Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Die Opiumtjötjle

Von Fritz Oertel

Diese Nacht war schon ganz
schauerlich gewesen.

Wir waren aus der Nordsee in
den Kanal hineingedampft und nun
hatten wir die Bescherung.

Ich verstaute mich hinten an der
„Laube", so gut es ging, und sah
in das quirlende Graugelb hinaus.

Der große 12000 Tons-Kasten
schraubte sich stöhnend, klirrend,
krachend durch das Gebräu da unten,
das mit tausend Kochlöffeln durch-
einandergequirlt wurde. Der Rauch-
schwaden der beiden gelben Schorn-
steine schlug schwarz auf den Gischt
nieder und flog wie ein endloser
Helmbusch in die Weite.

„Bam—bam, bam—bam, bam
—bam . . . ." Sechs Glasen. Also
bald Frühstückszeit.

Durch das Heulen und Brausen
weht das Gebammel der Schiffs-
glocke wie verloren über das ein-
same klitschnasse Deck.

„Windstärke 10," brüllt mir da
jemand in die Ohren, von dem ich
nur gelbes Oelzeug sehe, an dem
das Wasser herabrinnt.

„Morgen, Herr Käpt'n!"

Der Sturm schlägt mir die Luft
in den Hals hinein.

„Tja," schreit der Käpt'n weiter,

„das verdammtige Southampton-

Wetter — seh'n Sie man bloß die Grundseen

da. . . Achtung!"

Meine Fäuste umklammern die Reeling. Der
Kasten holt mächtig nach Steuerbord über. Eine
Gigantenfaust drückt ihn nieder. Hinter uns im
Rauchzimmer ein Schurren, Poltern, Krachen,
Klirren. Dann ein Moment der Stille. Nur
das Gurgeln der Wasserströme drunten am Lade-
deck und das Pfeifen der Drähte oben . . . .

Frieda

Langsam richtet sich der Riese wieder auf.
Eben will ich inich zum Verschnaufen ins
Rauchzimmer hineinhaspeln. Da höre ich den
Käpt'n schreien:

„Gottsdonner — ist der verrückt?... Herr ...
in Dreideubelsnamen ... zurück, zurück!"

Drunten, da bei der Lademaschine, krabbelt
etwas Schwarzes.

Der Käpt'n brüllt sich die Lunge aus. Aber
der Schwarze da drüben hört nicht. Er greift
sich weiter bis zur Treppe zum Poopdeck, über
die das Wasser stromweis herunterpladdert.

Ein Brecher rast über das Ladedeck. Die
schwarze Gestalt kriecht die Treppe hinauf, bleibt
oben stehen, festgeklammert, nimmt den schwarzen,
steifen Hut ab, schwenkt ihn in den Sturm hinaus:

„Hurra — hurra — hurra!"

Die Schöße des schwarzen langen Gehrocks
schlenkern im Sturm in die Luft — querab stehen
sie von den langen dürren Beinen. Um den Kopf
fledern die Haare, eine klatschnasse Strähne klebt
auf der Stirn, unter der ein paar wunderbare
blaue Augen in den Wetterwust hineinleuchten . . .

Da rollt eine mächtige Grundsee heran. Grün,
hohl, gierig rauschend. Der Gischt weht wagrecht
von ihrem Haupte, wie weiße, starre Haare_

Dann wage ich hinüber zu sehen nach dem
Gehrock da drüben.

Da steht er und schreit sein „Hurra!" in das
Getobe.

Nur sein Hut ist fort....

Da fassen ihn zwei Stewards und bringen
ihn herüber.

Als wir auf Portofino-Kulm droben über
den blauen Wassern Abschied nahmen, waren wir
Freunde geworden.

krntetag

5chon rüstete ctie müde Zonne sich,
Hinabrulauchen hinter ferne Wälder,

Und lautlos von den Hügelhängen schlich
Dar Heer der 5chatten auf die

Stoppelfelder.

Da kehrten langsam heim zum letzten Wal
Die Erntewagen mit der Last der 6arben,
Cs schimmerte im schrägen Mendstrahl
Die reiche 5racht in warmen 6oldesfarben.

Ms allen Ztrahen zogen Ne durchs Land
ln langen Reiben hin wie schöne Zterne,
Dismählich einernach dem andernfd)wand,
Versinkend in die dämmerblaue 5erne.

Und schweigend dehnten sich ru langer Duh
Dach Lrnteglut und Lärmen rings

die Auren,

Der Zchatten kühle Zchleier decklen zu
Der Hufe Male und die Däderfpuren.

Im Westen aber an des Himmels Dand,
wo in der Wolkenmauer, der entfernten,
weit auf des Abends lichte Pforte stand,
begann mit einem Mal ein ander Crnlen.

Dort sammelte der Tag und band in Hast
Zu 6arben die verstreuten 5onnenfeuer
Dann führte er die schimmernd gold'ne Last
Durch das bekränzte Tor in seine Zcheuer.

Margarete Lech

Ein verrücktes Huhn war er.
Ein liebes verrücktes Huhn und
dabei ein goldener Prachtmensch.
Aber nur draußen in der son-
nigen, schimmernden Welt. Da
breitete feine Sonnenseele ihre
bunten Schwingen aus, weit, weit.
Sie trugen ihn empor in flim-
mernde Höhen. Aber dort in
seinem ragenden Haus auf West-
falens roter Erde, in seiner
„Opiumhöhle", wie er es nannte. .

Doch ich will von ihm erzählen.

Ich Hab ihn während der ganzen
Reise nie anders gesehen, als im
schwarzen Bratenrock, zu dem die
buntkarrierte Mütze, — er hatte
sie sich nach seinem Sturmbad in
Southampton in so einem Krims-
Krams-Store gekauft — wunder-
lich genug kontrastierte. Ganz
egal, ob wir uns in den glühenden
Backsteingassen von Gibraltar an
den schinalen Häuserschatten ent-
lang drückten oder in Algier
durch den Tropendunst des jaräin
ä'e88a^ keuchten — immer wan-
delte unangefochten durch Treib-
hausluft und Sonne der fchwarze
Bleistift mit dem bunten Knopf
darüber vor uns her.

Und wenn wir dann glücklich
wieder an Bord waren und wie
die Fliegen in unseren Stühlen
klebten, dann wanderten seine
blauen Augen von einem zum andern und eine
ganze Kohorte von Teufeln sprang mit Spott-
gelächter aus ihnen hervor.

Diese Augen in dem bleichen spitzbebarteten
Gesicht! Die Augen eines unbändigen Schön-
heitssuchers und zugleich eines grenzenlosen Per-
ächters !

Aber da war noch etwas, das nicht hineinpaßte,
das diese schönen Spötteraugen lügenftraste.

Da liefen von den Mundwinkeln zwei Rinnen
hinab. Solche Betbruderfalten, wie sie Bigotterie
und Geiz in das freie Menschenantlitz hineinver-
unstalten und daraus Pökelgesichter machen.

Wie kamen die hinein in diese sonst nur von
Daseinsfreude, von froher Lebensbejahung, die
auch in den Lebenssturm schmetternd ihr Hurra
schreit, predigenden Züge?

Geiz? Oho — allein seine Weinrechnung betrug
bei der Ankunft in Genua so an 222 Mark!

Also das nicht, und ich konnte weiter Nach-
denken. Ich kam auch erst spät, nein, ganz zu-
letzt dahinter. —

Also da oben über Portofino trennten sich unsre
Wege. Ich wollte noch hinunter nach Rapallo,
um einige blaue Tage an der wonnigen Bucht zu
verbununeln, ehe ich nach Neapel weiterfuhr.

Ihn rief die Pflicht in die Heimat hinauf zu
seinen westfälischen Eichen.

Wir saßen beim letzten Fiasko und träumten
hinaus in die flimmernde Weite.

Auf einmal hieb er mit der Faust auf den
Tisch, sodaß die Engländer da drüben entsetzt
herumfuhren.

„Himmelherrgottsakrament noch mal!"

Dann starrte er in sein Glas.

Ich kannte solche Ausbrüche schon an ihm.

Mit größter Sanftmut frug ich nach seinem
Zorn.

Er packte das plumpe Glas mit der Faust
um den Stiel, goß den Wein hinter, schmiß den
Scherben in weitem Bogen in die Luft hinaus
den Abhang hinunter.

„In vier Wochen bin ich bei Ihnen am Golf
— oder ich geh zu Grunde da oben in der ver-
maledeiten Bude!"

Ich wollte fragen.

„Nee nee — erlassen Sie mir alles. Vielleicht
später. Aber ich niuß 'rrraus aus dem Haus da

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Fritz Oertel: Die Opiumhöhle
Frieda Blell: Blumenbukett
Margarete Lech: Erntetag
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