Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Es ist Gram, der spricht... trocken und vor-
wurfsvoll. Ich biete ihm eine Zigarre an, er aber
sagt: Nein, danke! . . . Ein Glas Portwein? . . .
Er schüttelt abwesend den Kopf. Er will mir
zu verstehen geben, daß er nicht als mein Gast
hier sei.

Ein Telegraphenbote kommt. Ich reiße das
Telegramm auseinander und lese. Gram ist auf-
aestanden und kommt naher.

„Nun?"

„Lies selbst," sage ich. Er liest es und legt
cs ruhig auf den Schreibtisch.

„Deckung entgegengesehen, sonstFalliterklärung

Soelberg."

Ich bin vernichtet . . . fertig. Meine Augen
können sich nicht von dem Telegramm losreißen.
Ich lese es wieder und wieder. Das Ganze ist
also umsonst gewesen ... ich glaube, es ist die
Strafe für meine Betrügerei.

Und ist ein erfundener Diebstahl denn wirklich
so schlimm? Die Polizei ist ohne Grund bemüht
worden, ja, du lieber Gott! Ohne Grund? Ist
es nicht Grund genug, daß ein Mensch sich vorm
Bankrott retten will?

Aber man kann deswegen bestraft werden!
Bestraft . . . jetzt zittere ich wieder. Es ist ja
nicht für einen Schilling Verbrechernatur in mir.

„Hör mal, Iustesen," sagt Gram . . .

„Ja, ja!" ich blicke auf ... wie starrt der
Mensch mich denn an! Was will er? . . . Was
will er!

Jetzt sagt er ganz langsam und mit Nachdruck
auf jeder Silbe:

„Das ist ja alles Spiegelfechterei... Du hast
den Brief selbst genommen!"

„Wie! ... Ich!.. Ich!"

„Du hast den Brief selbst genommen!"

„Oh, mein Gott. . . Gram, alter Freund . . .
was sagst du da . . ."

Er beugt sich ganz dicht zu niir.

„Dil hast den Brief selbst genommen. . . lind
es ist nie im Leben Geld drill gewesen!"

„Oh . . . oh!"

Ich jamniere es heraus. Ich hänge wie ein
Waschlappen über der Stuhllehne. Es ist keine
Spur von Widerstand mehr in mir. Ich will
offen bekennen!

... Da geht die Tür.

Der Mann, der hereinkommt, hat dunkle,
stechende Augen uild eine scharfe Nase, die einem
Schnabel gleicht. Er hat einen kleinen Schnurr-
bart und einen schmalen, bekümmerten Mund.
Der Mann ist gut gekleidet.

„Verzeihen Sie," begiimt er, „ich komme
wegen des Diebstahls..."

Gram stellt sich mit einer hastigen Bewegung
zwischeil ihn und mich.

„Ich gehöre zur Poliz-'i " sagt er.

Der Mann tritt einen schritt zur Seite, sodaß
er nlich hinter Gram sehen kann.

„Ich kanil Ihnen das gestohlene Geld ver-
schaffen," sagt er.

„Sie?" stammelte ich . . . Was meinte er da-
mit? Sollte es eine Falle sein?

„Unter eiiler Bedingung," sagt er. „Sie
müsseil Ihre Klage zurückziehen."

Graul dreht sich zu mir um . . . teilnehmend,
er will es wieder gut machen, daß er mich vorhin
verdächtigt hat.

„Du nimnlst das Angebot doch ilatürlich an.."

Ich nicke. Mein Verstand steht still. Ich be-
greife nichts mehr... starre den Menschen mir an.

„Sie müssen es mir schriftlich geben," sagt er
und sieht mich fest an.

„Natürlich," sagt Graul.

Jetzt knöpft der Mann seinen Paletot auf,
steckt die Hand in eine inwendige Tasche und
zieht einen Haufen Geldscheine heraus, die er auf
den Tisch legt.

„Hier! Zählen Sie sie, bitte, nach! Da siild
die zwei Tausend! . . . Um es ehrlich zu sagen!
Ich Hab sie gestohlen. Aber ich bin wieder in
mich gegangen . .. und wenn Sie damit einver-
standen sind..."

Ja, es stimmt. Ich sitze und zähle die

T1i6o Waidenschlager (München)

Gngland auf Reisen

„Ich haben gesehen auch auf die Starn-
berger See zwei große Dampfer ... uerd' ich
schreiben Mister Churchill!"

Scheiile. . . zähle sie sinnlos wieder unb wieder.
Gram hat eine Feder genommen und setzt ein
Dokument alif, das ich unterschreibe. Ich erkläre,
daß ich die zwei Tausend von Herrn Nicolay
Kragberg bekommen habe und ihn nicht weiter
zur Rechenschaft ziehe. . .

Aber ich verstehe kein Wort von alledem . . .
nur so viel begreife ich, daß ich vorm Bankrott
gerettet bin.

Dafür gibt es eiilfach keiile Erklärung!

Jetzt bin ich ein anderer und besserer Meilsch
geworden. Die Krise ist vorübergegangen, und
mein Geschäft blüht wieder. Nlir eines quält
mich . . . die Erklärung.

Bisweilen presse ich meine Hände gegen die
Schläfen, um die Gedanken zusammenzuhalten,
die wie Ameisen in meinem Kopf durcheinander
laufen. Warum? . . . Wieso? Und dann sehe
ich den Mann vor mir mit den ftedjenben Augen ...
es sollte doch wohl nicht der Teufel selbst sein, der
meine Seele gekauft hat!

Eines Tages bringt die Post mir einen Brief
aus Südafrika. Ich kenne die Schrift nicht, dreh
das Kuvert hin und her, öffne es und lese:

Lieber Herr!

Sie haben sich meinetwegen wohl viel den
Kopf zerbrochen, jetzt aber will ich Ihnen die
ganze Geschichte erklären. Die Leute nennen mich
den Meisterdieb, nun ja, man darf wohl stolz auf
sein Fach sein, ich bin ein Meisterdieb!

Ich Kain an demselben Abend nach Roskilde,
an dem Sie die kleine Komödie mit dem Geld-
brief inszenierten. Die ganze Stadt sprach von
Ihnen mit nächsten Tage, und kein Mensch zwei-
felte daran, daß Sie die Geschichte erfunden hätten.
Ich saß in einer Ecke des Hotelzinuners und
hörte zu.

Ihr Brief war, wie Sie behaupteten, gegen
zwölf Uhr gestohlen worden, und gerade zur selben
Zeit hatte ich ein hübsches kleines Geschäft in
Kopenhagen geniacht. Ich hatte einen Iuwelier-
laden untersucht und für 80000 Kronen Wert-
sachen zu mir gesteckt. Sehen Sie, das ist in
eineni etwas größeren Stil, als Ihr Unternehmen.

Ich erreichte den Nachtzug und kam um halb
zwei nach Roskilde. Es ist ein gutes Prinzip,
in eine kleine Stadt zu reisen und sich dort eine
Woche aufzuhalten, bis die Gemüter sich beruhigt
haben, sonst wird man gar zu leicht an der Grenze
festgenommen.

onn?e<|reifen 6ie daß es sich für mich lohnte.
^000 Kronen zu opfern, um mit der Bekräftigung
d^..2brigke,t attestiert zu bekonimen, daß ich um
zwölf Uhr in Roskilde gewesen sei!

Ich fuhr am selben Abend stolz nach Kopen-
hagen zurück, und wurde natürlich am Bahnhof
festgenommen: die ganze Arbeit im Iuwelierladen
netz )a aus meine Hand schließen, die Herren
Detektivs kannten mich genau'

Aber bitte hier! Ich'lege Ihr Dokument auf
den Tisch, und so und so verhält sich die Sache!
Die Polizei telephoniert nach Roskilde. Stimmt
das ? Jawohl! Die Geschichte klappt. Man kann
nicht an zwei Stellen auf einmal sein, selbst wenn
man ein Meisterdieb ist.

Und nun sitze ich hier und denke, daß ich doch
im Grunde ein gutes Werk getan habe, voraus-
gesetzt, datz Sie vernünftig sind und mir in Zu-
kunft nicht wieder ins Handwerk pfuschen.

Hochachtungsvoll

Nikolay Kragberg.

Der Brief ist verbrannt, und die Asche zu
Staub zerdrückt . . . aber nicht wahr . . . ?

Es gibt für alles eine Erklärung.

Pessimismus

vr. Kausen entrüstet sich in der „Allg. Rund-
schau" über die Dithyramben, mit denen „ein Teil
der katholischen Tagespreise" (darunter auch der
„Bayrische Kurier") „die Offenbachiaden und den
ganzen, möglichst hochgeschürzten, cancanierenden,
fast nur auf die Wirkung der nackten Beine ein-
gestellten Betrieb im Künstleriheater" feiert.

Wie unmoralisch, ach, sind doch die meisten!

In puncto Sittlichkeit geht's böse her.

Doch wessen sie in München sich erdreisten,

Das geht, bei Gott, auf keine Kuhhaut mehr!
Wir sprechen nicht vom Suff und nicht vom

Skattisch,

O nein, was Schlimmeres begab sich da:

Der „Bayrische Kurier" besprach sympathisch
Bon Offenbach die Schöne Helena!

Statt anzicheten das Gebein der Reinen,

Der frommen Heiligen Helena aus Trier,
Erhebt die Blicke zu den nackten Beinen
Der Schönen Helena, ach, der „Kurier".

Wie eitel ist der Mensch in seinem Stolze!

Er soll doch lieber reuig in sich gehn.

Wenn so was schon passiert mit grsinen Holze,
Was soll da erst beim dürren Holz geschehn?

Weh, die Beamten und die Offiziere,

Sie sind bei uns schon ganz veroffenbacht,

Doch von dem fronimen „Bayrischen Kuriere"
Hätt' ich wahrhaftig so was nie gedacht.

Da kann man ja auf niemanden mehr schwören,
Da fällt ja jede Glaubenssäule hin.

Ich seh' im Geist schon den Geheimrat

Roeren

Im Variete als nackte Tänzerin.

Fritlo

*

Der Rainsauer Toni

fährt zum ersten Male in seinem Leben
mit der Eisenbahn. Neugierig mustert er
die seltsame Einrichtung des Wagens. Da
fällt sein Blick auf eine eigenartige Messing-
trommel an der Decke mit seinem Griffe
und zwei Täfelchen „hell" und „dunkel".

Lange starrt er das Ding an, dann pfeift
er durch die Zähne, ein Zeichen, daß ihm
ein Licht aufgegangen ist.

Letzt öffnet er die Tür zum Seitengang
und wartet, bis der Schaffner kommt. Dann
packt er ihn beim Rockzipfel und, auf die
Decke zeigend, sagt er: „He, Sie, Herr
Schaffner, mir a Helles!"

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[nicht signierter Beitrag]: Der Ramsauer Toni
Frido: Pessimismus
Theo Waidenschlager: England auf Reisen
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