Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Der Krieg um den Frieden

Dort unten schürt des Krieges Flammen
Der Balkanvierbund, toll vor Wut —

Wir aber halten fest zusammen,

Wir Großmachtstaaten, wir verdammen
Der Halbasiaten Übermut!

Uns will es niederträchtig scheinen,

Daß man den Türken massakriert,

Weil die famosen Recken meinen,

Jetzt wären's Fünfe gegen Einen,

Da war' nicht allzuviel riskiert!

Wir wechseln Roten drum seit Wochen —
Und ist nicht Krieg inzwischen schon
Heut oder morgen ausgebrochen —

Dann kommt gewiß mit heilen Knochen
Der Friede noch einmal davon.

Bloß rückt man sich recht langsam näher,
Zur Klarheit kommt man nicht geschwind —
Dieweil wir Großmacht-Europäer
So zänkisch wie die Eichelhäher,

Wie Kinder eifersüchtig sind!

Den Ausweg, den sie endlich fanden,
Graf Berchtold schlug ihn

längst schon vor —
Doch was da kommt aus Dreibundlanden,
Das wird vom Zweibund nicht verstanden
Und Englands Diplomatenkorps!

Am Ende brennt's im Wetterwinkel —
Dann war die Mühe umeinsunst
Durch Völkerhah und Rassendünkel —

So ähnlich ging es in Krähwinkel
Auch jüngst bei einer Feuersbrunst:

Dort, um den Vortritt bei der Spritze
Kam sich die Feuerwehr ins Haar;

Sie debattierten voller Hitze
So lang, bis keine Giebelspitze
Krähwinkels mehr zu löschen war....

Weg mit dem eifersücht'gen Ringen!

Eh's drunten losgeht lichterloh,

Und eh' die Funken überspringen,

Müßt ihr die Kerls zur Ruhe zwingen
Durch ein energisch ()uos ego!

Pips

*

Helf, was helfen mag!

sagt sich der Inhaber eines Kaufhauses in H.,
der seinen Kunden zu wissen tut: „Heute Sonn-
tag ab halb 11 Uhr: Erstes großes Frei-
bierfest im A.. schen Geschäft. ... Es wird
getrunken, solange der Krahn läuft.
.... Nachmittags und Abends öffentlicher
Tanz im Saale des Schützenhauses bei freiem
Eintritt —Die Leute werden schon gekommen
sein, um zu sehen, wie ein Krahn läuft, da
die meisten bisher höchstens einen Hahn haben
laufen sehen. Uebrigens hat der Wertheim von
H. noch mehr Pfeile im Köcher. Helfen Frei-
bier und Freitanz nicht, dann probiert er's viel-
leicht einmal mit der Liebe und stellt den ver-
ehrten Kundinnen sein männliches, den Herren
Kunden sein weibliches Personal zur Verfügung
— d. h. natürlich behufs Ehe! Bei Ankäufen
von 5 Mark an kriegt jeder eine Braut mit
entsprechender Aussteuer! — ps

„I moan allewei, die ganze G'schicht hat
ledigli a Film-Fabrikant arranschiert!"

*

Der üayrirdhc

0orre$itiininergerellTcl)aft$-Pränflent

Wie unser v. dl.-Korrespondent mitteilt,
hat am Montag der bayrische Ministerpräsident
v. Hertling die Sitzung der Görresgesellschaft,
deren Präsident er ist, mit folgender Ansprache
eröffnet:

M. H.! Sie wundern sich wohl Kanin, daß
ich als bayr. Ministerpräsident zugleich Präsident
Ihrer Gesellschaft blieb. Wissen Sie doch, daß
ich bemüht bin, alles homogen zu gestalten, und
so betrachte ich denn die Görresgesellschaft als
homogen mit meinem Ministerium. Denn wir
im Ministerium, wie Sie in der Gesellschaft, haben
gemeinsam das Ziel im Auge, alles vom Stand-
punkt der katholischen Wissenschaft aus zu be-
trachten.

Daraus kann mir natürlich niemand einen
Vorwurf bieten, außer jene Kurzsichtigen, die da
meinten, ich würde als Minister meine Farbe
wechseln oder meine Anschauungen der Politik
anpassen, statt umgekehrt. Mit nichten habe ich
deswegen das Präsidium übernommen; ich
habe vielmehr gerade deswegen es angenommen,
weil ich es für nützlicher hielt, zugleich auf beiden
Stühlen zu sitzen, und freue mich, daß es so gut
gelungen ist. Die breite Basis, mit welcher ich
auf diesen Stühlen ruhe, ist meine Ihnen Allen
bekannte Gesinnung und mit ihr begrüße ich Sie
und heiße Sie herzlich willkommen.

Die Sitzung des bayr. Gesamtministeriums,
Pardon, der Görresgesellschaft, ist eröffnet.

„Donnerwetter, den Geheimrat hast Du
gut getroffen!"

„Bitte,das ist'n Balkanschlachtenbild."

Frau Justitia, die berühmte Blinde,

Urteilt öfters sonderbar und trist.

Ja, es scheint, daß ihre Augenbinde
Manchmal etwas schiefgewickelt ist:

Ein Professor lag da jüngst in Scheidung,

Weil sein Ehestand nicht wohlgetan —

Da erschien zu großer Schmerzbereitung
Jäh die Schwiegermutter auf dem Plan.

Detektivisch ließ sie ihn bewachen
Jeden Orts sowie auch jeder Zeit,

Ob er etwa nicht verbot'ne Sachen
Mache mit verbot'ner Weiblichkeit!!

Weinen wie ein frischgesalz'ner Radi
Muß man, wenn man solche Kränkung hört.
Der Professor lief zum nächsten Kadi
Und verklagt das Schwiegerweib empört.

Aber — ha! — sie wurde freigesprochen!
Freigesprochen!! Dieser Spruch ist bös!

Muß man da nicht vor Entrüstung kochen?

Und sich fragen: Ja, was is jetz dös?

„Bund für Mutterschutz", bekannt dem Kenner,
Du bestehst und bringst den Frauen Nutz —
Wer, so frag' ich, gründet für uns Männer
Nun den „Bund für

Schwiegermutter-Schutz"?!

Tanzgeschichten

Eine Berliner Zeitung meldete aus Tölz, dort
habe ein Berliner Herr bei der Reunion mit einer
Berliner Dame den Wackeltanz getanzt; der Gen-
darm habe sofort die Musik aufhören lassen und
das tanzende Paar verhaftet, nachdem er an der
Art ihres Tanzens das vorschriftsmäßige Ärgernis
genommen habe. — Eine Nachforschung ergab,
daß an der Geschichte kein wahres Wort war.

Wir stellen dem Blatte die folgende Tatsache
zur Verfügung, die wir durch einen zuverlässigen
Korrespondenten haben erfinden lassen und für
deren Unwahrheit wir die volle Garantie über-
nehmen: Der Marine-Attache der deutschen Ge-
sandtschaft bei der schweizerischen Eidgenossenschaft
forderte in St. Moritz auf der Reunion eine
Tochter des schweizerischen Bundespräsidenten zum
Tanz auf. Die schweizerische Regierung beant-
wortete die Provokation mit einer Kriegserklä-
rung: sie konnte sich unmöglich gefallen lassen,
daß ein Gesandtschafts-Attache an sie die kecke
Frage richtet, ob sie mit ihm ein Tänzchen
wagen wolle. Khcciive

Morganatische Pläne

Die Zeitungen melden, daß Pierpont Morgan
die Tempel in Philae kaufen will; sie sollen nach
Amerika geschafft werden.

Die Unterhandlungen sind noch nicht abge-
schlossen. Der gewaltige Kopf von Pierpont Mor-
gan wälzt aber in seinem Innern noch andere Kauf-
objekte von verblüffender Großartigkeit. So be-
absichtigt Morgan den Nordpol abbrechen und
in seinem Keller aufstellen zu lassen, bannt dort
der Sekt und der Weißwein immer kalt liegt.
Die Decke der Sixtinischen Kapelle will er als
Tischdecke für das Dirigentenpult seiner Haus-
kapelle verwenden. Den Gardasee will er durch
eine von Desenzano nach New Pork zu legende
Röhrenleitung in sein Badezimmer gießen lassen.
Das berühmte Echo des Königssees soll nach
New Pork geschafft und dort in seinem Kinder-
zimmer zur Belustigung der Kleinen aufgebaut
werden. Der Loreleifelsen soll samt der Lorelei
und dem Schiffer im kleinen Schiffe nüt seinem
wilden Weh im Teezimmer seiner Frau aufge-
hängt werden. Endlich will er den Äquator kaufen
und einer New Parker Spielschule schenken, da-
mit die Kinder mit ihni Reifen spielen können.

Frido
Karl Arnold: Der Balkankrieg
A. D. N.: Der bayrische Görresministergesellschaft-Präsident
Khedive: Tanzgeschichten
Frido: Morganatische Pläne
-Ps- -ps - ps -: Helf, was helfen mag!
Karl Arnold: Futuristen
Karlchen: Nanu?
Pips: Krieg um den Frieden
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