Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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Der ?ort$cI)ritti$$imo-?ex

Bsn Fkitz Müller (Zürich)

Es gibt einen Fortschritt, der ist
prachtvoll. Der verdicktes und ver-
brauchtes Blut hellrot steigen läßt in
flüssiger Säule.

Und es gibt einen Fortschritt, der
unleidlich ist. Der Fortschrittissimo-Fex
pflegt ihn.

Wenn der Fortschrittissimo-Fex über
den wirklichen Fortschritt gerät — dann
gnad ihm Gott. Er reitet ihn zu
Schmiden. Kein größrer Feind für-
wahren Fortschritt als der Fortschritts-
fex. Mit dem Rückschritt wird der
Fortschritt fertig. Aber mit dem Fort-
schrittsfexen . . .

Der Fortschrittsfex wacht auf und
brüllt im Bett: „Nieder mit dem Rück-
schritt! Ich bin für den Fortschritt!"
Dann trinkt er seinen Kaffee im Bett
aufs Wohl des Fortschritts in der
Bedienung.

Der Fortschrittsfex zieht sich an.
Gr hat die fortschrittlichsten Hosenträger,
Patentissimo. Auch seine Socken sind
mit D. R. P. versehen. Er sagt, es
sei eine Schande für den Fortschritt, daß
es noch keine selbsttätigen Hosen gibt.
Ein Patent auf eine Bügelfalte ist ihm
nicht genug. Er hat dies Patent noch
patentieren lassen.

Der Fortschrittsfex liest die Zeitung
beim Kaffee und teilt den Seinen mit,
daß alle Minister blöde Tröpfe seien.

„wie gehts den mit Eahnane Holzmafchanz'ga *), Frau
Nachbarin?"

„<l> mei! — Früahra ham halt d' Leut Lhristbaum-Apfi aus
Religiosität kaaft, heutz'tag aba soll alles zum freff'n fei’ I"

*) Line mindere Apfelsorte.

Und es sei ein Skandal, daß der Reichskanzler beim letzten Ministerrat
in der Nase gebohrt habe. Und wo da die Volkswohlfahrt hinkäme?

Die Volkswohlfahrt ist überhaupt sein drittes Wort. Unter
Volkswohlfahrt versteht er einen Aderlaß an allen Portemonnaies,
das seine ausgenommen. An diesem ist er überhaupt empfindlich.
Mit vollem Recht. Denn das ist für ihn der blanke Rückschritt.

Der Fortschrittissimo-Fex macht grundsätzlich den zweiten Schritt
vor dem ersten. Stolpert er dabei, so sind die gottverfluchten Fall-
stricke des Rücktritts daran schuld. Wenn auf weiter Flur kein

Rückschritt zu entdecken ist, so wird
der Fortschrittsfex erst rasend:

„Das eben ist der Rückschritt," schreit
er, mit den Armen fuchtelnd, „daß
keiner da ist!"

Der Fortschrittissimo-Fex hat sich
ein Haus bauen lasten. Es ist von
oben bis unten Fortschritt, vom Fort-
schrittsbeton im Keller bis zu den Fort-
schrittsziegeln auf dem Dache. Die
Fortschrittsziegel kommen ihn unglaub-
lich billig. Er hat dem Fabrikanten
zwanzig Prozent abgehandelt und sich
verpflichtet, alle Leute, welche ihn be-
suchen, auf die Fortschrittsziegel auf-
merksam zu machen.

Der Fortschrittsfex hat das W. C.
in seinein Hause mit einem patentierten
Springbrunnen versehen, der Patschuli
zerstäubt, während ein Grammophon
die allerletzten Carusoweisen ertönen
läßt.

Der Fortschrittsfex hat einen kom-
biniertenBenzin-Elektro-Azetylen-Fern-
zünder für seine Zigarren.

Der Fortschrittsfex hat einmal eine
donnernde Rede im Stadtrat gehalten
für den fortschrittlichen Durchbruch der
Bahnhofstraße. Wieder mit Fug und
Recht. Denn eine Woche vorher hat
er sich das betreffende Grundstück durch
einen Strohinann gesichert.

Im späten Alter ist der Fortschrit-
tissimo aus seiner Heimat fortgeschrit-
ten und in ein Land gezogen, das die
Erbschaftssteuer noch nicht kennt.

Lei etwaigen Bestellungen bittet man auf die Münchner „JUGEK1)“ Bezug zu nehmen.

1612
Rudolf Hesse: Weihnachtsmarkt
Fritz Müller: Der Fortschrittissimo-Fex
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