Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Altes Prager Brückenlied

Hoch über Prag die Burg und der Dom
Wie entrückt dem Menschengeschicke:
Drunten über dem rauschenden Strom
Die alte würdige Brücke;

Aus ihr stehn die steinernen Heiligen,

Die schaun auf das Wimmeln der Menge,
Hundert hin, hundert her, zur Burg, zur Stadt:
Doch stets in dem Menschengedränge
Geht ein Pfaff, ein Lud und ein Soldat.

Die Burg schaut stolz ins Land hinein.
Doch soll ihr Stolz nicht mißraten,

Sie muß ihrer Bürger sicher sein:

Der Staat braucht treue Soldaten!

Es fließt viel heißes Hussitenblut
Dem Volk die pochenden Adern;

Der brave Soldat stampft stramm und straff
Auf der Brücke wuchtigen Quadern,

Der treue Soldat zwischen Lud und Psaff.

Dem Dom dort droben hat nie gegraut
Ln all den tobenden Stürmen,

Er hat sehr ruhig niedergeschaut
Zur Stadt mit den hundert Türmen.

Doch trau dem gläubigsten Frommen nicht!
Kommt jedem die sündige Stunde:

Da tut überlegener Zuspruch gut
Aus einem berufenen Munde;

Der Pfaff huscht vorbei an Soldat und Lud.

Der König und auch sein Bürger braucht Geld,
Doch die Trägheit stellt ihnen Schlingen.
Drum gibt's keine Brücke auf der Welt,
Drauf, Gottlob, nicht auch Lüdlein gingen.
Steht nur ganz ruhig, ihr Heiligen,

Auch der Lud dünkt euch gut im Gedränge!
Hundert hin, hundert her, zur Burg, zur Stadt,
Welch Wogen und Hasten der Menge!
Was tut's? Mitten drin Pfaff, Lud und Soldat!

Hugo Salus

Fräulein Federstiel

Von Frigga v. Brockdorff

Man kann Schriftstellerin sein, ohne
sich im Alltag zu überliterarischen Ge-
bärden veranlaßt zu fühlen. Und man
kann sein Herz für den lieben Nächsten
auf dem rechten Flecke haben, ohne sich
deshalb doktrinär als zur sozialdemo-
kratischen Partei gehörig zu betrachten.

Bei nieiner Freundin, der verwit-
weten Doktorin Probst, waren obige
zwei Feststellungen vollauf gerechtfertigt.
Durch den frühen Tod ihres Gatten
eines Ernährers beraubt, hatte die be-
gabte Frau frisch zur Feder gegriffen
und ihr ansehnliches Talent zu mancher-
lei literarischer Betätigung ausgenützt.
Und auch allgemein menschenfreundliche
Bestrebungen fanden bei ihr stets ein
williges Ohr und tütbereite Hände.

Eben sind Erni Probst und das
Bübchen aus dem Süden heimgekehrt.
Sie hat dort reichlich „Material" ge-
sammelt und will jetzt daran gehn, das
Erworbene sorgfältig zu überschauen
und zusammenzufassen in ein gutes,
lebendiges Werk.

Ihre liebe Vertrauensperson, von klein Otto
kurzweg (einer vergnüglichen Rundgestalt wegen)
„das kugelige Mietzerl" genannt, ist leider erst
kürzlich einem Verlobten, mit schwerem Herzen,
abgetreten worden, und da herrscht große Sehnsucht
nun nach einem netten Menschenkinde, das in
Mutters Arbeitsstunden den kleinen Kerl drillen
und betreuen kann.

Frau Erni geht mißgestimmt auf die Suche.
Viele Lahre an die Dienste ihres hellen, blonden,
deutschen Mädels gewöhnt, „freundlich umrollt",
— wie Otto bemerkt, — zittert sie vor der fremden
Wesenheit in ihrer nächsten Nähe und erregt aller-
seits heiteres Erstaunen wegen eines, bei den
Agenturen vorgezeigten Bildes:

„So hat die neue Stütze auszusehen! . . . ."

Heute nun, — erfüllt von diesen häuslichen
Schwierigkeiten, — muß sie in einer befreundeten
Redaktion vorsprechen, um sich, des verspäteten
Manuskriptes halber, zu erklären, als ihr ein
schlankes Fräulein auffällt, das bei ihren Worten
eifrig in die Höhe fährt und nicht innehält, sie
lange und aufmerksam zu betrachten.

Eine Stunde später dann, in ihrem Hause,
wird eine fremde, junge Dame gemeldet, welche
die Frau Doktor zu sprechen wünsche. Erni läßt
bitten. Und herein tritt jene Sekretärin, die schon
im Bureau der Zeitung ihre Aufmerksamkeit er-
regt hat.

Fräulein Hannah Seelchen ist groß und sehr
blaß. Aus dem schmalen Gesicht glühen ein paar
scharfe, _ dunkle Augen; das Haar ist streng in
der Mitte gescheitelt und am Hinterkopfe zu
einem festen Knoten gedreht.

„Sie sagten hellte, gnädige Frau," beginnt
sie, — nachdem sie mit merkwürdiger Sicherheit
auf einem nngebotenen Fauteilil Platz genommen
hat, — „Sie sagten heute, daß Sie in Verlegenheit
uni eine passende Stütze seien?"

Frau Erni bejaht ruhig, und das Fräulein
fährt fort:

„Lch stehe seit deni Tode meiner Eltern völlig
allein. Ln der Redaktion bin ich als Volontürin
angestellt und veröffentliche auch sonst in Frauen-
zeitungen hie und da kleine Sachen. Aber der
ganze Sinn ist mir nur darauf gerichtet, ein —
Heim zu finden, wo ich, im Anschlüsse an eine
hochgebildete Persönlichkeit, meinen pädagogischen
Anlagen gerecht werden kann. Bis jetzt habe ich
zwar noch nicht direkt als Erzieherin gewirkt,"
fügt sie hinzu, „doch hängt mir das Herz an den
Kleinen, und man soll mir bloß Gelegenheit geben,
bei Heranbildung einer jungen Seele, was an
Ldealen in mir lebt, zu gestalten . . ."

Frau Doktor sieht jetzt prüfend zu ihr hin.
Und findet soviel Qual, soviel unerlöstes Weh
in diesen bleichen Zügen, daß ein großes Mitleid

Vor cier Abreise

F. Heubner

Jck jloobe, wir war'n die eenzigen Leute am Starnberger See,
die keen Stück zusammen jeschrieben hab'n!"

in ihr aufsteigen will. Wohl sagt ihr die einfachste
Überlegung, daß ihres Ottos kecke, muntere Art
da nicht, werde auf herzlichen Anklang rechnen
dürfen ; — aber dann empfindet sie bereits die
reine Freude des hilfsbereiten Menschen, ein ver-
wirrtes und kummervolles Leben milde in klare
Bahnen zu lenken ....

Der mit Spannung erwartete Antrittstag bricht
herein. Ln der Frühe um zehn Uhr soll das
Fräulein erscheinen. Was der geplagten Mama
doppelt angenehm vorkonunt, da am Abend noch
ein Lbsen-Nekrolog abgesandt werden soll, und
Bubi schon in den ersten Morgenstunden die Em-
pörung des Hauses auf sich geladen hat, indeni
er im Garten einer Schildkröte die Augen auszu-
stechen versuchte, und nachher bitterlich weinend
behauptete, das Tier sei ihm nicht lebendig er-
schienen,^ sondern „gemacht". — Statt des Fräu-
leins tritt aber zur bestimmten Leit ein Setzer-
junge ins Haus mit der Meldung, die Dame
müsse als Postarbeit einen Lbsen-Artikel ver-
fassen und könne unmöglich vor drei Uhr nach-
mittags erwartet werden.

Erni begibt sich also seufzend an den Schreib-
tisch, schlägt Quellenwerke und Lexica auf, wirft
zwei Hasen, welche ihr Otto liebreich auf den
Schoß gelegt hat, zur Balkontüre hinaus, wechselt
noch schnell Bubis Anzug, den er beim Brunnen
durchnäßte, und beginnt an dem Aufsatz zu schreiben.

„Mammerl!"

„Kind?-Lm Brand finden wir das

erste Mal, daß der Dichter . . ."

„Alle Männer haben doch Frauen, — nit?"

„La, Otto!"

„Lbsen ringt hier ..."

„Aber der liebe Gott, Mammerl, ist der nicht
verheiratet?"

Die Mutter ist vollständig betäubt.

Erst, nachdeni sie versucht hat die Gestalt
Gottes als immateriellen Geist darzustellen, gibt
sie ihrem Sprößling ein hervorragendes Bilder-
buch in die Hand und versinkt wieder über ihr
Feuilleton in stummes Brüten.

„Mammerl!"

„Was nun wieder, Bub?" Diesmal schon
merklich ungeduldiger.

„Nymphen — sind das Damen mit einem
Fischschweiferl und einem Leutekopf?"

Frau Erni muß laut auflachen. Doch dann —
nimmt sie ihren Jungen, läuft niit ihm hinaus
in den Garten und bald weiß man nicht mehr,
wer höher sitzt auf dem Kirschbnum, — die Mutter
oder der Sohn.

* * *

Um drei Uhr abermals der Setzerjunge: Fräu-
lein Seelchen werde todsicher um sieben Uhr
eintreffen! — Um sieben Uhr ist das
Fräulein nicht da; — dagegen zwei
riesige Kleiderkoffer, ein vollgepackter
Bücherschrank, ein Schreibtisch und jene
heißersehnte Schreibmaschine, die Frau
Erni sich schon seit Jahren gewünscht,
jedoch des hohen Preises wegen nicht
erstanden hatte.

Ein bißchen verstimmt wird der kleine
Lebhafte gefüttert, gebändigt, gewaschen
und zu Bett gebracht. In später Stunde,
— die junge Frau ist gerade mit dem
Schlußsätze ihrer Arbeit fertig geworden,
ertönt die Hausglocke.

Fräulein Seelchen stürzt aufgeregt in
den Flur, gestikulierend, mit tausend
Entschuldigungen und dem Beteuern,
daß etwas derartiges nicht mehr Vor-
kommen würde 2c. Trotz allem freund-
lich zum Abendbrots genötigt, wehrt sie
ab: „Jeder Nerv vibriert heute in mir!
In solchen Momenten bin ich ganz
Geist." - ,

Schließlich, mit einem indiskreten
Blick auf das Manuskript der Doktorin:
„Aber Ihre Bemerkung über Brand
trifft absolut nicht zu! Schon früher
findet man bei Ibsen —"

Erni errötet. Sie denkt an die Hasen,
den lieben Gott, die Nymphen und den
Kirschbaum .. .
Frigga v. Brockdorff-Noder: Fräulein Federstiel
Hugo Salus: Altes Prager Brückenlied
Friedrich (Fritz) Heubner: Vor der Abreise
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