Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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1912

„Es fehlen noch fünf Minuten zu acht," be-
merkte Brandt mit unterdrücktem Lächeln, indem
er sich erhob und zum Telephon ging, das auf
dem großen, massiven Eichen-Schreibtisch stand.
„Bloß ein Wort zu meinem Buchhändler. Amt

da?-Amt IV, Nr. 3843.-Ist

Holgcrscn dort? Hier ist Holzhündler Brandt.
Wollen Sie mir, bitte, umgehend den letzten Roman
des Schriftstellers Erling Stenßen zuschicken . . .
Wie der heißt? Ja, das müssen Sie doch
wissen..

„Abgötter!", unterbrach Erling Stenßen er-
läuternd.

„ — also, der heißt,Abgötter*. Wann kann
ich ihn haben? In 20 Minuten? . . . Schön! . . .
Adieu!... Na, alter Junge, nun wollen wir
einen recht vergnügten Abend haben, du, meine
Frau und ich. Und wenn dann deine,Abgötter*
konunen, liest du uns daraus vor. Einen ver-
gnügten Abend wollen wir haben, alter Sünder!
A propos, deine Komödie ist ja jetzt ausge-
nommen, wie ich . . ."

.angenommen."

„. . . na, angenommen, wie ich neulich las.
Das gibt schwere Gelder, habe ich gehört. Es
freut mich, daß du jetzt auf einen grünen Zweig
gekommen bist!"

Jetzt hielt Erling Stenßen beit Augenblick für
gekommen, um sich seinem Freunde anzuvertrauen
und ihm die mit seinem Besuch verbundenen, licht-
scheuen Absichten zu beichten, woran er bis jetzt
nur durch die überströmende Freude des Wieder-
sehens und die unerwartete Herzlichkeit, mit der
Man ihn empfangen hatte, verhindert worden war.
Aber in demselben Augenblick trat die Frau des
Hauses zur Tür herein, und Erling Stenßen
wurde der jungen, chicken Mutter vorgestellt, die
dei dem festen Händedruck und dem ehrerbietig
bewundernden Blick seiner braunen, glänzenden
Augen, ihr Haupt, lieblich errötend, senkte.

Es war ihm nicht möglich, auch nur fünf Mi-
nuten mit seinem gastfreien Wirt allein zu sein.
Es war, als ob seine Dreistigkeit und der Mut,
sein Anliegen vorzubringen, durch die überströ-
wende Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft,
>nit der er in diesem reichen und eleganten Heim
überhäuft wurde, geknebelt und gebunden sei.
Die zahlreichen Versicherungen während des vor-
irefflichen Soupers, welche Freude und Über-
raschung der talentvolle Schriftsteller dem Hause
durch seinen Besuch bereitet hätte, entwaffneten
>hn in dem Grade, daß er sich auf Gnade und
Angnade der Feststimmung ergab und so langsam
in das Elysium des Rausches hinüberglitt.

Nach dem Souper las er hübsch und
wirkungsvoll ein paar Kapitel aus
seinem wenig beachteten Buche vor,
was ihm herzliche Worte der An-
erkennung sowohl von Seiten des
Wirtes als auch der Wirtin ein-
brachte. Nachdem er sich noch an
eu> paar Gläsern des schweren, feurigen,
südländischen Weines gestärkt hatte,
wurde er schweigsam und glaubte, ge-
wisse Anzeichen der Müdigkeit bei
seinen Gastgebern zu merken.

Als er seine letzte Havanna zu Ende
geraucht hatte und fühlte, daß seine
Zunge anfing,' auf eigene Faust Worte
öu wählen, das heißt, „unwillkürlich"
öu wirken, erhob er sich langsam und
siahm Abschied von seinen Wirten, die
An oft und eindringlich baten, „doch
recht bald wiederzukommen".

Als er auf der Straße stand, er-
nüchterte die kalte, scharfe Nachtluft sehr
schnell die verworrenen Gedanken seines
erhitzten Kopfes. Der „vergnügte" Abend
war wie sortgeblasen aus seinem Gehirn.

.JUGEND

Er steckte die Hände in die Taschen ... sie waren
leer wie zuvor!

„Nicht einen roten Pfennig — nicht 'mal so
viel, wie eine abschlägige Antwort," murmelte er
bitter und schlenderte nach Hause.

Oben in deni ehelichen Schlafzimmer, mit dem
eleganten Meublement, waren Herr und Frau
Brandt grade im Begriff, sich der intimsten Klei-
dungsstücke zu entledigen.

„Weißt du, was er wollte, Louise?"

„Nein?"

„Er wollte Geld von mir leihen. Ich merkte
es, sowie ich ihn sah."

„Hättest du ihm denn nicht helfen können?"

„Ja warum, du? Ich verdiene mir selbst mein
Geld! Hindere ich etwa Andere, dasselbe zu tun?"

Dann drehte er die elektrische Lampe auf dem
Nachttisch aus, küßte seine kleine, hübsche Frau
auf die Schulter und kroch zu ihr ins warme Nest.

(Aus dem Dänischen übersetzt von Willi Dütsch)

Junge Nachbarn von heute

Der eine formt mit frohem Geist Gedichte:
Der will die Erde himmelhell verklären!
Der andre aber hält den Gott in Ehren
Des Sauerstoffes uitd der Wasserdichte!

Der eine schaut die Phantasie-Gesichte,

Er will dem Geisterkreise angehören!

Der aitdre denkt: mir soll mein Gott gewähren,
Daß ich mein Triebwerk patentiert errichte!

Der eine lechzt, wie er den Haß vernichte!
Wie er die Menschen jeder Qual entrücke
Und uns das Drama aller Dramen dichte!

Den andern aber will die Probe reizen,

Ob es geläng', für dieses Stück der Stücke,
Den Saal mit Atherluft keimfrei zu Heizen!

Map Hayek

Nr. ?O

Das oerlorene Para&ies

Bon Norbert Jacques

Halto ... o . . . oh! Paris erwacht. Mit
dünnem, hartem Licht, das wie gefiltert aussah,
stieg der Kühle Aprilmorgen über die Place de
la Concorde. Als ich den frühen Gang begann,
in dem ich einmal mit der Stadt den Tag an-
fangen wollte, hatte id) zwisdien dem Ueberzieher
und dem Wintermantel geschwankt, und war
nun froh, mich in die schweren Tuchfalten ein-
mummeln zu können. So ging es sich schön
über den flachen, geweiteten Platz, der die Früh-
kälte trug so frisch und roh, als atmete er sie
selber aus.

Die Morgenmenschen kamen mir entgegen.
Sie waren alle schwarz und eilig, und oft ver-
dichteten sich ihre Scharen so um mich, daß ich
wie ein Wellenbrecher zwischen ihnen vordrang
und sie sich hastig in zwei Strömen um mich
teilten. Id) war eine Insel auf dem weiten Platz.
Ich ging müßig und es war süß sorglos, so in
das sich aufwärmende Blut von Paris hineinzu-
sdireiten. Dünne Schreiber liefen fröstelnd, farbig
betuchte Ausläufer der Geschäfte, die kleinen
Arbeiterinnen mit schlenkernden Röckchen, bar-
haupt, aber die Frisuren wie Blumengärten pom-
pös und sorgfältig gesteckt, und in den Augen
noch das Laster der Straßennacht, blasse, schöne
und hoffärtige Sdineiderinnen in dicht verhüllenden
Mänteln fast elegant gekleidet, alles wie in einem
Atemzug, alles wie erfaßt von einem kalten, auf-
saugenden Wind, der dort in meinen: Rücken, in
dem grauen Wall der Paläste stand, alles in
Trubel und Frost, Notwendigkeit und llnbewußt-
sein mitgezogen. Hallo, Paris erwacht, und die
Place de la Concorde lag, wie ein Hof vor
einem Molodiofen, vor dem Herzen der Stadt,
und alle die Tausende von fröstelnd laufenden
Menschlein zogen einen und denselben Weg, aus
ruhiger Nad)t in die Hünenmasd>ine, die dort zu
brodeln begann, wo die Madeleine sich mit ele-
ganter Wucht erhob; ein fruchtbarer Zug, der das
Rad der Stadt in Bewegung setzen ging.

Weshalb war es so fdjön, müßig ihren Strom
hinanzuschlendern, den ein kaltes Tanzen dahin-
trug? Er sah eiu wenig wie fludibcladen aus,
und trug doch die Gebärde ungemessener Frucht-
barmadiung in sich.

Die Brücke schwang schon, nah vor meinen
Schritten, aus dem Platz in fadstem Bogen auf
das andere Seineufer hinüber.

Aus dem Fluß zog auf einmal
eine noch frostigere Luft herauf. Die
Bäume froren in ihrem zarten, jungen
Grün. Die Menschen liefen hier noch
schneller, gewaltsamer von dem unge-
stümen Wind aufgesogen, der zwischen
den Steinpalästen drüben stand.

Aber als ich die Brücke betrat, da
geschah es aus Zufall, daß sie auf ein-
mal fast menschenleer war. Auf dem
andern Trottoir liefen ein paar Mäd-
chen mit einem Listjungen in braun-
goldener Mütze und auf meiner Seite
kam zunädist kein Mensch. Ich war
etwas betroffen. Es war, als sei ich
herausgerissen worden, und schaute
rückwärts und sah den schwarzen Zug
der Frühmenschen hastig auf dem Platz
dahindrängen, in seiner Eile von Fuhr-
werken und Automobilen oft überholt,
die von allen Seiten, hinter ihm her,
auf dasselbe Ziel zustrebten.

Und sind Sie bereit, alles ;u beschwören?" — „Ja . . aber daht
nich vicllcichd e gcweehnlichcs EhrciiwLrdchcn ssch geniechc?"

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Max Hayek: Junge Nachbarn von heute
Rudolf Hesse: Der Zeuge
Norbert Jacques: Das verlorene Paradies
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