Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Der neue Plutardi

„Sie dürfen aus religiösen Gründe» kein
Duell ablehnen und doch sagt S. !Tt., die Ae-
*'5ion soll dem Volke erhalten bleiben?!" wurde
4crr von Heeringen interpelliert.

„Dem Volk! Dem Volk!" belehrte er voll
Silandesbewußtscin. „Von uns aber ist keine
^cde jewesen!"

Um preußlscl)en?tbcfeordnetenl)aus

„Diese blauen Schweinehunde!

Die fürwahr zum Himmel stinken!

Diese Schurken! Diese Kaffern!"

Brüllt der Liebknecht auf der Linken.

„Diese roten Schweinehunde!

Die mit stinkigen Bonrben fechten!

Diese Hehler! Diese Stehler!"

Brüllt der Zedlitz auf der Rechten.

Paff greift der Tribünenhörer
Rach der Türe, nach der Klinke,

Hält sich zu die Nasenlöcher,

Erst das rechte, dann das linke.

Und es will ihn schier bedünken,

Sieht er Beide sich vermöbeln,

Daß der Liebknecht, daß der Zedlitz,

Daß sie alle Beide pöbeln!

Kartellen

Artige und unartige Rinder

Der preußische Minister des Innern v. Dallwitz
!agte im Abgeordnetenhause, die dauernde Agita-
>ion für die Reform des preußischen Wahlrechts
lege selbswerständlich der Wiederaufnahme der
Wahlrechtsreform Hemmnisse in den Weg.

Wohl noch nie ist ein Wort gesprochen wor-
den, das pädagogisch richtiger war. Wenn Papa
u> seiner väterlichen Güte seinen Kindern Ruß-
lörtchen mit Schlagsahne verspricht, so wäre es
f>on den Rangen sehr undankbar, ihn immer und
»nmer an sein Versprechen zu erinnern! Artige
Minder handeln ganz anders: sie weigern sich,
°m Geschenk von ihrem
Papa anzunehmen. Für
solche Wohlerzogenheit
werden sie dann nicht nur
B°tn lieben Gott, sondern
auch vom lieben Papa
belohnt.

So hat es auch der
artige Dallwitz gemacht.

er noch klein und
B"ch nicht ein so großes
Pier war, wollte ihm Papa
^'nmal einen schönen Ka-
schenken. Aber der
meine Rebell nahm das
beschenk durchaus nicht
Dafür wurde der
nanalrebell auch Minister.

Fiido

Richard Rost

Der bayrische Kanzler

mit seinem rekonstruierten Uaupenhelm

Armer Campanile!

Während sie den Neuerbauten
Feiern in den höchsten Tönen,

Hör ich ihir mit Schmerzenslauten
Uber die Lagune stöhnen:

,Mamma mla! Welch ein Wehe!

Wieder bin ich tausend Jahre
Run verdammt, daß ich hier sehe
Alle Eh- und Liebespaare,

Die den Markusplatz besuchen
Und den Tauben Zucker geben!

O, ich könnte den verfluchen,

Der mich wieder schuf zum Leben!

Halt' ich doch mit gutem Grunde
Einst gemacht mich aus dem Staube.

Und nun bringen mich die Hunde
Wieder selbst unter die Haube!

Muß mich selbst als neuer Ehmann
Der Venetia — maladetta! —

Wie der Schulze, wie der Lehmann
Zeigen auf der Liaretta!

Junger Eh'mann einer alten
Fünfzehnhundertjährigen Aonna, .

Ach, es ist nicht auszuhalten!

Mamma mla! O Madonna!! . . .“

Rivalität

So ertönt durd) all den wirren
Bunten Kram sein dumpfes Murren.

--Und die Pärchen unten girren

Und die Täubchen »nten gurren....

A. I>e Aora

Hcrtlings Traumbild

3 woaß fcho, Theobald, Du michst' halt Bescheid wegen 'm Iesuiten-Erlaß!"

„Der Engländer sauft in oancr Stund' sechs
Maß, — moanst nit aa, Huber, der Rerl will
unser» Rekord schlagen?"

München —Berlin

Die Zeitung eines Verbandes, der seine Mit-
glieder zur Generalversammlung nach München
einlädt, rühmt die Schönheiten der bayrischen
Hauptstadt. Sie schildert die „Lagerbierkeller und
das Hofbräuhaus, wo der biedere Krämer oder
ehrsame Handwerker mit dem Exzellenzherrn . . .
anbandelt," nennt dieses Leben „eine Atmosphäre
echt märkischen Gehabens", und fügt beruhigend
hinzu: „Trotzdem ist der echte Münchner kein
Ferkel."

Die Atmosphäre des Gehabens ist in München
wirklich echt märkisch. Aud) das Gehaben Münchens
in der Atmosphäre, die Atmosphäre des Gehabens
in München, sowie das München der Atmosphäre
im Gehaben sind echt märkisch, ja man kann so-
gar sagen, cd)t berlinisch; denn in Berlin bandelt
nicht nur der Krämer und der Handwerker, sondern
sogar der doch noch viel tiefer stehende Zeitungs-
schreiber, wie z. B. Erzberger, mit dem groß-
mächtigen Exzellenzherrn von Bethmann Hollweg
an und ist trotzdem kein Ferkel, wenn er aud)
viel Schwein hat. Eben wegen dieser Gehabens-
ähnlichkeit beider Hauptstädte nennt man München
auch Isar-Berlin und Berlin aud) Spree-München,
während man die Spree die Berlin-Isar und
die Isar die München-Spree nennt. Der einzige
Unterschied der beiden Städte ist eine etwas ver-
sdiiedene Auslegung des Iesuitengesetzes. Sonst
aber sind sie durd) den D - Zug des Herzens eng
mit einander verbunden. lFrt«t»

Liebe Jugend!

Line Nachbarin meiner Litern, die in einem
kleinen Vorort Hamburgs wohnen, wird jedes
Jahr einmal von ihrem Lnkel, einem Kadetten
aus Plön, besucht. Lr ist ca. \5 Zahre alt und
ein kleiner kluger, wohlerzogener Perr. Meine
jüngste Schwester Lrna, ss jährig, hat Freund-
schaft mit ihm geschlossen, und da haben die
Beiden sich natürlich jedesmal, wenn sie sich im
Garten treffen, allerlei zu erzählen.

Kürzlich wurde ich nun zufällig Zeuge fol-
genden Gesprächs:

Lrna: „Warst du schon bei Pagenbeck?"

Kadett: „Nein, ist es da nett?"

Lrna: „©, sehr!" Ls folgt eine Aufzählung
der Sehenswürdigkeiten daselbst und — „jetzt sind
da auch wilde Menschen
ausgestellt!"

Kadett: „WildeMen-
schen? So? Wie heißen
denn die?"

Lrna: „Ja, ich weiß
nicht genau, So . . . .,
Si...., So....?"

Kadett (selbstbewußt
und spöttisch): „Ach, ich
weiß schon, Sozialdemo-
kraten !"

Meine Schwester meinte
die Sioux-Zndianer.
Frido: München - Berlin
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
A. De Nora: Armer Campanile!
Frido: Artige und unartige Kinder
Karlchen: Im Preußischen Abgeordnetenhaus
Monogrammist Frosch: Hertlings Traumbild
Julius v. Szeremley: Rivalität
Monogrammist Frosch: Illustration zum Text "Der neue Plutarch"
Plutarch [Pseud.]: Der neue Plutarch
Richard Rost: Der bayrische Kanzler
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