Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Der Oberst lenkte den Blick der Gräfin ans
sich. Seine Mienen fragten, ob er zuviel ver-
sprochen habe und ob man mit ihm zufrieden sei.

„Stehen Sie auf, Oberst," sagte die Gräfin,
„und stellen Sie sich einmal neben Ihren Ge-
fangenen."

Deschamp gehorchte. Er war um mehr als
einen ganzen Kopf kleiner. „Oh," lachte die
Gräfin, „ich habe gar nicht gewußt, daß Sie so
klein sind. Herr Peter Wessel hat allen Anspruch
darauf, uns glauben machen zu wollen, daß es
möglich ist, so viel Kinder zu haben."

„Es scheint, daß mir Euer Gnaden keinen
Glauben schenken," sagte Peter Wessel.

„Sie können das leichtgläubige Landvolk be-
tören, lieber Kapitän, nicht mich. Immerhin freue
ich noch, daß der Anschein eine solche Täuschung
gestattet. So viel Kraft ist immer ein erfreulicher
Anblick."

Der Norweger dachte ein wenig nach: „Ich
kann Euer Gnaden von der Wahrheit meiner
Worte überzeugen," sagte er dann.

„Sie machen mich noch neugieriger. Wenn
Ihnen das gelingt, so will ich dafür sorgen, daß
das Lösegeld für Sie aufgebracht werden soll."
Die Augen der Gräfin blickten auf wie ferne
Leuchtfeuer. Ihre Blicke senkten sich hohnvoll
auf das Gesicht des Grafen, dann auf das des
Obersten. Ihre Lippen spielten mit einen: nicht
freigelassenen Lächeln. Dann schlug sie die Augen
zu Peter Wessel auf, wie Chloe in einem Schüfer-
spiel: „Und wie wollen Sie mir das beweisen,
Kapitän?" fragte sie.

- „Es ist sehr einfach, Euer Gnaden," sagte
Peter Wessel, „es gibt ein Bild, auf dem wir
alle zusammen dargestellt sind. Ich und Anna
Katharina und das ganze Volk. Gestatten Sie
mir, einen Brief nach Drontheim zu schreiben,
daß meine Frau das Bild schicken soll. ."

„Das wäre freilich ein vollkräftiger Beweis,"
beeilte sich der Oberst zu sagen, „ich erlaube mir
zu bemerken, daß ich es für angemessen halte,
ihm das zu gestatten."

Die Gräfin hatte die Füße auf das Tnburett
vor ihrem Stuhl gestellt und saß nun da, mit
hochgezogenen Knien, den Oberkörper weit zurück-
gelehnt und schaute Peter Wessel an. Es war ein
lautloses Gelächter in diesem Blick. Die Mund-
winkel zogen sich herab, die feine Nase wurde
ganz weiß.

_ „Ja, gewiß," sagte sie endlich, „schreiben Sie
also Ihrer Frau, mein lieber Peter Wessel."

„Ich will den Brief dem Sekretär Euer Gnaden
diktieren, damit jeder Verdacht ausgeschlossen ist,
ich könnte mit nieiner Frau irgend eine Ver-
abredung haben."

Die Gräfin war damit einverstanden, ließ den
Sekretär . rufen und Peter Wessel diktierte ihm
einen Brief, in dem er mit kurzen Worten um
jenes Fauülienbild bat, damit er sich in seiner
Gefangenschaft am Anblick seiner Lieben erfreuen
könne. Dann fügte er hinzu, Anna Katharina
möge sich mit dem Aufbringen des Lösegeldes
nicht weiter bemühen: es sei die beste Aussicht
vorhanden, daß das Lösegeld hier für ihn erlegt
werden würde.

Nachdem er diesen Satz beendet hatte, blickte
er die Gräfin fragend an.

„Ich habe es versprochen," sagte sie. —

Es traf sich eine günstige Gelegenheit zur Be-
förderung des Briefes. Dian konnte ihn einem
norwegischen Kauffahrer mitgeben, der unter fran-
zösischer Flagge fuhr. Peter Wessel saß wieder
in seinem Turm und empfing die Besuche der
Neugierigen. Sein Ruhm strahlte über die ganze
Bretagne hin. Bon Woche zu Woche vermehrte
das Gerücht die^Zahl seiner Kinder. Pierre Re-
moulade, der Stadtdichter von Brest, verfaßte
eine Ode, in der er Peter Wessel mit Priamus
verglich. Das Beispiel der Gräfin d'Urville zog
die Anteilnahme des ganzen Adels nach sich.

Sechs Wochen später brachte der norwegische
Kauffahrer das Bild und einen Brief von Anna
Katharina.

Peter Wessel sandte sogleich Nachricht auf das
Schloß und wurde für den nächsten Tag zur
Audienz befohlen.

Man erwartete ihn wieder in dem chinesischen
Zimmer. Er ging mit kräftigen Schritten auf
die Gräfin zu, daß die Porzellanglöckchen des
Kronleuchters baumelten und bimmelten und über-
reichte ihr mit einer Verneigung das Bild.

Es war das Werk eines nräßigen Meisters
und durch nichts weiter bemerkenswert als durch
die Kunst, eine so große Anzahl von Personen
auf einen Raum zusammenzudrängen, der nicht
größer war als die Fläche eines Handspiegels.
In der Mitte saßen Peter Wessel und Anna
Katharina und rundum reihte sich die ganze Schar
der Kinder.

Die Gräfin betrachtete das Bild. Dann brach
sie in ein lautes Gelächter aus: „Mein Gott,
es ist also wahr. Und alle — alle sehen dem
guten Kapitän so ähnlich, wie es ein Vater nur
wünschen kann."

Peter Wessel stand stolz und strahlend da:
„Und ich möchte nur erwähnen, daß dieses Bild
nicht vollständig ist. Mein jüngster Sohn fehlt
darauf. Meine Frau hat mir geschrieben, daß
er vor fünf Wochen angekommen ist."

Da bekam die Gräfin einen Anfall von Lachen,
der sie zu ersticken drohte. „Sie haben sich Ihr
Lösegeld redlich verdient," sagte sie endlich. „Es
ist zusammengebracht und es liegt für Sie bereit.
Ich habe es mir angelegen sein lassen, Sie wieder
bald in Anna Katharinas Arme zurückzuführen.
Aber sagen Sie mir nur, mein lieber Kapitän,
es gibt doch so viele Frauen auf der Welt . . ."

„Ich habe nie eine andere Frau geliebt,"
sagte Peter Wessel ernsthaft.

Da wandte die Gräfin den Kopf ihrem Gatten
zu und faßte ihn scharf ins Auge. Der Graf
räusperte sich und zog die zierlichen Ärmelspitzen
über die schmalen Handgelenke hinab. Babette,
die hübsche Zofe, die eben nnt einem Tablett voll
gefüllten Weingläsern ins Zimmer getreten war,
beeilte sich hinanszukommen.

„Stoßen Sie an, ineine Herren," sagte die
Gräfin, „auf das Wohl unseres Gefangenen, der
heute ein freier Mann wird." —

Als Peter Wessel nach Abstattung seines
schuldigen Dankes gegangen war, lehnte die
Gräfin in ihrem Stuhl und sann lächelnd vor
sich hin, während der Oberst das Ereignis in
zierlichen Sätzen besprach, die dem Stil Pierre
Remoulades nachgebildet waren.

„Mein lieber Oberst," unterbrach ihn die
Gräfin nach einer Weile, „wissen Sie, warum
die Riesen, von denen in den Sagen erzählt
wird, von den Menschen vernichtet worden sind?"

„Nein!" sagte Oberst Deschamp ganz verblüfft.

„Weil sie ebenso dumm waren, als stark und
groß." —

Peter Wessel kam im September nach Dront-
heim zurück.

„Du bringst mir also keinen Franzosen mit?"
fragte Anna Katharina.

„Nein . . . man müßte doch immer Angst
haben, daß man ihn zerbricht. Diese Franzosen
— sie sind ein sonderbares Volk. Sie wundern
sich, wenn man Kinder hat."

Das war im September.

In: Mai bescherte Frau Anna Katharina
ihrem Gatten seinen vierzehnten Sohn.

Lergbttck

Deines Blickes wundersame Bläue,

Stiller See im grünen Tal,

Wieviel schöner glüht sie mir aufs neue
In des Berglichts reinem Strahl:

Klarer ist sie mit emporgestiegen,

Fern und ferner blieb im Grunde liegen
Menschenhast unb lauten Tages Qual.

Kiele, die dich drunten hart durchschäumen,
Segel, das vom Sturmwind schwillt,

Sind wie Schwäne, die versonnen träumen
In der Flut ihr frohes Bild.

Dächer unter holdem Wipfelneigen
Ruhn wie Kinder im durchsonnten Schweigen,
Deren Leid ein süßer Schlummer stillt.

Von mir selber sinken alle Schatten;

Wie es heitrer nie geschah
Liegen meines Lebens Ernte-Matten
Lächelnd und entbreitet da. — —

Und die Stunden falten ihre Flügel,

Und der See spricht über Fels und Hügel:
Einsam bist du deinem Schöpfer nah.

Franz Langheinrich

Blatten

Von Hermann Horn (Dachau)

Neulich war ich auf der Redaktion einer großen
Zeitung gesessen. Man sprach gerade über die
Annahme eines Artikels, worin einer sich ent-
rüstete, wie schändlich und grausam es doch sei,
den Rehbock durch das Nachahmen des Brunft-
lautes des Rehes in wilde Unbesonnenheit zu
stürzen, um ihn dann in der schönsten und er-
habensten Erregung, die die Natur dem Tiere
schenke, grausam und roh zusammenzuschießen.

„Was denken Sie?" fragte mich der eine.

„Oh," sagte ich, gedankenlos wie bei solchem
Anlaß, „ist es nicht der schönste Tod?"

„Aber der Artikel entspricht unseren Prin-
zipien," meinte ein zweiter Redakteur, und dann
sprachen wir von anderem.

Das fiel mir in einer dieser Sommernächte
ein, wo ich zu lange gearbeitet hatte, und nun
die Maschine dieses menschlichen Körpers gegen
den Willen ihres Herrn zu stark weiter ging.
Das Blut trieb in heißen Wellen durch den still
im Bett liegenden Körper und warf dies und
jenes Bildchen aus verborgenen Kammern des
Hirns verwirrt durcheinander. Als auch jene
Redaktionsstube auftauchte, sprang plötzlich weit
eine Türe auf und ließ Erinnerungen ausströmen,

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Franz Langheinrich: Bergblick
Hermann Horn: Blatten
Paul Segieth: Vignette
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