Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Wirtshaus einquartiert und der schwüle Taq
hatte Durst geniacht. Bald nach elf Uhr nun
dam eine Ordonnanz und brachte mir den an-
genehmen Auftrag, nach einem leidlich weit ent-
fernten Nest zu reiten — zwei Stunden hin, zwei
äurüdi — und beim Brigadekommandeur einen
Befehl zu holen.

Es war ein böser Ritt. Ich konnte nicht die
Pferdeohren vor mir sehe» und nach der ersten
halben Stunde ging ein Wetter nieder, das nicht
von schlechten Eltern war. Die Straße lief jetzt
durch einen langen, stockdunklen Forst, nur die
Blitze gaben ein unsicheres Licht. Ich wußte nicht
einmal gewiß, ob ich auf den, rechten Wege war,
wein Gaul war aufgeregt, daß ich ihn kaum
halten konnte und stieg bei jedem heftigen Donner-
jchlag bolzgerade in die Höhe. Ich mußte ab-
steigen und ihn am Zügel führen.

Jetzt kam ein Kreuzweg obendrein. Ein weißer
Wegweiser schimmerte vor den dunklen Fichten und
>ch wollte nun auf einen kräftigen Blitz warten,
um die Aufschrift zu lesen. Ein solcher Blitz kam
auch tzald, kam mit furchtbarem Krachen, und da
iah ich in dem taghellen Schein, der eine Sekunde
lang die Straße erleuchtete, etwas Unglaubliches:

. Quer über die Straße lag ein längliches
schwarzes Ding — ein Sarg!

Blitz auf Blitz flammte auf und ich konnte
mies ganz deutlich erkennen. Auf dem Deckel
des Kastens glänzte ein kleines weißes Metall-
hreuz. Der Regen trommelte darauf nieder. Der
barg war schwarz, ein durchnäßtes Tuch lag da-
neben. In der Nähe stand ein zweiräderiger
Karren.

. Mein Gaul wurde wie toll, stieg vor dem
lchwarzen Ding in die Höhe, wieherte grell auf,
v>ß mir die Zügel aus der halberstarrten Hand
und galoppierte die Straße, die wir hergekommen
Zaren, zurück, daß vom Schotter die Funken
stoben.

. Ich fluchte ein Bissel und stand jetzt mutter-
stelenallein in: Walde vor dem rätselhaften Sarg.
Wir war nicht gut zu Mute, um's ehrlich zu
stestehen. Ganz nüchtern war ich ja auch nicht.

Auf einmal geschah Etwas, das mir erst recht
?>e Haare zu Berge stehen niachte — lache nicht,
U'Nger Dachs! Damals hatte ich noch welche!

Der Sargdeckel rührte sich, hob sich langsam,
stiitt herunter — und in deni Sarg erhob sich

menschliches Wesen ...

Jetzt verließ mich denn doch ein wenig die
^uhige Ueberlegung. Ich riß den Säbel aus der
bcheide und wollte auf das Gespenst los — das
fürchtete sich aber noch mehr als ich, streckte mir
u>it komischer Gebärde im Sarge stehend, die
Dände entgegen und wimmerte:

,. ,Jesus-Maria! — tun Sie mir nichts — ich
um ja nur ein Schreiner!‘

, Jetzt konnte ich lachen, steckte die Plempe
wieder ein und hörte die Erklärung zu Ende.
>>e war verdammt einfach. Der Kerl hatte noch
m der Nacht den Sarg, der spät fertig geworden
Zar, »ach einem Weiler in der Nähe bringen
usten, war von dem Wetter überrascht worden
Uud auf die Idee gekommen, in dem unheimlichen
Uten vor dem Regen Schutz zu suche». Mein
Fluchen und der Spektakel niit dem Pferde hatte
hu aufgejagt — wer von uns Dreien am meisten
^stchrocken war, weiß ich nicht.

Der Mann wies mich auf den rechten Weg
uud ich konnte nun zu Fuß weiter laufen und
Ifinen dienstlichen Auftrag erledigen. Sehr ver-
tätet natürlich kam ich beim Komnrandeur an
und dort ging noch einmal ein gehöriges Donner-
Zetter über mir!) nieder. Als der Alte ausge-
. onnert hatte, Hab' ich mein Erlebnis erzählt und
st .nahm er freilich die verhängte Arreststrafe und..
Mige Grobheiten wieder zurück.

Ra! Wer auf einem Kreuzweg im Walde,

> w ich, am die Mitternachtstunde einen Toten
gaj aus seinem Sarcje steigen sehen, der begreift,
U auch ein schneidiger Kerl gelegentlich einmal
Ub Gruseln lernen kann — Prost!"

Frit) v. Ostin!

Wehrhaftigkeit

Durch diese Welt, drin Pfeil' und

Lanzen schwirren,
Darfst Du iticht ohne Wehr und

Waffen irren.

Klag' nicht, siehst Du Dein Blut aus

frischer Wunde spritzen:
Dein ist die Schuld und nicht des Schützen!

«Ulk-lrn JVlicbel

Handel und Wandel

Der alte Löw Birnbaum in G., der mit den:
Päckchen auf dem Rücken ging, hatte einen Sohn
Jakob. Dieser Jakob Birnbaum ging nach Lon-
don, wo er sich dauernd niederließ. Aber da er
merkte, daß er als Jakob Birnbaum in England
nichts galt, nannte er sich nun James Peartree
und schaffte sich eine ganze Reihe urenglischer
Borfahren an.

James Peartree hatte einen Sohn Lionel
Peartree, der nach Paris ging und sich dort
niederließ. Aber da er merkte, daß bei den Fran-
zosen ein ausländisch klingender Lionel,Peartree
doch nicht ganz vollwertig war, ließ er sich in
Leon de Poirier, oder vielmehr, da er als guter
Republikaner das Adelswörtchen bescheiden in
den Namen einzog, in Leon Depoirier umtaufen
und nahm die altfranzösische Grandezza an, da
er auch als guter Republikaner sich bewußt war,
was er seinen Ahnen, den Getreuen Franz I.,
schuldig war.

Leon Depoirier hatte einen Sohn Jacques
Depoirier. Dieser Jacques Depoirier ging nun
zufällig wieder nach Deutschland, wo sein Urgroß-
vater Löw Birnbaum gelebt hatte, und ließ sich
auch wieder als Deutscher naturalisieren; — aber
er hütete sich wohl, seinen schönen fremdländischen
Nauien abzulegen, denn er sah, daß er bei den
Deutschen als Monsieur Jacques Depoirier eine
ganz andere Rolle spielte, als er das mit dem
simplen deutschen Namen Jakob Birnbaum je
vermocht hätte.

So bewirkte die schöne deutsche Ehrfurcht vor
ausländischem Klang, daß Jacques Depoirier
charakterfest bleiben konnte und nicht wie sein
Vater und Großvater seinen Taufnamen und fein
wahres Vaterland zu verleugnen brauchte. Auch
rühmte er sich nicht etwa irgendwelcher deutscher
Ahnen »nb erzählte niemand, daß er ein Ur-
enkel des alten Löw Birnbaum war, der die
seidnen Strümpfe noch auf dem Riicken getragen
hatte, aber sonst ein ehrlicher Mann und ein
frommer Jude gewesen war. L. v.

„Und was sind Sic von Beruf, Heer
Rultkc?"

„Ich war früher ein Wunderkind, gnädige
Frau!"

„Notte veneziana“

Aber eine richtige, in der Stadt der Dogen,
nicht im Berliner Zoo! Mein verstorbener Freund,
der Idiot Hamilcar Berendt, und ich liefen längs
der Riva degli Schiavoni, um eine Gondel
zum Anschluß an die auf deni Canale grande
schaukelnde Genießerflotte zu kapern. Vergebens!
Die zahlreichen Brautpaare hatten sich offenbar
all' der sd)warzen Särge beniächtigt, in denen
man so ungestört küssen darf. Nadi langem
Suchen entdeckte id? ein gewöhnliches Fischer-
boot, dessen Eigentümer uns hinausruder» wollte.
Mitten auf der dunklen Flut, über die hin und
wieder ein geisterhaftes Licht rieselte, sagte mein
verstorbener Freund, der Idiot Hamilcar Berendt:
„Unsere Gondel ist keine Gondel. Sie hat keinen
Schnabel!" Ich bat ihn, fid? zurückzulehnen:
dann würde er den Mangel »id)t bemerken. Er
erklärte, er könne tun, was ihm beliebe. Und
während id) die zauberische Schönheit der Nad)t
und der Gesänge auf mich wirken ließ, stöhnte
er: „Unsere Gondel ist keine Gondel. Sie hat
keinen Sdinabel!"

Id) verwahrte mid) höflich und energisch gegen
die Rüdisichtslosigkeit, mit der er mich aus meinen
Träumen riß. Aber mein verstorbener Freund,
der Idiot Hamilcar Berendt, war unverwüstlich;
noch ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal
wiederholte er seine Phrase: „Unsere Gondel ist
keine Gondel. Sie hat keinen Sdinabel!"

Plötzlich erblickte id) eine weiße Gestalt auf
dem Balkone eines der alten Paläste. Eine
schlanke Frau nüt herabwallendem Goldhaare
lächelte mir zu. Sie war rätselhafter als Mona
Lisa und sdiöner als Lucrezia. Und id) sah,
wie sie ihre Hand ausstreckte und mit gesenktem
Daumen auf meinen Freund wies. Da packte
id) ihn unversehens, tauchte ihn, den Kopf zu-
erst, über Bord ins Wasser und ließ ihn, ohne
daß er Widerstand wagte, langsam hineingleiten.
Niemand hatte den Vorgang mit angesehen.

Nun konnte id) Wirklid)keit und Traum im
lieblid)en Spiele der Phantasie durcheinander
mischen, bis ich zuletzt in ein gedankenloses Hin-
dämmern versank, ganz erfüllt von einem weh-
mütig-seligen Gefühle des Daseins. Die Fische
des Kanals aber vergnügten sich indessen an den
aufgedunsenen Gliedniassen meines Freundes, des
verstorbenen Idioten Hamilcar Berendt. ..

Nurt Baucbwitz

*

Liebe Jugend!

Line Tiroler Gemeinde, in der es im ver-
gangenen Jahre durchaus nidst regnen wollte, be-
schloß, den Bürgermeister zu dem Pfarrer eines
Nachbardorfes zu entsenden, dessen Regensegen
besonders wirksam und bei allen Rechtgläubigen
berühmt waren. ,

Der Pfarrer versprach and? zu kommen, gegen
das übliche Honorar natürlich, und wurde an der
Grenze des Gemeindegebietes feierlich empfangen.
Sämtliche Gemeindemitglieder hatten bereits ihre.
Regenschirme mitgebracht.

Bei uns wird die Ulatthäuspassion aufgeführt.
Mein alter Freund, der Professor X, sagte zu mir:
„Missen Sie, lieber Kollege, wie ich die Matthäus-
passion ZUIN ersteumale gehört habe, da gefiel sie
mir garnicht, und ich dachte, ha, das ist ja nichts.
Beim zweitenmale dachte id?, na, das ist ja wohl
ganz nett. Und als id? sic das drittemal hörte,
da war ich ganz begeistert. Id? rate Ihnen, lieber
Herr Kollege, gehen Sie uid?t zum ersteumale hin."
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
E. V.: Handel und Wandel
Wilhelm Michel: Wehrhaftigkeit
Karl Arnold: Das lebendig begrabene Genie
Kurt Bauchwitz: Notte Veneziana
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