Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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De arte poetica

in der marinetti - zukunfts - fliege - dichter - weis mit
futuristischer akzentuierung und interpunktion* *)


/Ts

unser sing ) sang ist nur larifari — ^
firle-fanz und Keinen jl blech-Knopf wert -|*

Tn Tn

wie der J futuristen-riese mari-
netti O aus Italien £ uns lehrt JL
auf der $ flug-maschine schwebe-schwingen §f

müssen _L dichter-fürsten lernen singen A

mf.

marinetti | haut darum zu fetzchen *

TR

jedes adjektiv und x schund-adverb -j-

TR <T\ /T\ Tn

diese st lumpen—lause—luder—mätzchen ^
das; die I krims-krams-dichtung endlich sterb chi

A

wen auf X den parnnß die götter riefen ^
dichte nur | in doppel-substantiven +

darum hat $ die futuristen-leier *f
ur-kraft-wirkung X wie ihr alle wißt ch

pp.

weil / der mann ^ kein st seelen-jammer-meier

sondern O körper-physiologe ist X

ü. * a

und weil seine ^ sturm-gesangs-gewalten —

unser „innres" X gründlich st umgestalten ->-
^ pp- r==—

seht -j- schon schluchzen \2 meine magenwände )

\. \

nehm ich seine O feuer-verse her X
und es wogt H mein unter-leibs-gelände —

M tr. tvs

unterm fchnierz-druck wie ein ^ brause-meer ^
und ich frag O was will st das teufels-toben /X
geht's ck nach unten ^ oder geht's nach oben (2

tr. t7\ mf,

doch £ trotz leib-schmerz | bin ich keine Kneifer-

seele fl und kein fl hüpfe-hasen-fuß V

sondern schluck' X im lese-über-eifer- k
^ ^
drang sein ganzes vers-werk bis zum schluß ^

bis an einem X glocken-strang O ich schelle -j-

A A

sanitäts-rat — eine — gumini-zelle ^

_ beda futuristenfchüler

*) Das jüngste Manifest des Futuristenführers
Marinetti verlangt in der Dichtkunst Abschaffung aller
Adjektive und Adverbien, dieser „alten Scharteken",
und deren Ersatz durch Doppelsubstantive, Abschaffung
der Psychologie und deren Ersatz durch „intuitive
Physiologie", endlich Abschaffung aller
Interpunktionen und deren Ersatz durch
musikalische und mathematische Zeichen.

Mahres Geschichtchen

Ich komme im Sportskostüm am
Münchner Bahnhof au, und da ich
einige Stunden Aufenthalt habe, ent-
schließe ich mich, mir die Residenz an-
zuschauen. Unsicher, ob dies in meinem
Aufzuge ratsam sei, interpelliere ich
darüber einen Einheimischen. Gut-
mütig gibt er mir Bescheid:

„No ja, zum priuzregenten kunnten
S' so scho' geh'n; aber vor'm portier
derfen S' Eahna so net sehg'n lassen!"


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H. Bing

Das Bollwerk zur See

„Haben Sie gehört — auf Borkum will
man die Fortisikationen bedeutend verstärken!"

„So,-traut sichdanoch ein Iud rauf?!"

*

Gebetsysteme

Der Oberschulrat für Elsaß-Lothringen hat an-
geordnet, daß in konfessionell gemischten Schulen
beim Beginn des Unterrichts ein stilles Gebet
verrichtet werden soll, während das Gebet in
konfessionellen Schulen nach wie vor laut ge-
sprochen werden soll. Zentrumsblätter nennen
die Anordnllng eines stillen Gebets „eine Ver-
beugung vor dem geistigen Anarchismus", „einen
Straßendurchbruch für die Religionslosigkeit."

Mit Recht! 'Der Oberschulrat hat das ver-
derbliche Reichstagswahlsystem auf das Schulgebet
angewandt! auch dieses Gebet soll, so will er es,
geheim, direkt und gleich sein, damit das
letzte Bollwerk gegen die Sozialdemokratie fällt!
Das Schulgebet soll aber nicht geheim sein, wie
die Sünde; es braucht sich nicht zu verstecken,
nein, es soll öffentlich und laut fein! Es soll
auch nicht direkt sein, denn der liebe Gott hat
keine Zeit für jeden Proleten, sondern es soll
durch Vernüttlung des Hochwürdigen Klerus vor-
getragen werden, der der Anwalt der Gemeinde
ist; für das Gebet soll Anwaltszwang gelten.
Das Gebet soll endlich nicht gleich sein, denn
die Menschheit ist in gottgewollte Klassen ein-
geteilt; und deshalb muß das Gebet wie die
preußische Landtagswahl, in drei Klassen ge-
betet werden; die erste Klasse enthält die Katho-
liken, die zweite die Juden und die dritte die
Zuchthäusler und Protestanten. Frido



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Heil Rückenknopf!

Saint-Simonisten hieß die edle Sekte,

Die, wie ich kürzlich aus der Zeitung sah,

Das Mittel, das probateste, entdeckte,

Wie mcm die Menschen bringt einander nah:

Die Weste ist's, die auf den: Rücken schließbar,
Zu deren Schluß man seinen Nächsten braucht,
Weil man sich sonst (und dies ist ungenießbar)
Allmorgendlich den werten Arm verstaucht!

„Ha!" schrie ich da, „nun wird es klar uns Tröpfen,
Weshalb die Mode, die ich oft verflucht,

Die Satansblusen mit den Rückenknöpfen
Für uns're lieben Damen ausgesucht!"

Denn gliche auch die Gattin der Meduse,

Sei sie Xantippe auch und Haustyrann,

Zum Engel wird sie durch die Rückenbluse,

Die sie zu fleh'n zwingt: „Bitte, hilf mir, Mann!"

Und schimpft sie noch beim ersten Knöpfchen fleißig,
Beim zehnten Knopfe schmilzt ihr Aerger ein,
Und nach dem Rückenknöpfchen Nununro dreißig
Dreht sie sich um: „Geliebter, ewig Dein!"

Glaubt mir: die Furie selbst - o wär' sie köpfbar! —,
Sie würde durch die Rückenbluse mild!

Wär' sie voin Zopfe bis zur Ferse knöpfbar,

A tempo würde sie zum Engelsbild.

Und muß der Gatte sich auch dreh'n und bücken,
So zeig er nie und nimmer drob Verdruß:

Er tut so manches hinter ihrem Rücken —
Warum nicht auch 'mal einen Blusenschluß?

— England, ich müßt' ein Mittel, Dich zu retten
Vor jener Schar, die Rache schwor dem Mann:
Schaff' einfach Deinen bösen Suffragetten
Auf Staates Kosten Rückenblusen an!

Dann schwindet jäh das Zittern ihrer Nüstern,
Schon höre ich weit lieblicher als je
Sirenenartig Mrs. Pankhurst flüstern:

„Nein, stellen Sie sich dumm an, Mr. Grey!"

Karlclien

Sin frevlerpaar

Ein Gesinnungsgenosse des Grafen Oppersdorf
greift in dessen Blatt unter dem Pseudonym
Julius das Zentrum heftig an.

Der Julius, der Julius,

Das ist ein arger Luftikus.

Er ärgert die „Germania";

Nein, so was war noch niemals da.

Des Zulii, des Zulii
Pamphlete stinken, ach und wie;

Sie stinken, ach, zunl Himmel rauf.

Dem Kerl gebührt der Scheiterhauf.

Dem Fulio, dem Julia,

Dem ist der Schädel voll mit Stroh.

Er reizt sogar das frömmste Lamnl.

Zieht diesem Lump die Hosen stramm!

Den Zulium, den Fulium

_. Hält jeder Gläubige für dumm.

Am besten ist's, man sperrt ganz schnell
Dies Rindvieh in die Gummizell'.

Der Oppersdorf, der Oppersdorf,

Das ist ein Kerl aus Mist und Torf.
Er räsonniert aus vollem Hals
Und ärgert Fromme ebenfalls.


-

( . -




Verdächtiger Schritt!

„Alleweil hast falschen Tritt, Rare! Am End bist
a Hoamlicher von die Guttempler!"

W. Krain

ma no so

Der Beelzebub, der Beelzebub,

Der bringt die beiden auf den Schub.
Er holt sie bald aus ihrem Bett
Und schmort sie dann in ihrem Fett.

Des Teufels Brut, des Teufels Brut
Tanzt Twostep um des Kessels Glut,
Voran des Satans Großmama.
Halleluja, Halleluja!

Frido

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[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichtchen
Frido: Gebetsysteme
Henry Bing: Das Bollwerk zur See
Beda: De arte poetica
Willibald Krain: Verdächtiger Schritt
Karlchen: Heil Rückenknopf!
Frido: Ein Frevlerpaar
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