Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 712
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1912_1/0766
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Das StunDenbud)

Von Erna Heincman n - Grautoff

Die alte Standuhr schlägt den gleichen Schlag;
so klang sie mir ins Herz, als ich zum ersten
Male dich sah, und mir es war, als hätte ich
sie nie vorher gehört. Seit jener Stunde, da ihr
dunkler Mund mir deinen Namen sanft zu singen
schien, blieb sonst nichts mehr in ihrem Ton:
nur du! nur du! —

Ich Hab von diesem Klang gelebt und werde
wohl dran sterben. —

Du Alte und Gefährtenlose! Du, die ich mit-
nahm aus der Heimat, aus der Kinderzeit; du
Treue, nun Verwaiste, die ich einzig mir wählte
von allen Schützen meines Mürchenschloffes, das
ich' verließ, als nur mein Glück darin zerbrach.

Zerbrach es wirklich? Ist nicht niein und ewig
mein, was in mir lebt, so wie mein eigenes Blut?

Denn heut und gestern ist noch eins in mir,
und noch nichts anderes als vorher war; so ganz
verbunden und so völlig eins, wie Traum dem
Leben ist und Tod dem Traum.

Erinnerung rinnt in mir, lautlos und rastlos,
wie einer Sanduhr feiner Staub verrieselt; der
gleiche stets; und wenn ich tausendmal das Glas
auch wende, — was da rinnt und rinnt, es
bleibt derselbe Sand. —

Und so die Uhr; sie weiß nur eins zu sagen:
nur einen Namen und nur einen Tag: den Tag,
der dein ist wie mein armes Wort.

Die erste Stunde meines Morgens schlägt. —

Und wie ich langsam meine schweren Lider,
die mir noch feucht sind von erträumten Tränen,
erheben will, verzaubert mir das Licht die enge
Stube zum hellen, großen, seligen Gemach, das
unsre Liebe sah.

Durchs Fenster lächelt ein weiter Himmel, der
sanft gefärbt wie das Gefieder von Turteltauben
zwischen dem Silber von lichten Birkenstämmen
hängt. Lerchen trillern fernher übers Feld; ein
zärtlicher Wind weht das Gekräusel der weißen
Mullgardinen hin und her, und eine fröhlich lä-
chelnde Morgensonne zieht kleine goldene Schleier
durch den Raun: über das Weiß der Wände und
das Weiß der Decke.

Noch bin ich viel zu wohlig müde für Blick
und Wort, doch meine Finger tasten leise zur
Seite, über Daunen hin zu deiner Hand; scheu
streiche ich die reglose entlang, die schmale, kräf-
tige, die kühl und lang auf gelber Seide liegt.
Sie fühlt mich nicht. —

Ich aber streife jählings an den Reif, der
deinen Finger glatt und hart, umspannt, und
denke zitternd: du bist mein, bist mein!

Die Standuhr weckt mir meinen Buben auf.
Schon höre ich einen noch verschlafenen Seufzer,
schon kracht das kleine Gitterbett, und nun hebt
sich an meines Lagers Fuß ein blonder Locken-
kopf empor.

Zwei runde Arme klammern sich um die höl-
zerne Mauer, die das mütterliche Bett bedeutet,
zwei enzianblaue Augen spähen weit aufgetan zu
mir hinüber.

Nun lacht der Mund und wirre Locken nicken,
weil er mich wach sieht und zum Scherz bereit. —

Kann ich es fassen, daß dies heut nur Traum
ist! Kann es denn fein, daß ich ihn nicht mehr
halte? Daß ich nun nie mehr seinen Arm, sein
warmes Körperchen an meinem jubelnden Herzen
fühlen soll? daß nie mehr sein klingendes Stimm-
chen an meinem Halse zwitschern wird: „Nicht
wahr?"

Gräberfrühling Max Frey (Dresden)

An Hölderlin

Alle sagen, du seist hinabgestiegen,

Wo Proserpinas dunkle Flechten dämmern,
Die dem Frenidling beut im bekränzten Becher
Ew'ges Bergessen.

Aber anders weih es der stille Wand'rer,

Der mit dem Abendwinde durchstreift die Hügel
Und den Blättern lauscht, die verschüchtert

sich enger

Drängen und flüstern.

Wo der verklärte Hügel im Glanze schwellet
Weithin über des bläulichen Abends Brandung,
Dessen Wogen klingen wie Herdenglocken,
Hört er die Saiten

Deiner goldenen Harfe und deine helle
Iünglingsstimme und deine versonnenen

Lieder,

Die mit sich selber, sich unbelauscht wähnend,

plaudern

Lachend und weinend.

Julius Zerzer

O du Grausaiuer! Kalter und doch geliebter
Herrscher meines Herzens! Konntest, konntest
du das ungeheure Opfer aus meinen schon von
Schnierz zerrissenen Händen nehmen? Konntest
es zugeben, daß ich mein Kind dir ließ? Und
deinem Glücke ließ? deinem leichten Siege? In-
dessen ich nur Qualen mit mir nahm?

Still doch! Wachs nicht mein Wille? Und
wenn auch Opfer — wachs doch eine Gabe!
Ich durfte dir zweimal den Sohn schenken. Ein-
mal uns Beiden. Doch jetzt dir allein.

* * *

Hinter den grünen runden Bosketten, die jetzt
von Licht überflutet stehen, klingt das Surren

und Rollen der Messer, die der Gärtner über
den Rasen zieht. Ein gelber Messingstab dreht
sich mit singendem Ton schnell und schneller um
sich selbst und sprengt eine kreisende Wolke feinen
Sprühregens über sommerlich warme Gräser.

Wir schreiten die Stufen zum Garten hinab.

Leuchtend und durchsichtig hängen die Glyzinien
am Geländer! Der Kies knirscht unterm Tritt
seines schnellen Fußes. Wie kenn ich den Ton
unter tausenden, tausend heraus!

Du sprichst liebevoll und mit sanft gesenktem
Haupte, und deine Stimme will milde wie immer

sein;-— ach ja, sie will s, und ist es "

bitter milde!

-i- » *

Die Uhr mahnt dich zur Arbeit und du gehst-
— Gehst ganz allein ins Haus und schließt dich
ein. Langsamer folge ich und stocke oft im kurzen
Gang. Es ist ja nicht wie einst, da mir der Raum,
wo deine Arbeit wurde, schöner schien als Garten,
Festsaal oder Ehgemach; wo ich dort kam und
ging und stand und blieb so wie der Sommer-
wind durchs Fenster weht, der nicht zu fragen
braucht, ob man ihn liebt.

Jetzt aber nistet in meinem Heiligtum kin-
discher Schmeichelei vielfarbenes Wort, und dort
wo ich einst neben deinem Sessel, den Arm auf
deinen Schreibtisch aufgestützt, dir nahe war, du
schauen jetzt deine Augen fragend, bittend, hoffend
zu einem Schemen auf, zu einem Trugbild, da»
dich narren wird.

Ich aber stehe draußen vor der Tür wie eine
Fremde, eine Ausgestoßene.

Und ich klammere meine Hand um den Grift
deiner Tür, und ich presse mein Haupt an das
harte Holz, einer Lauscherin gleich. Und ich höre
auf jedes leise Geräusch deiner schreibenden Feder,
deiner blätternden Finger.-

Es ist nicht viel, was mir von deiner Arbeit blieb-

* * *

Die Standuhr ruft zum Mahl. Wir sitzet
stunim. Doch als mein Büblein nun mit kindisch^
Frage das Schweigen bricht, zwinge auch ich d>"
Stimme in hellen Klang und spiele mit des
Alltags leichten Worten. Bald freut's mich stlbst-
Und dann muß ich auch denken; fühlt er's den»
nicht, wie hold dies Beieinandersein im eng""
Kreis? Und wenn ich aus dem geschliffene''
Kruge den roten Wein ins blanke Glas ihn'
schenke, sieht er denn meiner Hand Bcweg""^
nicht wie ein Vertrautes, lieb Gewohntes am
Ist das denn nichts? Kann er's denn misst" •
Und wenn der Knabe nun die Hand ihn' fast'
indessen er den goldenen Schelmenkopf an mein"'"
Arnie schmiegt und zum Vater aufschaut, Z'""
dann nicht auch an seinem warmen Herzen
Band, das ihn und mich so hold vereint?

Aus meinen Sinnen heraus lächele ich e'']
wenig und zagend; da streift mich aus zwei ha!"'
geschlossenen Augen sein Blick; — seltsamer Blick-''
Mein Lächeln stirbt, die Hand erzittert »"
— es klirrt mein Glas.

Die Sonne liegt an allen breiten Schecks
die Topfgewächse hauchen schwüle Luft; die Se> s
der Sessel knistert in der Wärme. Ich liege "
leichtem Ruhelager hingestreckt. Uber tne'"e
Gesicht spannt sich der rosige Schirm eines blüh"
den Azaleenbaumes. Das Buch — mit fr"st
Worten deiner Hand — sank mir herab.

Ich liege träumerisch und folge mit den A"S ^
deinen' Tun. Du gehst das weite 3i"""cl ‘

712
Erna Heinemann-Grautoff: Das Stundenbuch
Max Frey: Gräberfrühling
Julius Zerzer: An Hölderlin
loading ...