Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 44

JUGEND

1912

eine Roveretanerin. Die Sophie Petter geweih-
ten Gedichte entstanden in Bruneck. Zu ihnen ge-
hört dasjenige Gedicht Gilms, welches am volks-
tümlichsten wurde, sein „Allerseelen" („Stell' auf
den Tisch die duftenden Reseden"). Es liegt
wieder ein inniger Zauber in diesen Liedern, ab-
geklärter, ruhiger, als in den Sommerfrischliedern
aus Rätters. Manchmal wie Wehmut des Herbstes
mitten unter den blühenden Bäumen. Während
das Schlichte, Volksliederartige hiernach vorherrscht,
erhebt sich Gilm in den Sonetten an eine Rove-
retanerin zu einer glanzvollen Diktion, zu einer
Pracht der Sprache, einem Reichtum der Bilder,
daß wir durch einen rauschenden Festsaal zu
schreiten meinen. Das ganze südländische Milieu
tritt uns entgegen. Die sattern Farben des Sü-
dens und die brennendern Leidenschaften des süd-
lichen Blutes. Eine Komtesse Festi, nach anderer
Version eine Komtesse Berotoni, war die Ange-
betete Gilms. Es ist eigentümlich, wie alle diese
Frauengestalten in der Lyrik Gilms Leben ge-
winnen. Es sind keine toten Bilder, keine ver-
gilbten Blumen, in ein Buch gepreßt — alles
lebt, atmet, lacht und weint. Es ist das Wesen
dieser Frauen selbst, aus dem unmittelbar die
ihnen geweihten Lieder erstanden wie eine Art
seelischer Geburt. Sie sind von ihnen nicht zu
trennen. Wir sehen die kühle Theodolinde ebenso
um uns wie die vornehme blendende Rovereta-
nerin, die sinnige Sophie oder das liebe, naive
Kind in Rätters.

Es ist dies nur ein flüchtiger Streifzug durch
den Reichtum der Gilmschen Poesie. Ein paar
Münzen aus einer vollen Schatztruhe. Eines
muß aber noch beleuchtet werden: Gilms dichte-
rische Beziehungen zur Natur. Wir hören heute
soviel von Bodenständigkeit, Erdgeruch und Hei-
matskunst, als ob es sich um lauter sensationelle
Entdeckungen handeln würde. Da seht auf Gilm!
Er ist einer der Bodenständigsten, einer der größten
Heimatkünstler. Tirol, „voll Föhren und voll
Reben," liegt in diesen Gedichten. Der Zauber
der Waldeinsamkeit, der wogenden Ährenfelder
und der sonnendurchglühten Weingärten. Die
Erhabenheit der Berge, jener Hochaltäre der Natur,
die im Abendsonnenschein goldene Leuchter tragen.
Das Tosen des Wildbachs und der Gesang der
Vögel. Dabei weiß Gilm die Natur in innigste
Beziehung zum Menschenleben zu bringen. Wie
von einem Berg zum andern leisen Tritts im
Himmelblau die Wolken gehen, so schleicht er
sich zu seiner Liebe. Und wie im sanften Abend-
wind sich die Fichtengipfel küssen, muß er linde
mit den Lippen des geliebten Mädchens Stirn
berühren, das leise, wie die Sonnenstrahlen abends
aus dem Walde treten, die schmalen Stufen hinab
eilt. Das nur eines der hundert Bilder.

_ Mächtig wirkt die Personifikation der Natur
bei Gilnl. Unübertroffen bleibt da wohl sein Ge-
dicht: „Die Nacht." Aus dem Walde tritt die
Nacht, an den Bäumen schleicht sie, schaut sich
um im weiten Kreise. Alle Lichter dieser Welt,
alle Blumen, alle Farben löscht sie aus. Alles
Holde nimmt sie, nimmt des Stromes Silber,
nimmt vom Kupferdach des Domes weg das
Gold . . .

Ausgeplündert steht der Strauch —

Rücke näher! Seel' an Seele,

O die Nacht, mir bangt, sie stehle

Dich mir auch.

Zu dämonischer Größe erhebt sich die leblose
Natur in Gilms „Zakob Stainer". Darin ge-
winnt das Holz der Geige, das Meister Zakob
Stainer im Wald fällte, Leben. Und was aus
der Geige gezogen kommt, ist mehr als Geigen-
ton. Das ist lebendige Stimme, die sich an dem
Geigenmacher rächt. Die verborgnen Lieder unserer
Fichten wollte er kennen lernen. Nun sind diese
Lieder erwacht, die freien Geister der Natur
sind los und treiben ben unglücklichen Meister

in den Wahnsinn. Nur ein Bildcheir noch aus
„Zakob Stainer", das ungemein charakteristisch
für Gilms Naturbelebung ist. Der Dichter schildert
eine Haselsichte, die von epheugrünen Felsen ins
weite Land schaut. ..

Sie bückt sich hin und wieder,

Wie Gemsen auf der Wacht,

Daß ihr das Knappe Mieder

Aus weißem Atlas kracht.

Das Schönste und Wahrste, was über den
Dichter je gesagt und geschrieben wurde, stammt
aus einer vor vielen Zähren von dem nun auch
schon lang verstorbenen geistvollen tiroler Dichter
Anton von Schullern auf Gilm gehaltenen Ge-
dächtnisrede: „Es war eine unheimliche Stille
und Öde im Lande, kein geistiger Lufthauch regte
sich, tiefe Nacht hatte sich über den Tälern ge-
lagert, und kein Morgenstrahl entlockte einen
Klang der stummen Pracht unserer Alpen. Da,
auf einmal, wie in schwüler Sommernacht aus
dunklem Busche hallten laut und keck freie, ent-
zückende Töne durch die Berge. Das klagte so
rührend über die schöne Heimat, deren Blüten
umsonst zum Lichte ringen, deren Lieder ver-
stummt, deren Söhne vertrieben sind, das rief
so mutig, das blitzte so freudig, Lied auf Lied,
jedes ein funkelnd Schwert. Entzückt lauschte
das junge Tirol diesen ungewohnten Klängen,
diesen Liedern, in denen seine eigene Seele lag.
Bon Mund zu Mund gingen sie, von Hand zu
Hand, und wurden auf das eifrigste gesammelt
und auf das heimlichste bewahrt. Es ist gewiß
eine eigentümliche Erscheinung, daß gerade im
Lande Tirol, das dem geistigen Aufschwünge
Deutschlands am weitesten zurückgeblieben war,
ein Dichter Freiheitslieder fang, wie sie in solcher
Kraft, Frische und poetischer Schönheit kaum je
ertönten. Er hatte aber das Wort ergriffen,
freilich ohne Mandat, für eine freie, liederlustige
Volksnatur, sie zu rächen an der unnatürlichen
Unterdrückung. Ohne diese letztere hätte ihm
der Gegenstand gefehlt für seinen poetischen Haß,
der fast so schön in seinen Liedern tönte wie
seine Liebe. Nur wo die Nacht ist, singt die
Nachtigall. — Hermann von Gilm war diese
Nachtigall, die laut und hell schlug durch die
schwüle, bunkle Nacht, in der niemand sonst
auch nur zu reden sich getraute."

Rudolf Grein;

Max Frey (Dresden)

Der Blick ins Unendliche

Eine feingesponne Masse
Leinwand, Eisen, Drähte
Blitzen in der grellen Sonne,

Sausend unsichtbar surrt der Propeller
Und ein heißes Pfeifen zerrt an dcs

Mittags Ruhe. -
Lässig neigt der lange hag're

Yankee mit dem harten, eck'gen Kinn
Und der engen Lederkappe
Sich hernieder:

Well, Fm ready, sir, go on!

Plötzlich — ach, in einer grauen, bangen
Trägheit schloß ich jäh die Augen —
Plötzlich schweigt das Stoßen,

Noch ein Heller Ruf weit drunten
Nun — nur noch das surrend gleiche
Rauschen des Propellers,

Leis ein Singen in den Drähten
Und der Luftzug, der mir pfeifend
Um das Ohr zerrt.

Eine heilige Eintönigkeit.

Da erpackt mich jäh ein neues

niegewußtes Fühlen:
Alles Ding verliert sein Lasten,

Eine köstlich neue Leichtheit,

Ein Zergehen aller Schwerkraft.-

Sehend werden nun die blöden Augen:
Unten tief das Heckchen Erde
Rur ein grauer Schein —

Rings um uns ein freies Leuchten
Uns umschwebend:

Zahllose Unendlichkeiten. — —

Mählich fassen meine Augen,

Mählich fassen meine Sinne,

Mählich wird mein ganzer Körper

Aufgesogen, aufgerieben

Von dem Rausche dieser Weltvergessenheit!

Rausch der Höhe!

Rausch der toten Höhe,

Trunkenheit der wilden Freiheit,

Dieser todumgrinsten, köstlich hehrenFreiheit"
Taumel — Taumel —

Blick in die Unendlichkeiten —

Tod und Leben —

Ewigkeit — — — —

War's ein Jauchzen, das mir jählings
Von den kalten, heißen Lippen
Stürmte? — —

Lässig dreht den Kops der Führer
Und vom Sturm zerrissen flattert s
An mein halbbetäubtes Ohr: , ^

Well, a new record!— Now down.

Sei gegrüßt du alte Erde!

Nur wer in Unendlichkeiten
Durfte stchauen,

Weiß zu ehren deine Kleinheit.

Thc Walker

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Jack The Walker: Der Blick ins Unendliche
Max Frey: Dreifuß
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