Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Festrede zum Jooflen!

Hoch unser Dichter-Jubilar!

Er würde heute 100 Jahr

(Drum feiert ihn mit Pomp und Prangen!)

Hätt' er nicht, als er 50 war,

Dem Vaterlande undankbar,

Auf unsre Rechnung und Gefahr
In seinenr göttlichen Genick

— Ach Gott, mit lasterbleichen Wangen,

Er war ein großer Galgenstrick! —

Am Lotterbett sich aufgehangen.

Ja heute würd' er 100 Jahr!

Der Genius ist offenbar

Aus seinem Schandgrab aufgegangen.

Ihr Frauen, opfert am Altar
Der Musen nach Belieben bar,

Er kriegt ein Denkmal, das ist klar.

Auch hat Zum Wohl der Enkelschar
Die Lotterie schon angefangen.

So stiften wir auf immerdar
Dir, hehrer Dichter-Jubilar,

Was ewig gut und schön und wahr.

Denn heute wirst du 100 Jahr!

In deutschen Lettern: hundert Jahr!

(Echo aus der Hölle:)

Und bist nun doppelt aufgehangen.

Raul Henckcll

ein toatjrfjaft guter Mensch

Von Eugen Heltai

Sieben Uhr abend. Der Herr Direktor betritt das
Zimmer seiner Frau.

Sie (sitzt an einem Miniaturschreibtisch, erschrickt
beim Schall der nahenden Tritte und versteckt irgend
etwas; versteckt es rasch und nervös. Dann versucht
sie zu lächeln.)

Der Mann (blickt ihr in die Augen): Hast du
geweint?

Sie: Nein.

Er: Du hast geweint.

Sie: Ja, ich habe geweint.

Er: Warum?

Sie: Frag nicht. Es ist nicht interessant. Aus
Nervosität.

Er: Ich frage. Es ist interessant. Es ist
nicht aus Nervosität geschehen.

Sie: Gut — aus einem andern Grund. Es ist
etwas vorgefallen, aber Kümmere dich nicht darum.
Er: Du wirst es mir sagen.

Sie: Nein. Es würden daraus nur Miß-
verständnisse entstehen und Streitig-
keiten. Und ich will nicht.

Er: Kurz?

Sie: Kurz, ich habe einen Brief
bekommen. Einen anonymen Brief.

Er: Ah. Ich habe eine Geliebte

— wie?

Sie: 2a.

Er: Eine? Zwei? Drei?

Sie: Nur eine.

Er: Dein Gewährsmann ist nicht
sehr freigebig. Für dasselbe Geld hätte
er nur drei Geliebte nachsagen können.

Sie (schweigt).

Er: Na — und du? Was sagst
du dazu? Glaubst du's?

Sie: Ich glaube es nicht.

Er: Aber du hast geweint.

Sie: Nicht einmal weinen soll ich
dürfen? Das wirst du nur wohl er-
lauben müssen.

Er: Du glaubst es also.

Sie: Ja.

Er: Unsinn.

Sie: Ich glaube es .. dann glaube ich es nicht..
glaube wieder. . Zch weiß selbst nicht. .

Er: Und jetzt? Wie weit bist du im Augen-
blick?

Sie: Als du kamst, glaubte ich es. Jetzt,
wo du hier bist und ich deine Ruhe sehe, deine
ehrlichen Augen — da glaube ich es nicht mehr.

Er: Bravo. Du bist eine kluge Frau.

Sie: In fünf Minuten werde ich's nicht mehr
sein. Meiner Seel', ich schäme mich meiner
Zweifel — aber ich kann nicht dafür. Ich hätte
dich so gern, so gern schuldlos gewußt — aus
eigener Überzeugung, ohne dich erst befragt zu
haben — ohne Schwüre. . .

Er: Aber . . . du traust mir doch nicht.

Sie: Zürnst du mir?

Er: Du bist eine Frau. Da hörst du selbst-
verständlich lieber auf einen Unbekannten, Namen-
losen, einen Feind oder Schuft — als auf mich,
deinen besten Freund. Iünf Jahre bin ich dein
Mann, du kennst meine geheimsten Gedanken, Ge-
fühle, Wege und Pläne — das alles zählt nicht
mit in den: Moment, wo dir ein niederträchtiger
Brief zuflattert. Die erstbeste Verleumdung . . .

Sie: Liebster, der Brief enthält Namen und
Tatsachen.

Er: Namen, Tatsachen? Und existiert noch?

Sie (holt ihn aus der Schreibmappe): Bitte.

Er (liest): „Gnädige Frau, ich erfülle eine
traurige Pflicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß Ihr
Mann der Zärtlichkeit unwürdig ist, mit der Sie
ihn umgeben. Er hat seit sechs Monaten ein
Verhältnis mit einem jungen Mädchen namens
Elise Ostwald. Dieses Mädchen hat bei der Witwe
Rist zwei Zimmer gemietet, die Ihr Mann be-
zahlt. Sie können, wenn Sie mir nicht Glauben
schenken, leicht Erkundigungen bei Frau Rist ein-
ziehen . . . ." (Er unterbricht die Lektüre.) Eine
gemeine Lüge.

Sie: Der Brief ist noch nicht zu Ende. Lies
weiter!

Er (fährt fort): „Ihr lieber Mann besucht das
Fräulein fast täglich. Konfrontieren Sie ihn mit
dem Portier Iosefsring 12 — der Portier wird
nicht leugnen können, daß er den Herrn Direktor
kennt. Ich habe kein persönliches Interesse, Sie
zu warnen, gnädige Frau; als anständiger Mensch
konnte ich die Schamlosigkeit nicht länger mit
ansehen."

Sie (hat unterdessen ängstlich das Gesicht ihres
Mannes beobachtet): Na .... und jetzt? Was
sagst du?

Er: (sehr ruhig): Es ist wahr.

Sie (verzweifelt): Wahr? Oh, ich habe es geahnt.

Er: Nichts hast du geahnt — und ahnst auch
jetzt noch nichts. Alles ist wahr — nur das eine
nicht, daß ich mit Fräulein Ostwald ein Verhält-
nis habe .... Unterbrich nicht, Liebste — du sollst
alles erfahren. Und wein nicht. Versteh mich! Es
wäre bequemer für mich gewesen, zu leugnen —
ich kenne dich und weiß, daß du weder die Witwe
Rist gefragt hättest noch den Portier. Wenn ich
mich schuldig fühlte, hätte ich auch bestimmt ge-

leugnet. Gott sei Dank — ich habe es nicht
nötig. Ich stehe rein vor dir und furchtlos.

Sie: Rein . . .

ErJa. Und du wirst gleich einsehen, daß
hier keine Rede sein kann von Schamlosigkeit.
Im Gegenteil: wenn ein anständiger Mensck da
ist — dein Gewährsmann ist es nicht. An dieses
Fräulein Ostwald knüpft mich nicht Liebe, sondern
Mitleid. Sie ist ein sehr unglückliches Mädchen
und läge längst auf den: Grund der Donau. . .

Sie (schaudert unwillkürlich zusammen^

Er: . . . wenn ich nicht wäre. Die Geschichte
passierte im September — du warst im Bad.
Ich hatte mit Färber, mit Metzler und ein paar
andern beim „Politischen Greißler" zu Abend
gegessen. Wir blieben zievllich lang — bis zwei
etwa. Die andern fuhren im Auto heim — ich
wollte noch ein wenig Bewegung machen. Es
war eine stille, kalte Nacht. Auf dem Weg bis
zur Brücke begegnete ich keiner Seele. Am
Brückenkopf langweilte sich ein Polizist. Und
mitten auf der Brücke — denk dir nur! — steht
ein Mädchen und will eben in die Donau springen.
Ich — . natürlich auf sie zu, halte sie fest — sie
fleht mich an — ich zerre sie von: Geländer weg

— sie keucht, weint, rast, bittet — ich sollte meines
Weges gehen — sie will sterben. Ich drohe, den
Polizisten zu rufen — sie fügt sich in die Rettung,
beruhigt sich und erzählt endlich: sie heißt Elise
Ostwald und ist aus sehr guter Familie. Irgend
ein Schuft hat sie verführt — die Eltern erfuhren
davon — und als die Eltern erfuhren, daß das
Mädchen Mutter werden wird, jagten sie es aus
dem Haus.

Sie: Entsetzlich.

Er: Ja, eine entsetzliche, eine alltägliche Ge-
schichte. Das Mädel wußte keine andre Lösung
als die Donau. Was sollte sie? Sie hatte keinen
Heller Geld, nicht einmal Wäsche und Kleider;
nur ihr Unglück und die Schande. Der Verführer?
Sie wagte nicht, sich an ihn zu wenden, er ist
verheiratet. Das Mädel, der kleine Märtyrer
mit der feinen Seele, wollte lieber sich vernichten
als die Ruhe dieses Menschen. — Da kreuzte ich
zufällig ihren Weg, und sie dauerte mich, wie du
sie jetzt bedauerst. Ich sprach ihr Mut zu, gab
ihr Geld, richtete ihr eine Wohnung ein — bei
der Witwe Rist, Iosefring 12, zweiter Stock —
versprach ihr, für sie zu sorgen, ihr eine Stelle
in der Bank zu verschaffen, sie mit ihrer Familie
auszusöhnen — kurz, ich habe sie dem Leben
zurückgegeben. Und was ich ihr versprach, habe
ich gehalten. Das Kind kam zur Welt. Fräulein
Ostwald wurde Schreibdame bei mir. In der
Bank ist ein junger Beamter, der sie heiraten
will. Und wenn sie erst verheiratet ist, söhnen
sich auch die Eltern gewiß mit ihr aus. Kurzum

— der Ausgang der Tragödie ist versöhnlich. —
So, das ist meine ganze Schuld. Wenn du
willst, laß dich von mir scheiden. Glaub mir
oder glaub nur nicht — ganz wie's dir dein
Herz befiehlt. Ich habe dir nichts verschwiegen.

Sie (gerührt, vertrauensvoll): Aber — warum
hast du mir all das nicht längst erzählt?

Er: Du bist im Sommer drei Mo-
nate weg gewesen — dann war wieder
ich nicht zu Haus, dann ... Du weißt
es ganz gut, daß ich manche Wohltat
übe, ohne es gleich an die große Glocke
zu hängen. Auch dieser Fall ist nur
erst wichtig durch den anonymen Brief
geworden — ein Fall unter hunderten.

Sie (erleichtert) : Oh ich habe an dir
auch nur für Sekunden gezweifelt. Ich
wußte, daß du mich nicht betrügen kannst.
Du bist ein wahrhaft guter Mensch.

Er: Ein guter Mensch zu sein, ist
kein Verdienst. Man ift dazu geboren
— wie andre zum Schreiben von ano-
nymen Briefen.

Sie: Du bist so ehrlich, so offenherzig.
Er: Ich verschweige dir nichts, nichts.
Und er denkt still für sich: Ich vei>
schweige nichts. Nur das eine: daß
ich selbst Elisens Verführer war.
(Autorisierte

Ueverseyung von 3TC. Jloba Roda)

Die verwunschene Stadt R. Rost

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Karl Henckell: Festrede zum 100sten!
Jenö (Eugen) Heltai: Ein wahrhaft guter Mensch
Richard Rost: Die verwunschene Stadt
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