrätin ragte wie eine Säule zwischen
Schilfrohren. Sie stammte aus jenen, Zeitalter,
das sich klaglos in gespitzte Schuhe zwängte, mit
Unterröcken die Tugend warm hielt, sich den
Magen mittendurch schnürte und die Selbstbe-
herrschung verstand. Aus der Zeit der Makart-
buketts und altdeutschen Speisezimmer stanimte
die Hofrätin. Hatte eine unendlich feine Witterung
für alles Unpassende und war alles in allem
immer noch eine schöne Frau — eine geradezu
unverwüstliche Blondine.

Ihre Schuld ist es nicht gewesen — daß die
Dora Bremer eine so merkwürdige Geschichte zu
erzählen wußte. Die Hofrätin ist sozusagen über
die Unmoralität der jungen Damen von heute
gestolpert.

Und das kam so:

Es wurde wieder einmal die Wohltätigkeit
einberufen, um irgend ein Frühlingsfest zu arran-
gieren. Ein Iung-Damenkomitee trat zusammen
unter dem Schutz der Frau Hofrat Kandier. Sie
besaß die Qualitäten zur Chapronne in so aus-
reichendem Maße, daß sich die übrigen Mütter
und Tanten ruhigen Gewissens drücken konnten.

Eh bien! Die Frau Hofrat setzte die erste
Sitzung fest, auf einen Samstagnachmittag im
Stadtpark, Kursalon.

„Präzise fünf Uhr meine Damen!"

Frau Hofrat hielt auf Pünktlichkeit. Mili-
tärische Pünktlichkeit wie sie zu betonen pflegte.
Die Mädeln sagten zu, samt und sonders.

Jemand aber lächelte: „Fünf Uhr, Frau
5)ofrat? Ich fürchte es wird später werden."

Dieser Jemand war ein Herr Hugo Himmels-
dorfer, ein junger Mann von höchst angenehmem
Äußerem, bei den Müttern hoch in Gnaden.

Die Töchter mißtrauten aber seiner Uneigen-
nützigkeit. Herr Himmelsdorfer war stets der
einzige Mann bei allen ausgesprochen weiblichen
Veranstaltungen: er funktionierte dann gewisser-
maßen als Flügeladjutant. Arbeitete lautlos,
diskret, übernahm alle langweiligen und schwie-
rigen Geschäfte — kurzum — er war „unent-
behrlich". Dieser Hugo Himmelsdorfer war ein
Schalk — aber ein ganz heimlicher.

„Warum später?!" fragte die Hofrätin mit
hochgezogenen Brauen.

„Zwischen fünf und sechs ist die .fatale Stunde',
gnädige Frau!" sprach Herr Hugo sanft.

Der Hofrat rauchte schmunzelnd seine Trabucco.

„Fatale Stunde," schnupperte die Hofrätin,
„was heißt das, Herr Himmelsdorfer?!!"

„Darunter verstehe ich die Stunde, in der
unsere jungen Damen angeblich Besorgungen
machen "

„Angeblich?!! Herr Himmelsdorfer?!!!"

„Angeblich! Leider meine Gnädigste. Wenn
ich es schon mit dürren Worten sagen muß:
Zwischen fünf und sechs ist die Stunde der Ren-
dezvous —"

„Unerhört!" Die Hofrätin blickte hilfesuchend
zu ihrem stillvergnügten Gatten.

„Bist du auch dieser Ansicht, Emil?"

„Gott!" meinte der, „ich spiel doch schon längst
nicht mehr mit, wie du weißt, liebe Cäcilie! —"

Cäcilie errötete. „Das gehört nicht hierher!"

„Und was ich mich von früher her erinnere —"

„Früher!! hat's dergleichen überhaupt nicht
gegeben!" unterbrach ihn Frau Cäcilie scharf,
„zu meiner Zeit nicht! Glauben Sie wirklich,
Herr Himmelsdörfer, daß auch anständige Mäd-
chen — ??"

„Ich glaube nur, Frau Hofrat — daß keine
der jungen Damen sich um fünf Uhr im Kur-
salon einfinden wird!"

„Gräßlich," seufzte die Hofrätin. „Man müßte
Gatt danken, daß man keine Kinder hat. Ob-
wohl meine Kinder anders erzogen wären!
I ch bin niemals mit einem Mann auch nur zehn
Minuten allein geblieben."

„Ra — na," protestierte der Hofrat, „da
muß ich doch bitten!"

„Ein Gatte ist doch kein Mann!" ärgerte
sich die Hoftätin, „übrigens, Herr Himmelsdorfer,
ich kann es trotzdem nicht glauben. Ich kann
nicht so niedrig von meinen! eigenen Geschlecht
denken! Es sind Nichten von mir dabei! So
lax die Moral in unserer miederlosen Zeit ge-
worden ist — Sie sehen zu schwarz."

„Ich bin bereit, den Wahrheitsbeweis anzu-
treten!" lächelte Himmelsdorfer. „Präzise fünf
werde ich mit Ihnen, Frau Hofrat, im Kur-
salon Zusammentreffen. Allerdings dürfen Sie
keinerlei Warnungswinke erteilen!"

„Es gilt!" seufzte die Hofrätin. Und dekla-
mierte mit schönem Feuer: „Die Frauenehre
wird über ihre Gegner triumphieren."

Punkt fünf saß die Hofrätin mit Herrn
Himmelsdorfer im Kursalon. Die Hofrätin
trug Süßlilla. Es war ihre Lieblingsfarbe
und stand gut zu dem blonden Haar und dem
vollen, weißen Gesicht. Diskret glitzerten die
Brillanten in ihren Ohren.

Herr Himmelsdorfer betrachtete die adrette,
mollige Frau mit ruhigem Behagen. — Bor
ihm auf dem Tisch lag seine Taschenuhr.

Der Kellner brachte Eiskaffee, begrüßte
respektvoll die wohlbekannte Hofrätin und
musterte nachdenklich Herrn Himmelsdorfer.

Rund herum duftete der Stadtpark. Son-
nenstrahlen geigten ein „Scherzo". Frau Hof-,
rat seufzte, denn sie war il>ren Grundsätzen gemäß
stark geschnürt, und tauchte den Löffel in den
Eiskaffee. — Den Strohhalm verschmähte sie,
weil sie dergleichen an Pariser Kokotten er-
innerte.

„Viertel über fünf!" meldete Herr Hugo
wohllautend

„Eine Viertelstunde kann ein junges Mädchen
leicht beim Ankleiden vertrödeln, lieber Herr Him-
melsdorfer. Wiewohl ja leider die Frauen von
heute nahezu nichts mehr anhaben!!"

Himmelsdorfer delektierte sich lächelnd und
schweigsam an mürbem Gebäck.

„Jede Zeit hat ihre Reize!" dozierte Herr
Himmelsdorfer.

„Ihre Fehler wollen Sie sagen!" verbesserte
die Hofrätin.

Der Kellner erschien in einiger Entfernung
und zog sich kopfschüttelnd wieder zurück.

Die Hofrätin, die tugendhafte Hofrätin, über-
sah vollständig daß sie zum ersten Mal in ihrem
Leben mit einem Mann schon nahezu eine halbe
Stunde allein war.

„Jede Zeit hat ihre Reize!" philosophierte
Hugo Himmelsdorfer. „Das heißt aus einem
entzückenden Mädchen wird zumeist eine an-
mutige Frau!"

Das Kompliment war ja nicht geradezu erst-
klassig, immerhin, die Hofrätin freute es. Der
Eiskaffee schmeckte gut dazu. Die Sonnenstrahlen
geigten „Tusch".

Herr Hugo sprach klangvoll noch manchen
hübschen Satz, der auf die Hofrätin seinen Ein-
druck nicht verfehlte. Sie war es ja nicht ge-
wohnt, mit einem Mann allein zu sein.

Öfter und öfter schaute der Kellner. Herr
Hugo schlug einen kleinen Rundgang vor.-

Fünf Minuten nach Sechs kehrten sie zu
ihrem Tisch zurück. Die jungen Damen hatten
sich nahezu vollzählig versammelt.

„Ich bitte um Entschuldigung!" stammelte die
Hofrätin verwirrt. „Aber-"

Dora Bremer unterbrach sie. „Laß es gut
sein, Tantchen, wir kennen das. Zwischen fünf

und sechs-ist die fatale Stunde!"

lachte boshaft der Chor.

Die Flacht in Bern

Die Firne glänzten diamantenklar
Unruhig in des Mondlichts Silberfluten,
Ein Rachtgewölke, weiß und wunderbar,
Entrollte sich in mächtigen Voluten.
Emporgeschaut! Der Schöpfung Prunktala»
Streift unsres Daseins flüchtige Minuten
Wir standen tief bewegt, ein einsam Pa"''
Auf dem kalt Gottes Sternenaugen ruhtc"-
wllhclin Llcim»
Arthur Silbergleit: Begegnung
Betty Winter: Die fatale Stunde
Ferdinand Staeger: Vignette "Erfüllung"
Wilhelm Klemm: Die Nacht in Bern
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