Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Strom im indischen Urwald

Seit tausend Jahren fließt er durch den Wald
Und sieht der nackten braunen Menschen

Hütten

Aus Holz und Rohrgeflecht erstehen

und vergehn.

Sein braunes Wasser wälzt im lauen

Schwall

Laub und Geäst und dunklen Urwaldschlamm
Und gährt im glühend steilen Sonnenbrand.
Nachts kommt der Tiger und der Elefant
Und badet lärmend feine schwülen Kräfte
Und brüllt in dumpfer Wollust durch

das Dunkel.

Am Ufer rauscht im trüben Schlamni und

Rohr

Das schwere Krokodil, heut wie vor tausend
Und hunderttausend Zähren; scheu und

schlank

Bricht durch das Schilf der wilde Jaguar.
Hier leb ich stille Tage hin im Wald
Zn rohrener Hütte und aus leichtem

Einbaum,

Und selten rührt ein Klang der Menschenwelt
Verschlafene Erinnerungen wach.

Am Abend aber, wenn die rasche Nacht
Sich feindlich naht, steh ich amFluß und lausche,
Und höre da und dort und fern und nah
Gesang von Menschenstimmen in der Nacht.
Das sind die Fischer und die Zäger, die
Zm leichten Boot der Abend überrascht
Und denen kindlich tiefe Furcht das

Herz erschüttert,
Furcht vor der Nacht und vor dem Krokodil
Und vor den Geistern der verstorbnen Brüder,
Die Nachts sich regen überm schwarzen Strom.
Fremd ist das Lied und mir kein Wort vertraut,
Und klingt mir doch nicht anders als daheim
Am Rhein und Neckar mir ein Abendlied
Der Fischer oder Mägde klingt: ich atme Furcht
Und atme Sehnsucht, und der wilde Wald
Und fremde dunkle Strom ist mir wie Heimat,
Weil hier wie allerorts, wo Menschen sind,
Sich zage Seelen ihren Göttern nähern,
Den Schreck der Nacht beschwörend

durch ein Lied.

Heimkehrend in der Hütte kargen Schuß
Leg ich mich nieder, ringsum Wald und Nacht
Und gläsern schrillender Zikadensang,

Bis mich der Schlaf entführt und bis der Mond
Die bange Nacht mit kühlem Schimmer tröstet.

Hermann Hesse

Der Edison der Tierwelt

Von Othmar Sterzinger

Ich war Reporter für die Tagesausgabe des
großm Stundenblattes: „Die Stunde."

Als solchem war mir ein Besuch bei Satan
Butterblank, dem großen kalifornischen Tierzüchter,
gestattet worden. Wie alle großen Amerikaner
hatte auch er sich aus kleinen Anfängen empor-
geschwungen. Ursprünglich Abdecker, hatte er sich,
angeregt durch seinen Landsmann Luther Burbank,
der die kernlose Pflaume und andere Merkwür-
digkeiten gezüchtet hat, als solcher viel mit ver-
wandten zoologischen Versuchen beschäftigt und
eine Hunderasse zustande gebracht, welche um den
Hals eine wulstige Hundeketten-Rinne trug, so

Das Haus im Walde

Ferd. Alb. Burger

daß ein Verlieren der Kette und der Marke von
da ab ausgeschlossen war. Dadurch war es ihm
gelungen, die Aufmerksamkeit und Unterstützung
des großen Menschen- und Tierwohltäters Car-
negie zu erhalten, bevor dieser noch sein ganzes
ungeheures Vermögen zu Prüniien für das Ein-
fangen von: Winde fortgewehter Hüte verschenkt
hatte. Als ich vor seiner Farm angelangt war,
staunte id)_ über die ungeheure Größe seines Besitz-
tums. Die Umfassungsmauern schienen wie mit
wieselartiger Geschwindigkeit in die Ferne zu
laufen und dennoch kein Endziel zu erreichen.
Das Portal aber stellte einen riesenhaften Ple-
siosaurus und ein ebenso riesenhaftes Kamel dar,
die sich als Symbol der alten und der neuen Zeit
in der Höhe mit einem innigen Bruderkusse ver-
einigten. Die Tür öffnete sich von selbst und
schloß sich nach meinem Eintritte wieder herme-
tisch. Eine Art Läutewerk ertönte und rief mir
zu: „Bitte oblegen, drittes Zimmer rechts!"

Als ich dort eingetreten war, ging mir Satan
Butterblank sofort entgegen und begrüßte mich
auf das herzlichste. Fast wäre ich dabei über
einige merkwürdig lange braune Würste gestolpert,
die sich heiser kläffend im Zimmer herumwälzten.
„Sie machen gleich schon Bekanntschaft mit meinen
Schöpfungen!" lachte Butterblank. „Das sind
meine fechsbeinigen Dackel. Sie haben sicher-
schön einzelne dieser Tiere gesehen, deren Leib
so lange war wie eine 10-Mark-Wurst. Ich
wählte immer die längeren aus, schließlich be-
rührten die mittleren Zitzen eines Weibchens den
Boden, sie verhärteten sich, verloren ihre ursprüng-
liche Funktion und wurden zu Füßen. Die ließen
sich dann leicht auf die Männchen fortpflanzen
und das Ergebnis sehen Sie hier. Es ist eigent-
lich mehr eine Spielerei, aber kommen Sie, Sie
werden schon wertvollere Schöpfungen zu sehen
bekommen," unb führte mich in seine Gärten.

Aus den Wiesen hinter dein Hause weidete
eine Herde Rinder, deren ganzer Leib mit großen,
grauen, hornartig:n Schuppen bedeckt war. „Das
sind unsere Panzerochsen," sagte Butterblank,
„denen als Zugvieh für unsere Armee eine große
Zukunft bevorsteht. Ich war einmal einen Sommer
in Tirol und erblickte dort sehr viele Kühe, deren
Füße und Lenden ganz mit großen und dicken
Schuppen bedeckt waren; durch Veredlung dieser
Eigenschaft und deren Ausdehnung über den
ganzen Körper gelang es mir dann, diese kugel-
sichere Rasse hervorzubringen."

„Was haben denn deren Wärterinnen für
glänzenden Schmuck in ihren Haaren?"

„Das ist gleichfalls eilt Produkt, dessen
Stammland Österreich ist. Das sind die Dia-
mantenläuse. Sie entstanden durch Kreuzung
der gemeinen Kopfläuse mit einer bestimmten
Art von Schildläusen. Die slawischen Völker
des Südens und Ostens Europas sind meine
besten Kunden. Der König Nikita selbst —
Sie sehen," unterbrach er sich, „man kann
das Angenehme nicht nur mit dem Nützlichen,
sondern auch mit dem Unangenehmen ver-
binden."

Einige Hunde liefen an uns vorüber. „Das
sind aber doch gewöhnliche Hunde," bemerkte ich.

„O nein!" erwiderte Butterblank, „das ist
der cani8 acactilis, der exkrementenlose Hund.
Es ist mir durch meine Studien gelungen,
den Chemismus der Eingeweide des Hundes
derart zu verändern, daß die Ausscheidungs-
produkte gasförmiger Natur sind. Ein ähn-
liches Problem beschäftigte mich auch bei eineiu
anderen Tiere," fuhr er fort, „die Pferde, die
dort grasen, sind das Apfelpferd, eguu8 äeks-
ren8 malum. Dessen DejeKte sind wirkliche
Äpfel."

Ich drückte ihm mein ungeteiltes Erstaunen
aus, er aber lächelte nur und führte ntich
weiter.

So zeigte er mir, jedes in dem erforder-
lichen Landschaftsmilieu, den fliegenden Polizei-
hund und das Briefkasten- oder Postbeutel-
Känguruh, dessen Zucht von der österreichischen
Postverwaltung zur Minderung des deutsch-
tschechischen Sprachenstreites in Bestellung ge-
geben wurde. Sie war schon so weit fortge-
schritten, daß auf dem Beutel die Züge des öster-
reichischen Wappens deutlich zu erblicken waren.
Ferner die Prophetenbart-Gemse, ein begehrter
Artikel für den Orient, den stimntlosen Dober-
mann-Pinscher, das Heliotroptier, hervorgegangen
aus dem Moschustiere, wobei nur der Moschus
der Afterdrüsen durch den Heliotrop ersetzt wurde.
„Ich hoffe, dieses so klein zu züchten," sagte
Butterblank, „daß es die Damen in ihren heut-
zutage ohnehin großen Muffen verbergen können.
Sie brauchen dann nur mit dem Taschentuch auf
die Drüse zu tupfen, um es frisch parfümiert zu
bekommen." Besonders muteten mich die Boa-
Kaninchen an. Das waren Karnickel mit so rie-
sigen Ohren, daß sie zweimal um den Hals einer
Dante geschlungen werden können, einem kleinen
Leib tmd einem herrlichen Pelze. Der Verschluß
entsteht dadurch, daß die Tiere sich selbst in die
Ohrenenden beißen. Sie erzielten enorme Preise.

Ich war mit meinen Ausdrücken der Bewun-
derung noch nicht zu Ende, als merkwürdige Töne
aus den nächsten großen Glashäusern meine Auf-
merksamkeit erregten. „Dürfte ich fragen," sagte
ich, „was diese vielen Grammophone in der Nach-
barschaft für eine Bedeutung haben?"

„Das sind keine Grammophone, das sind meine
Singvögelzuchten: Caruso-Amseln, Nachtigallen,
welche Isoldes Liebestod schlagen, Auf-in-den-
Kampf-Torero-Spechte u. s. w. Aber Grammo-
phone habe ich schon auch. Die werden gespielt
und die Vögel müssen singen, während die Wärter
kontrollieren, ob alle Töne richtig getroffen wer-
den. Manche Vögel treffen gewisse Töne gar
nicht und da muß ich so lange züchten, bis ich
ein Exentplar gefunden habe, das den Ton trifft.
Sie sehen, es ist eine ftirchtbare Arbeit, ich be-
schäftige dabei fünfzehn Leute. Bor allem muß
die Begattung vorsichtig überwacht werden. Es
passierte einmal, daß sich eine Liebestod-Nachti-
gall mit einer Walzertraum-Nachtigall paarte.
Die Mißtöne aus den Kehlen der Jungen können
Sie sich denken. An Vögeln bin ich überhaupt
am reichhaltigsten, hier sehen Sie den Kinder-
geschrei-Papagei. Sie werden fragen, ob so etwas
jemand wünscht. O ja! Es bestand schon früher
eine steigende Tendenz nach stark schreienden Pa-
pageien. Manches kinderlose Ehepaar, sogar
mauche Jungfrau, wie unsere Spinsters, wünschen
nun Kindergeschrei an Stelle der früher üblichen
Metalltöne. Sie sehen noch die Abendgebet-Eule,
den stundenschlagenden Kuckuck, eines der ein-
fachsten Produkte, und als praktischsten Fall die
Stahlfedern-Gans, welche statt der Kielfedern

eniber

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Othmar Sterzinger: Der Edison der Tierwelt
Ferdinand Albert Burger: Das Haus im Walde
Hermann Hesse: Strom im indischen Urwald
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