Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 656
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1912_1/0707
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

fWi

9 gf

*vr>r-


ül

Iarkos tat das ganz unbefangen und ohne
alle Borsichh er war, so schien es, dieses Extra-
honorar für seine Schundproduktionen gewohnt,
betrachtete es als etwas ganz Selbstverständliches,
Frau Andreas augenscheinlich auch, sie hätte sich
sonst schon ein wenig lebhafter gegen die Zärtlich-
keiten dieses Lümmels sträuben können.

Übrigens der Geschmack des Ungarn, er war
tatsächlich nicht schlecht.

Was ihr Schwager sah, sah Ena auch; sie
wurde weist wie die Wand.

vr. Andreas spürte im Augenblick etwas sehr
Befreiendes. Mit grasten, klaren, sicheren Schritten
ging er in das Nebenzimmer, packte den Klavier-
spieler beim Kragen, zog ihn hoch und geleitete
ihn, indem er ihn kräftig im Genick führte,
schnellstens vorwärts, schlug ihm, ohne loszulassen,
in, Flur den Hut auf den Kopf, den Mantel um,
warf ihn sodann ganz regelrecht hinaus, und wäh-
rend er den Korridor schlost, hörte er noch, wie-
der schwächliche Mensch recht unsanft an die gegen-
überliegende, blechbeschlagene Speichertüre flog.

Als Andreas wieder eiutrat, war er ganz
ruhig. Er hatte das Gefühl freudigster Genug-
tuung. Er ging einige Male im Atelier auf
und ab, dann ordnete er seine Krawatte vor dem
Spiegel.

Seine Frau säst in einem Sessel, sie hatte die
Hände vor das Gesicht geschlagen.

„Weine nicht, Dora," sagte Andreas, „ich
nehme das nicht tragisch. Eine Fran und Mutter
sollte sich ja freilich auch während des Karnevals
eine gewisse Reserve auferlegen, aber ich bin der
letzte, der im Fasching keinen Späh versteht.
Gegenüber einem so beispiellos unverschäniten
Rowdy bist du als Dame natürlich wehrlos. Der
freche Schlawiner gehörte bdjanbdt wie eine ekel-
hafte Wanze, das habe ich besorgt, die ganze
Affäre und er selbst ist damit erledigt."

Andreas strich seiner Frau über das Haar,
setzte sich mit einer reichlichen Portion Sieger-
stolz nieder und pfiff leise vor sich hin.

Und als er sah, dast seine Schwägerin auf
dein Divan lehnte, bleich wie der Tod, um zehn
Jahre gealtert, da kam ihm die ruhige, behagliche
Freude zurück, die er zu Beginn des Festes ge-
habt hatte.

Indem er mit dem Finger einen Kreis in der
Luft beschrieb, sagte er:

„Diese tanzenden Kleinen, das war reizend,
wirklich ganz reizend." —

Trennung

Du Einziger, dem ich allein verstummt,
Hörst Du noch meine dunklen Liebeswortc?
Erkennst Du mich, wie ich an jedem Orte
Dich heimlich grüße, anders stets vermummt?

Nimmst Du den bittersüßen Duft gewahr
Der Blüten, die ich nicht in Deine Hand
Dir legen darf, und die ich abgewandt
Mit schwerem Herzen Fremden reiche dar?

Spürst Du die Tränen mir im leichten Scherz,
Siehst das verborg'ne Lächeln, wenn ich weine,
Weißt, daß ich Dich in allem einzig meine?

Hinschreit' ich fern von jenem Braus und

Schmerz

Die Welt wird mir, und ich der Welt

zum Scheine,

Und nur bei Dir schlägt mein lebendig Herz.

Erika Ahcmsch

Boris GeorgiefT

Kunft-Betracbtung

„Richtig zu zeichnen ist verdammt schwer!
Ei» Glück, daß cs Mode ist, falsch zu zeichnen!"

Der blaue SmaragD

Bon Arnold Hahn

Draußen gab's 18° Kälte. Ich saß in meiner
gemütlichen, von einem Spiritus-Kochapparat
durchwärmten Bude. Zur Erhöhung der Gemüt-
lichkeit hatte ich meine ganze Garderobe, soweit
sie sich nicht im Versatzamt befand, angezogen.
Unterleib: eine zwölfjährige, gestreifte Sommer-
hose, unten etwas nach vorne gezogen und zum
Schutze der Füße mit Bindfaden zusammenge-
bunden ; darüber einen Flanellunterrock meiner
Geliebten Fanny. Oberleib: eine wollene ge-
strickte Weste, einen Smoking (empörenderweise
im Versatzamt refüsiert!), und darüber wieder
einen Flanellunterrock meiner Geliebten Fanny.
Doch Pardon! meine Geliebte Fanny war eigent-
lich nicht mehr meine Geliebte. Sie betrieb da-
mals bereits einen — wie ich gestehen must —
einträglicheren Beruf!

Ich hatte eben eine echte Fürst-Hohenlohcsche
Erbsensuppe und einen Hering verzehrt.

In dieser wohligen Stimmung griff ich nach
dem Erbe meines kürzlich verstorbenen Onkels
Daniel Krause. Er war Kritiker der „Intelligenz-
zeitung" gewesen und hatte mir zwölf Jahrgänge
des Blattes, sowie 850 (achthundert fünfzig) Re-
zensionsexemplare der neuesten Romane vermacht.
Sonst nichts.

Seit zwei Monaten las ich nun schon als
pietätvoller Erbe schichtweise die Romane und
die dazugehörigen Kritiken. Mein Onkel war
augenscheinlich ein riesiger Optimist gewesen. Ich
fand kein Buch, das er nicht gelobt hätte. Schon
die schönen Titel, die er seinen Besprechungen
gab! „Das Buch der kinderlosen Mutter." „Das
Buch der Gefehmten." „Das Buch des Einsamen."
„Das Buch..." re. Es war immer mindestens
„Das Buch".

Als ich nun an jenem Abend den „Erloschenen
Iohanniswurm" von Hans Burdowski-Schillinger
beendet hatte, nahm ich gewohnheitsgemäß die
Kritik meines Onkels her. Ich war diesmal be-
sonders auf sein Orakel gespannt: denn — wenn
ich aufrichtig sein soll — mir war der tiefere
Sinn des Iohanniswurms verschlossen geblieben.
Mein Onkel schrieb:

„Das Buch des modernen Petronius.

Hans Burdowski-Schillinger, der die deut-
sche Nation schon mit seiner,Versilberten Nachti-
gall überrascht hat, bringt ihr diesmal ein
wahrhaft köstliches Geschenk. Mit einer der
deutschen Sprache bisher nicht zugenruteten Fein-
heit des Stiles, mit einer dem Deutschen sagen-
haften Lebenskünstlcrschaft."

Bis hierher las ich. Dann bekam ich einen
kleinen Tobsuchtsanfali. Ich schmiß den erloschenen
Iohanniswurm an die Zimmerdecke, von der er
mit zerschmetterten Flügeldecken herunterfiel. Ich
stürzte mich auf die Intelligenzzeitung und knüllte
zum Zeichen höchsten Protestes den Rest meines
Nachtmals, einen Heringskopf, darein.

Dann schrie ich einen Monolog:

„Olein, so ein albernes Gewäsch in all den
850 Romanen! Kein Blut, keine Leidenschaft,
kein Leben! Die Weiber haben Chlorose und
leiden an chronischen Diarrhöen. Die Männer
fallen in Ohnmacht, wenn sie ein,Röllchen' sehen.
Badewannen aus Jaspis, Brillantenhosenknöpse,
Orchideen, Trüffeln . .. Hol's der Teufel!..."

In diesem Momente trat Huber in die Bude.

Ich rekapitulierte noch einmal meinen Monolog.
Dann fuhr ich fort: „Die verflucl>ten Hunde
wohnen in Billen, die mit allem Komfort aus-
gestattet sind, haben Geld, Weiber und weiß der
Teufel was noch. Da ift’s natürlich kein Wunder,
wenn sie von Badewannen aus Jaspis schreiben!
Ich bin . .."

„Ein Kalbskopf!" sagte Huber freundlich und
überzeugungsvoll. „Denk dir mal," sagte er,
„du hättest eine Billa am Gardasee. Ja?"

„Hm."

„35 Appartements. Ja?"

„Hm."

„In diesen Gemächern hättest du das Tollste,
was je das Kunstgewerbe hervorgebracht hat. Ja?"

„Hni."

„lind so weiter. Nun stell dir vor, du setzest
dich an einen, schönen Frühlingsmorgen zu deinem
Ebenholz-Schreibtisch und willst einen Roman
schreiben. Worüber wirst du schreiben?"

„Natürlich über Badewannen aus Jaspis."

„Einen Schmarrn! Das glaubst du jetzt. Aber
säßest du wirklich dort, du würdest sicher nicht
wie ein abgeschmackter Parvenü deinen Mit-
menschen die brillantenüberwucherten Finger unter
die Nase stecken. Wenn sich ein Mann, der in
einer solchen Umgebung lebt, hinsetzt, um etwas
zu schreiben, Herrgott, der Kerl hat gewiß andere
Sachen am Herzen, als die, zwischen denen er
sich langweilt!"

„Zum Donnerwetter! Wer schreibt dann das
Zeug?"

„Wir."

„Wir?"

„Jawohl! Leute, die sich von Heringen nähren,
abgerissene Schlucker, die aus den Bibliotheken
dickbändige Kulturgeschichten nach Hause schleppen.
Iawoll, Brüderchen, .. . wir!"

Mir ging ein Licht auf. Ich sah ein, daß
Huber wieder einmal Recht habe. Und da ich
ein Tatmensch bin, beschloß ich sofort, mein Milieu
auszunützen. Ich sagte: „Dann werde ich auch
so was schreiben."

„Bravo," sagte Huber, „ich schreibe mit."

„Nein, ich schreibe allein. Ich bin eine Indi-
vidualität. Ich bin ..."

„Ein Kalbskopf. Ein gänzlich unmoderner
Mensch! Weißt du denn nicht, daß sich die
nioderne Literatur nicht auf dem ,Individuum',
sondern auf dem ,Diuiduunü aufbaut? Vor-
läufig ist dieses Dividuum meist erst durch zwei
teilbar. Aber warte nur! — Weißt du nicht,"
fuhr er mit erhobener- Stimme fort, „daß unsere
Dramatik bald ausschließlich Kompagnie-Dramatik
sein wird? Warum sollten wir nicht in diesen,
weihevollen Raume die welthistorische Tat voll-
führen und die erste wahrhafte Kompagnie-Epik
schreiben?"

Huber hatte ntich wieder einntal überzeugt
und mich außerdem noch an meiner wundesten
Stelle berührt, an meinem Ehrgeiz.

Wir machten uns sofort mit Feuereifer an die
Sache. Zuerst wurde ein großer Plan entworfen.

1. Vorbereitendes, (Quellenstudien.

Zu diesem Behufe beschlossen wir, aus der
Caesarea zu entleihen:

Katalog des grünen Gewölbes zu Dresden:

Katalog der k. und k. Hofschatzkammer in Wien;

656
Boris Georgiev (Georgieff): Kunst-Betrachtung
Arnold Hahn: Der blaue Smaragd
Erika Spann-Rheinsch: Trennung
loading ...