Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Der sanfte Heinerich

Das u.'tranwntane „Fränkische Volksblatt"
des Benefiziaten und Abgeordneten Liborius
Gerstenberger äußert seine Zufriedenheit mit dem
Balkankrieg ebenso poetisch wie geschmackvoll:

„Krieg durchtobt die Balkanlande,
Gegenseitig läßt die Bande
Sich zur Ader. Pferdekuren
Sind für solcherlei Naturen
Schließlich einz'ge Medizin . . .

Laßt sie in den Krieg nur ziehn."

Der fromme Liborius soll, wie wir hören,
für diese Kundgebung des Wohlgefallens an mör-
derischem Blutvergießen zum Patentchristen
ernannt werden. Ordnungsrufe für Leute, die
die Volksblatt-Poesie „unerhört" finden sollten,
sind bei Herrn von Orterer billig und in jeder
Anzahl zu haben. «im

Telephongespräch

Pomcare: „Bitte, Fräulein, den Dreibund!

— Sind Sie dort? Ich möchte Sie nur uni
einen kleinen Freundschaftsdienst bitten. — Ich
soll nur reden? Gut! — Es ist Ihnen vielleicht
zu Ohren gekommen, daß da unten mn Balkan
einige kleine Meinungsverschiedenheiten herrschen.

— So? Das wissen Sie schon? — Also, da
möcht' ich Sie im Auftrag meiner Firma um die
Erklärung bitten, daß Sie an der künftigen Ge-
staltung des Balkans absolumsnt ässinterss3ee
sind. — Wie meinen Sie? — Den Buckel herunter-
rutschen ? — Aber wenn ich Ihnen doch sage,
meine Firma ist die Selbstlosigkeit in Person!

— Wer lacht denn da dazwischen? — Also nichts
zu machen? — Schade! Habe die Ehre! Habe
die Ehre!" (Er hängt das Hörrohr ein.)

Den Engländer und der Russe: „Nun?
Was hat er gesagt?"

poincare: „Faul. . . mer sind durchschaut!"

Karlchen

Karl Arnold

Botschaft vom Himmel

ist vom Röntg Edi 'n Topf voll
Meister. Damit sollt Ihr Eure wacklige
Triple-Entente frisch leimen!"

CurRische heRIame MarRe

Abdul Hamids Heimkehr

In Konstantinopel im Mondenschein
Fährt Abdul Hamid, der Exsultan, ein.

Und zwischen Schlaf und Halbschlaf er spricht:
„Warum Krieg' ich nie Keine 3eihmg mehr nicht?"

„Ach, Abdul, das hätte nur wenig Sinn!

Es steht über Dich so viel Bösts darin!

Denn seit an der Spitze jungtürkisches Blut,

Da geht's der Türkei wie noch niemals so gut!"

Der Abdul Hanrid mit müdem Gesicht
Zwischen Schlafen und Halbschlafen weiter spricht:
„Warum nur steht auf den Straßen umher
So viel gewappnetes Militär?"

„Ach, Abdul, das ist eine Kleinigkeit,

Wir haben just eben Manöverzeit!

Du brauchst nicht ängstlich zu sein und entsetzt:
Im tiefsten Frieden leben wir jetzt!"

Der Abdul Hamid, er zweifelt nicht.

Und zwischen Schlaf und Halbschlaf er spricht:
„Mein Ohr trifft seltsam-klagender Laut?

Was weinen die Mütter und Bräute so laut?"

„Ach, Abdul Hamid, frag' nicht so dumm!

Nur Tränen der Freude fließen ringsum,

Weil es dem Lande so herrlich ergeht,

Seit an der Spitze ein Anderer steht!"

Der Abdul Hamid sieht traurig drein,

Er läßt das Fragen, er schlummert ein.

Und lispelt seufzend im Traume bloß:

„Allah il Allah! Allah ist groß!"

Kartelle»

&

Liebe Jugend!

Ein behäbiger Metzgermeister klagte niir sein
Leid und erklärte mir, daß er schon seit einem
Jahre bei jeden: Pfund Fleisch ca. 10 Pfg.
zulege, worauf ich ihm den wohlgemeinten Rat
erteilte, doch unter solchen Umständen das Ge-
schäft zu schließen. „Ja," sagte er darauf, „Sie
hawwe gut redde, von was soll ich dann nach-
her lewe?"

Dallwitz als Erzieher

Der preuß. Minister des Innern, v. Dallwitz, regelt
durch einen Erlaß daS Züchtigungsrecht der Hausväter
in den weiblichen Fürsorgeanstalten. Er hält die körper-
liche Züchtigung schulentlassener Mädchen durch An-
staltsorgane ohne Zuziehung eines Arztes für zulässig.

Na natierlich! Warunt ooch nich?

Ma kann doch Mä'chen, die schon erwachsen,
Ohne Schaden sicherlich
Zu 25 Prügeln verknaksen!

Sie sin doch merschtendeels jut jebaut,

Un ick sage immer: der Weg zur Seele
Jetzt durch de Haut! Jut durchjehaut
Is halb erzogen, liebe Adele!

Da brauch ich keenen Psychiater,

Der lange de Iöhren untersucht!

Nischt als 'n strammer Zuchthausvater,

—: 'n Vater, ders Haus hält in strammer Zucht

En richtjer Pädajoge packt
De Schose jleich an bei 'n richtjen Cndeil!
Schon der olle Uhland sagt:

Et mllß sich Allens, Allens wenden!

Ma kann de Menschen durch die Bank,
Wenn ma will, pletzlich zu Umkehr bringen
Un niit eenem Rohr direktemank
Bis zum Sitz der Unnioral dringen.

Na also! Druff uf de Mägdelein!

Ik will nich nur Minister for Inners,

Nee, ooch des Hintern und Vordern fein —
Is bet nich ’n Feudallwitz, Spinners?

A. I>e Xora

*

Vor Ultimo

Kunde (im Bankhaus): „Erlauben Sie, könnt'
ich das Türkenlos hier nicht gegen ein Sanitäts-
los eintauschen?"

A. Schimdhammer

Bußtag Der Diplomaten im Berliner Dom

mit unf’vev Macht ist nichts getan —
wir sind gar bald verloren —

Es fehlt bei uns der rechte Mann —
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
[nicht signierter Beitrag]: Vor Ultimo
Monogrammist Frosch: Türkische Reklame-Marke
A. De Nora: Dallwitz als Erzieher
Karlchen: Abdul Hamids Heimkehr
Karlchen: Telephongespräch
Arpad Schmidhammer: Bußtag der Diplomaten im Berliner Dom
Karl Arnold: Botschaft vom Himmel
Bim: Der sanfte Heinerich
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