Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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er ganz ruhig seines Weges ging. Endlich er-
reichte sie ihn und fiel ihm um den Hals. Ich
kam inzwischen näher und bemerkte, daß ich den
Mann kannte: Es war der Kellner des Gast-
hauses, dem ich zuging. Das also war der
,Direktor'. Dieser Kellner war mir schon bei
meinem ersten Dortsein ausgefallen. Es war
nämlich ein Mensch von ungewöhnlicher Häßlich-
keit, von fahler kränklicher Hautfarbe und un-
sympathischen Zügen. Neben der jungen Frau
sah er schlaff, verlebt und finster aus. Sie schien
ihm erzählt zu haben, daß ich den gleichen Weg
ginge, und er begrüßte mich höflich als Hotelgast.
Die Frau aber meinte: ,Ach, ich glaube, Sie
gehen besser zum Schulzen' — das war ein
anderes Gasthaus — ,bei uns wird es zu teuer
sein, für Sie! Adschö!' Damit zog sie ihn unterm
Arm fort. Ich ging absichtlich langsamer, um
das liebenswürdige Paar bald aus dem Gesichts-
kreis zu bekommen, sah aber noch, daß sie das
schwere Paket die ganze Zeit selbst weiter trug
und wunderte mich darüber. Ich bemerkte auch,
wie ihre Zärtlichkeiten kein Ende nehmen wollten,
während er sie nicht erwiderte. Ein wenig später
kam ich denn auch in dem Hotel an, ging aus
mein bestelltes Zimmer und ruhte mich aus.
Gegen 8 Uhr abends kam ich herunter, um noch
vor dem Abendbrot einen kurzen Spaziergang
zu machen.

In der Haustür stand der Kellner, vulgo
Direktor, in einer versteckten, schwarzen Jacke,
die Serviette unter dem Arm. Als ich in sein
verkniffenes, häßliches und krankhaftes Gesicht
blickte, blitzte irgend ein merkwürdiges Interesse
an jener jungen Person in mir auf, trotzdem sie
sich so lächerlich benommen hatte. Ich dachte un-
willkürlich, als ich die Idealgestalt ihrer Schilde-
rung mit der armseligen Wirklichkeit verglich, die
da vor mir stand, an jenes seelische Phänomen,
das die modernen Psychiater ,Wunschverdrünguncfi
genannt haben. Sie hatte mir, mit einer beinahe
maniakalischen Hartnäckigkeit, das Bild ihrer
Ehe ausgemalt, wie sie sie wohl gewünscht
hätte . . . Der Kellner grüßte höflich. Unwill-
kürlich blieb ich stehen und sagte freundlich: ,Nun,
haben Sie Ihre junge Frau gut untergebracht?'

,Die ist gerade rüber/ entgegnete er und deutete
aus den See.

,Wie,' fragte ich und meinte nicht recht gehört
zu haben — ,die ist — wieder zurück?'

,Nun ja, natürlich, die kommt ja noch zum
9 Uhr-Zug zurecht/

,Jetzt — in der finsteren Nacht — allein durch
den Wald?'

,Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, das ist
doch garnischt, die kommt doch noch gut hin.'

,Ia, aber sie wollte doch heute hier bleiben

— bis morgen?'

,Na, das hat doch keinen Sinn — kostet doch
bloß Geld, sie hätte überhaupt nicht kommen
müssen die Wäsche bringen, ich habe noch genug
Wäsche.'

Ich starrte den Mann an und sagte schließlich:
,Geld? Kann sie denn hier nicht ganz billig eine
Nacht bleiben?'

,Na, die Bettwäsche muß ich doch bezahlen,'
meinte er — ,das hat doch keinen Zweck.'

Ich blickte über den See und in den Wald
hinüber, der in völliger Dunkelheit dalag. Da
war sie jetzt hineingetrieben worden, diese junge
Frau, die sich schon am Herweg vor diesem Walde
gefürchtet hatte. Da stand sie nun allein in dieser
schwarzen Wildnis, zurückgejagt von diesem Gatten
und sollte und mußte allein zur Station finden . .
Ich hörte die Ruder plätschern und der Kahn, in
dem der Hausdiener sie herübergebracht hatte,
legte eben an. . . Und sehen Sie," schloß die junge
Frau ihre Erzählung: „damals habeich ein Mit-
leid gefühlt, wie kaum jemals früher. Ich sah
sie vor meinen Augen, wie sie da drüben, zitternd
in der schwarzen Waldeinsamkeit, den Weg suchte

— ich sah sie mit ihren naiven großsprecherischen
Wünschen und Phantastereien von einem Gatten,
der sie verwöhnte und auf Händen trug und der
in Heringsdors drei Monate lang 8 Mark täglich
für ein Zimmer für sie bezahlt hatte . . . Diese
vlumpe Verlogenheit bekam plötzlich einen er-

Residenz in München Kar] Höfle

schlitternden Sinn für mich, denn ich sah ein
armes getretenes Schicksal, das sich an Visionen
klammert. Ich sah ein Frauenlos, wie es un-
zählige gibt, die in der großen Lotterie zu kurz
kommen und die doch alle vom Glück geträumt
haben, um dann in irgend ein lächerliches und
gemeines Muß getrieben zu werden . . . Aber die
große Sehnsucht bleibt ihnen und wird schließlich
ein Wahn, den die Ärzte hysterisch nennen und
der die Armen nur noch lächerlicher, noch arm-
seliger, noch erbarmungswürdiger macht.

Und da drüben, dort in dem finsteren Walde,
dort tappte sie sich jetzt vorwärts, sicherlich weinend;
sie mußte zurück — weil die Bettwäsche zu viel
gekostet hätte."

Die junge Erzählerin atmete tief — dann
fuhr sie fort: „Am anderen Tag, — es ließ mir
keine Ruhe — machte ich einen Spaziergang
nach der Station und ich fragte, ob gestern Abend
die junge Frau, die mit mir gleichzeitig ange-
kommen war, zum 9 - Uhr - Zug gekommen wäre.
Und da erfuhr ich: Gegen ein Uhr nachts habe
es an die Scheiben des kleinen Beamtenhauses
geklopft, und als man hinaus eilte, lag da auf
der Schwelle, wimmernd und beinahe besinnungs-
los vor Furcht, diese junge Frau, die solange
im Walde umhergeirrt war, — ein halbaufge-
gangenes großes Packet mit schmutziger Wäsche
neben sich. Man habe sie dann im Hause be-
halten und mit dem ersten Frühzug sei sie ab-
gereist."

Die Erzählerin schwieg und keiner sprach ein
Wort, aber alle wußten, daß „Es" über sie ge-
gekommen, dieses größte Gefühl der Weltseele,
das aus ihrem ewigen Leideserbe geboren ist.

Inftruktionsstunde

Der Feldwebel 36. instruiert über den persön-
lichen lNnt folgendermaßen: „A)as persönlicher
lNnt auch heutzutage noch vermag, das haben da-
mals vor mehreren tausend Jahren die zoo Spar-
taner bei Thermoxylä bewiesen. Rekrut bsaase,
wie hieß der Kommandant?"

Da der Rekrut sich ausschweigt, fährt der Feld-
webel fort: „Na, Du Hammel kannst das nicht
wissen, das war ,Seine Exzellenz Geueralfeld-
marschall von Leonidas' "

Herbstlicher Garten

(Aus dem Georg HirthSchrein)

Nach vielen bunten wirren Straßengängen
Öffn' ich ein fremdes Gitter.

Dunkles Schweigen.
Fein knirscht der Kies auf alten Gartensteigen
Wie tief die gelbgewordnen Blätter hängen!

Mich, der ich jetzt im ersten Sommer gehe
Erfüllt's mit Ruhe, unter kühlen Bäumen
Ein Weilchen von der fernen Zeit zu träumen,
Wo ich so still wie dieser Garten stehe,

In dem nur mehr die hohen Kronen rauschen,
Beschienen von vertrautem Lampenlichte.

So mag ich einst mit feierndem Gesichte
Dem tiefen Klange meines Lebens lauschen.

Emanuel von Bodman

Liebe Jugend!

Zn der Ludwigstraße zu München, gegenüber
der Staatsbibliothek, sind mehrere Lehranstalten.
Zn einer derselben wird der junge 36. während
der Geschichtsstunde aufgerufen und soll einige
griechische Philosophen nennen. Unter andern er-
wähnt er unrichtiger weise den Lsippokrates. Der
Geschichtsprofessor will den Schüler sofort belehren
und sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
über den berühmtesten Arzt des Altertums ksip-
pokrates, dessen Statue neben den Denkmälern
dreier anderer antiker Geisteshelden vor der Staats-
bibliothek steht, einiges zu sagen. Er korrigiert
daher den Schüler: „Nein, kftppokrates war kein
Philosoph" und während er zu den Statuen vor
dem Portal der Staatsbibliothek hinüber deutet,
sagt er: „Hippokrates sitzt dort drüben, also wer
ist Lftppokrates?" Prompt antwortet 36.: „Dienst-
mann Nr. 85."

Meinen zwölfjährigen Schülern gab ich nach
Betrachtung der Alpen die Aufgabe, einen Auf-
satz zu schreiben über „Schönheiten und Gefahren
der Alpen". Nachdem einer Mehrerer von den
Schönheiten geschrieben hatte, fuhr er also fort:
„Die Männer in diesem Lande tragen Kniehosen.
Die Frauen haben Mieder und kurze Röcke. Also
erblicken wir viele Schönheiten. Aber es sind auch
mancherlei Gefahren damit verknüpft."

Nach durchzechter Nacht kommt ein Student
an einem Frisier-Salon vorüber. „Ach," denkt er,
„läßt dich gleich noch rasieren." Er tritt ein.

Nachdem der Barbier die ..Linfeifung" be-
endet hat und sein Messer wetzt, kommt das Ueber-
nächtige zum Durchbruch, und der Kopf des
Bruder Studio senkt sich auf die Brust.

„Aber, mein Herr, ich kann Sie doch nicht in
dieser Stellung rasieren," sagt der Barbier verlegen.

„Dann schneiden Sie mir die Haare," ertönt !
es müde von den Lippen des Musensohnes.

,/Sehv
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[nicht signierter Beitrag]: Instruktionsstunde
Karl Höfle: Residenz in München
Emanuel Frh. v. Bodman: Herbstlicher Garten
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