Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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[?it daran, diese 180 Mark, die er zurzeit nicht
"orig hatte, durch eine Erfindung zu verdienen,
^ag und Nacht saß er im Laboratorium, ah und
»ank kaum, begnügte sich mit ein paar Stunden
schlaf und eines Morgens, nachdem er die ganze
stacht durchgearbeitet hatte, kam er bleich und
übermüdet, aber mit glückstrahlendem Gesicht zum
"iten Bamschabel ins Kontor und rief: „Herr
Doktor, ich habe was Kolossales! Aber ich ver-
enge 180 Mark dafür!" Mit diesen Worten
bei er ohnmächtig zusarnnien. Der alte Bain-
ichabel, aufs höchste gespannt, brachte den jungen
-Rann nüt eineni Schluck von Banischabels
Gvgnac-Ersatz (drei Sterne) und einem Bam-
ichabelschen Biscuit wieder zum Bewusstsein und
^"m Reden und erfuhr nun, daß Or. Bindseil
eine Erfindung gemacht hatte, die tatsächlich alles
o>sher Dagewesene hinter sich ließ. Mit leuch-
tenden Augen drückte Kaspar Bamschabel seinem
Jenialen Angestellten die Hand und kaufte ihm
sofort für bare 200 Mark die Erfindung ab.
freudestrahlend eilte Or. Bindseil hin, kaufte
l einer lieben Frau das Kostüm für 180 Mark
"ob für die weiteren 20 Mark, die ihm sein
edler Chef über den bedungenen Preis bezahlt
"atte, eine neue Frühjabrshose, die er dringend
Hptig hatte, zumal er sich bei seiner Arbeit in
,’e einzige, die er besessen hatte, gerade am Knie
°'n Loch gebrannt hatte.

* * *

Die neue Erfindung der Bamschabelschen Fabrik
?ar die Sensation des Tages. Sie bedeutete tat-
sächlich nichts mehr und niclfis weniger als den
Aobruch einer neuen Aera i» der Menschheits-
Vntwickclung. Es war das vermittels unerhört
Knicker Awendung und Kombination der Ionen-
cheorie, der Seitenkettentheorie uiid der Theorie
°n der Radioaktivität des Kaffeesatzes endlich
gefundene Universalniittel schlechthin. „I8ovurn
fresuum" oder einfach aber bedeutungsvoll „Das
"nie Mittel" lautete das Etikett des Wundcr-
ckittelg, das in flüssiger Form, in Tabletten, in
Mlvern, in einer Salbe, in der Form von In-
jektionen und Bleibeklystieren gegeben wurde. Und
- wirkte einfach gegen alles! Es heilte jedes äußere
Level vom eingewachsenen Zehennagel bis zur
^Nnkernase. Innerlich genommen, beseitigte es die
fwnkheit spurlos. Es verlieh dem, der es regelmäßig
sssthni, Körperkraft und Ausdauer, es verschönerte
Gesichtszüge und die Statur, es verzehrte das
( ett und bildete Muskeln. Die Neurasthenie
"r für den, der das- neue Mittel nahm, binnen
Tagen ein Ding der Vergangenheit. Geistige
schwäche verschwand selbst bei Greisen von über
^ Zähren nach drei Bleibeklystieren. Aber nicht
so .gegen alle, absolut alle Leiden des Körpers,
, k>>e gegen alle geistigen Krankheiten (hierbei
, "rde das Mittel in die Kopfhaut eingerieben)
tini "oue Mittel absolut — nein, es leistete
H A viel mehr. Es beseitigte moralische Mängel!
i>iet!s Freude ani einfachen, schlichten Feld-
^ ostnhl bis zur Neigung zu Lustmorden kurierte
^ "ach kurzer Anwendung alle moralischen Fehler!
erzeugte neue moralische Hemmungen, da
die alten nicht funktionierten und der bekannte
F fiofnörder Schiel-Ede, den die Regierung der
u>'r.k zu Versuchszwecken zur Verfügung stellte,
h^e^nuch einigenInjektionenein leidenschaft-

^Kovdelte die egoistischen, groben selbstsüchtigen
itim. . i" die reinste Nächstenliebe und versagte
Keinmal bei einem älteren Mädchenhändler,
"iss, ^ neue Aera war angebrochen, die Gefäng-
^"dden leer, die Spitäler verödeten, Zucht-
fstek i "^"^den baufällig und der Beruf der Bau-
„„'"'nnten gehörte der Vergangenheit an. Ieder-
. m neue Mittel in der Tasche, eine

Sliirf'r- das ne

im Alche Aienschheit

i,„ riu)e Menschheit uintanzte mit Rosenkränzen
"Ilen ^’e Statue Kaspar Banischabels, die auf
Äd>„,.^ öhen errichtet war, an die Stelle des Roten
ftfiotlt eris IV. Klasse trat auf der Brust Bnm-
E'ofrau III. Klasse und der Titel Gehenner

Pr.r 1

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freiwillig (nach deiii Genuß einiger

dp. war der Lohn seiner großen Tat. Dem
hq« 'Lsstdsell aber erhöhte Herr Hofrnt Bamschabel

Tabletten des neuen Mittels) auf 185 Mark
monatlich.

* * *

Als es gelungen war, einem auswärtigen
Minister, der ununterbrochen bedenkliche Allianzen
gegen uns abschloß, durch Bestechung seines Leib-
arztes einige Bleibeklystiere des neuen Mittels
beizubringen, bot er aus freien Stücken uns
einen ewigen Friedens- und Freundschaftsvertrag
an und schenkte uns die ganze Flotte seines
Landes. Da wurde Kaspar Bamschabel als
Freiherr Bam von Schabe! in den erblichen Adels-
stand erhoben und unter Verleihung des Roten
Adlerordens 11. Klasse auf Lebenszeit ins Herren-
haus berufen. Or. Bindseil bezog jetzt 200 Mark
und im Winter freie Heizung.

* * *

Das neue Mittel, von Behörden empfohlen
und den Armen zu ermäßigtem Preise zur Per-
fügung gestellt, war bald ein Allgemeingut. Jeder
nahm es. Das Verbrechen hörte auf, ältere Zucht-
häusler waren für die innere Mission tätig und
es war ein alltägliches Ereignis, daß defraudierte
Steuern freiwillig nachbezahlt wurden. In manchem
Keller am Rhein wurde die Wasserleitung ab-
gestellt. Die Kassenschrankindustrie starb aus.
Man brauchte keine Heere mehr, denn ein inter-
nationaler Friedens- und Freundschaftsbund um-
schloß die Völker, die das l^ovuw Hreanurn
zollfrei bei sich einführen ließen. Die Armeen und
Marinen wurden in Turn- und Sportvereine
umgewandelt, durften aber die Uniformen bei-
behalten. Es wäre unmöglich, alles anzuführen,
was sich zum Guten und Schönen im Leben der
Menschheit geändert hatte — kurz und gut, der
uralte Sehnsuchtstraum der Menschheit war erfüllt,
das goldene Zeitalter war angebrochen und die
sozialdemokratische Partei hatte sich aufgelöst. Rvsa
Luxemburg war Kindergärtnerin geworden. Bam-
schabel erhielt den Roten Adlerorden I. Klasse und
wurde Wirklicher Geheimrat, Excellenz. Er war der
reichste Mann der Erde und zum erstenmal wurde
ein Milliardär nicht beneidet. Eine Zeit lang
herrschte ein Leben unter den Kulturvölkern, als
ob alle Tage Sonntag wäre. Jeder Int, was
er den andern an den Augen absehen konnte.
Die Droschkenkutscher forderten ihre Taxe und
in Paris gab ein Oberkellner von dem Trinkgeld
die Hälfte zurück, weil es ihni zu groß war.

Aber ach, es sollte nicht so bleiben. Es machte
sich eine Opposition geltend. Sie ging von den
Landgerichtsräten aus, die es müde waren, lediglich
als Preisrichter in Schönkeitskonkurrenzen zu
fungieren. Sie griff auf die Schriftsteller über,
die keine Stoffe mehr fanden, weil es ja infolge
der Herrschaft der Tugend keine Konflikte mehr
gab. Die Rechtsanwälte gründeten einen Verein
zur Vertretung ihrer geschädigten Interessen. Die

A. Sclimidhammer

Ländliches Mißtrauen

„3 tnoan, seit die drei Vegetarianer auf ’m
Heuboden g'schlafcn Hain, is 's Vicfutter recht
wc»i' g'wordcn!"

Offiziere murrten, da ihnen der ewige Turnunter-
richt langweilig wurde. Die arbeitslosen Aerzte
durchzogen verzweifelt die Straßen. Die Geschäfts-
reisenden hielten Protestversammlungen ab und
faßten Resolutionen, in denen erklärt wurde, sie
mühten zugrunde gehen, da sie es infolge des neuen
Mittels nicht niehr fertig brächten, jemand übers
Ohr zu hauen.

Kritisch wurde die Sache, als eine Krisis ein-
setzte, die ihren Ausgang an den verödeten Börsen
nahm und langsam auf alle Geschäftszweige Über-
griff. Es herrschte nämlich kein Wettbewerb niehr,
da keiner dem andern zuvorkommen wollte und
jeder freiwillig dem Konkurrenten den ersten Platz
überließ. Es wurde nichts Rechtes mehr abgesetzt.
Niemand kaufte mehr etwas Unnötiges, einnial,
weil überall strenge Sparsamkeit herrschte lind
zum andern weil die Geschäftsleute stets die Kund-
schaften warnten, niinderwertige uiid unnötige
Sachen zu kaufen. Jetzt wurde die Sache ernst,
denii die Arbeitslosigkeit nahm zu, trotzdem sich
ein Industrieller nach dein andern ruinierte in
dem Bestreben, seine Leute zu beschäftigen. Arg
war auch, daß keine Reichstagswahlen mehr statt-
finden konnten, da Jeder natürlich auch dem Gegner
Recht gab iuid Keiner dazil zu bringen war, den
politischen Gegner zu schädigen. Es kam noch
hinzu, daß die Bevölkerung in der beänstigendsten
Weise zunahm, auch eine Folge der wunderbaren
Eigenschaften des neuen Mittels. Bald waren
die Zustände iinerträglich geworden und Jedermann
war sich darüber klar, daß man schleunigst auf-
hören müsse, das neue Mittel zu nehmen.
Das war der einzige Weg, um die Menschheit
vor dem Untergang zu retten, deni sie unzweifel-
haft verfallen war, wenii sie fortfuhr, so gesund und
tugendhaft zu bleibe». Zeitungen, Persammlungs-
redner, Professoren predigten daß man unter keinen
Umständen das neue Mittel weiternehnicn dürfe.
Ohne Egoismus, Laster, Verbrechen und Krankheit
könne die Menschheit nun einmal nicht bestehen.
Am Edelniut, an der Zufriedenheit, an der dauer-
haften unerschütterlichen Gesundheit müsse sie zu-
grunde gehen.

Da nun natiirlich Jeder von den Anderen
verlangte, daß sie sich des Mittels enthalten sollten,
Jeder aber daheim, im stillen Kämmerlein, um
schön und gesund zu bleiben, das Mittel fröhlich
weiternabm, mußten Gesetz und Polizei wieder
in Funktion treten und die Richter bekamen wieder
zu tun. Von Staatswegen wurde das Rezept
zu dem neuen Mittel konfisziert. Damit hatte
die Sache ein Ende. Kaspar Bamschabel aber
fiel der allgemeinen Verachtrnrg anheim, und
mußte, da er beinahe die Menschheit ruiniert
hatte, in ein unzivilisiertes Land auswandern,
wo er heute noch lebt.

Der erste Fall einer bemerkenswert schweren
Erkrankung, der wieder eintrat und von dem die
Zeitungen freudig Notiz nahmen, als einem
„Zeichen wiederkehrender gesunder Zustände," war
die unheilbare Geisteskrankheit, in die der bekannte
Professor, Xaver Hirnfasser, verfiel. Der arme
Professor hatte zu lange und eindringlich über
folgende Frage nachgedacht: ,Wcnn ich das neue
Mittel nehme, werde ich tugendhaft und hege
nur das eine Bestreben, alles zu tun, was meinen
geliebten Mitmenschen nützt. Ich habe aber ge-
sehen, daß durch das neue Mittel die Menschheit
zugrunde geheii muß. Also höre ich als tugend-
hafter und altruistischer Mensch schleunigst auf,
das Mittel zu nehmen. Nehme ich das Mittel
nicht mehr, so bin ich nicht mehr tutzendhaft.
Bin ich nicht mehr tugendhaft, so tue ich alles,
was mir niitzt, ohne Rücksicht auf die Anderen.
Mir nützt das Mittel, also nehme ich es. Nehme
ich cs aber, so werde ich wieder tugendhaft und
selbstlos und sehe ein, daß ich um meinen Mit-
menschen zri nützen, das Mittel nicht mehr nehme»
darf. Nehme ich es nicht mehr, so werde ich
wieder gemein und egoistisch. Dann nehme ich
das Mittel wieder — wie kommt man aus diesem
Kreise heraus!‘ Der arme Professor bekam eine
ganz neue und sehr interessante Drehkrankheit
und wen» er nicht gestorben ist, so denkt er noch
über die Geschichte nach und wird immer ver-
drehter.

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Arpad Schmidhammer: Ländliches Mißtrauen
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