Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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shellep's Laute in der Universitäts-
Vibliothek zu Word

Zwischen alten Büchern, dunklen Bildern
3n dem hochgewölbten stillen Saal»

Blieb ich stehen, denn mit bunter», nüldcrn
Farben spielte dort ein Sonnenstrahl.

Und er glänzte, glitzerte und strahlte
Uber einen gläsern kleinen Sarg,

Der mit Liederheften eine buntbemalte,
Eines Dichters stumme Laute barg.

Sie verblieb uns mit dem Blumenbande,
Das sich um der Liebsten Schultern schlang:
Seine Lieder aber summen noch im Lande
Summen ewig fröhlichen Gesang.

Da gedacht ich, wie du sangst und spieltest,
Mädchen, manchen schönen Abend lang,
Und mich dann in deinen Armen hieltest,
Und wie tief das Herz erklang!

Alfons paqudt

Die Brüber Comark auf BborD

Von Ludwig NordsirLnr

Bei einem Sonntagsfrühstück Ende August ge-
schah cs, daß Torsten Lomark nicht mußte, ob er
Pfannkuchen essen sollte oder nicht. Darum nahm
er eine Krone aus der Tasche und ließ sie auf
dem Tischtuch schnurren.

„Wenn der ,Alte' obenaufkommt, dann esse
ich Pfannkuchen. Sonst nicht!" sagte er.

Sein Bruder Philipp, bei dem er diesen Som-
mer zu Gaste war, wischte sich den Mund und
sagte mit bekümmerter Mienen

„Mußt du wirklich eine Münze auswerfen,
um zu wissen, ob du Pfannkuchen essen sollst
oder nicht?"

„Ja natürlich," antwortete Torsten. „Glaubst
du vielleicht, daß es einen freien Willen gibt?"

Der „Alte" kam obenauf.

„Also esse ich Pfannkuchen," sagte Torsten und
bediente sich. „Übrigens gefällt es nur, daß du
ani Sonntagsmorgen Pfannkuchen hast, das er-
innert mich an unsere Kinderzeit. Sonst ist Pfann-
kuchen gerade kein Gericht für einen Millionär."

„Doch, mit viel Eiern drin!" sagte Philipp,
und er war Millionär. „Aber was mir nicht ge-
fällt, ist, daß dein Wille so ungemein, wirklich so
ungemein schwach ist, Torsten. Mit einem solchen
Willen bringst du es nicht weit. Der Wille soll
bei einem erwachsenen Manne fest und bestimmt
sein."

„Nicht immer, lieber Philipp!" sagte Torsten.
„Es kann sogar ungeheuer delplaziert sein, einen
zu festen Willen zu haben. Zm übrigen, mein
lieber Bruder, dürfte wohl jeder Mensch sein be-
stimmtes Quantum geistiger Energie mitbekommen
haben. Bei dir hat sie infolge von Umständen,
die weder dir noch mir bekannt sind, die Form
des Willens angenommen, bei mir die von Ge-
danken und Phantasie. Du versuchst, auf die so
elende Phünonienenwelt einzuwirken, die nebenbei
ganz lustig ist, ich aber sehe ein, daß ich dazu ge-
boren bin, in ganz anderer Weise zu funktionieren."

„Wie funktionierst du denn?" fragte Philipp.

„Alle sind nicht für die Arbeit geboren!" ant-
wortete Torsten. „Zch verstehe meine Stellung
sehr gut. Man war so freundlich, in den vor-
hergehenden Generationen Geld anzusammeln:
du bist so freundlich, es in ganz tadelloser Weise
zu verwalten. Lonelusio: ich kann mich ruhig der
Beschäftigung hingeben, nichts zu tun. Zmmer-

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St

Alwin Seifert

hin einer weniger in der irdischen Konkurrenz,
und einer mehr in der himmlischen, beides aus
philantropischem wie aus religiösem Gesiä>tspunkt
gleich wünschenswert. Aber übrigens: Leihemir
eins deiner ausgezeichneten Dampfboote, ich habe
Lust, in die Stadt zu fahren und dort herumzu-
gehen und mich in meine Zugend zurückzuträumen."

„Jugend!"

„Nun, Kindheit, wenn du willst. Gestatten
Herr Disponent?"

„Und mich läßt du allein auf dem Lande,
damit ich mid) einen ganzen öden Sonntag hier
durchlangweile!"

„Wenn du es nicht vorziehst, niitzukommen.
Die Escadre liegt an der Rhede, es ist Sonnen-
schein und schönes Wetter. Wir nehmen eine
Flasche Whiskey und ein paar Flaschen Soda
mit. Wir essen zu Mittag und trinken ein Glas
Pol Roger. Zch treibe mich herum, du findest
vermutlich irgend ein Mädchen, das du ganz ver-
gessen hast, wir essen ein gutes kleines Souper,
und vor Mitternacht sind wir wieder daheim, du
mit deinem Willen, und ich mit meinen Grübe-
leien und meiner Phantasie. Wir schlafen unsere
acht Stunden auf den Ausflug, und am nächsten
Morgen stehen die Pferde gesattelt und warten.
Lockt dich das nicht?"

„Ja, vielleicht sollte man sich ein bißchen aus-
lüfte»," sagte Philipp. „Aber dann fahren wir
nicht direkt hinunter, sondern erst ins Meer hin-
aus und um den Leuchtturni herum und von
dort hinein."

„Unendlich gerne!" sagte Torsten. „Nichts
lieber, als ein paar Mundvoll Meerluft als Zu-
gabe zum Whiskey und zur Havanna."

Bald verließ ein Propeller den Gartcnkai von
Abord und fuhr ins Meer hinaus.

Es war ein behaglicher Tag, die Sonne
wärmte, und das Wasser glitzerte, und über die
hohe Küste glitten die Schatten der Wolken des
Himmels.

Die Brüder Lomark saßen jeder in einem Korb-
stuhl und lasen jeder einen französischen Roman,
jeder hatte seine gute Zigarre und jeder seinen
kühlen Grogg.

Torsten ließ das Buch sinken und betrachtete
die Berge.

„Daß muß man zugeben," sagte er, „die Land-
schaft ist grandios. Und doch bin ich nicht voll-
kommen befriedigt. Das Ganze ist zu primitiv.
Woraus besteht es? Hunderte Meter hohe Gra-
nitkegel, und auf diesen Kegeln schwarzer, trost-
loser Nadelwald. Weiter ein paar kleine ver-
streute Neubauten, diese gewissen moosgrauen
Kätnerhütten und hellroten Bauernhöfe. Und
dann hier und dort eine weiße Kirche wie ein
zum Trocknen hingehängtes Hemd, und im übrigen
Buchten, bis endlich das Meer kommt tind der
Horizont mit seiner unendlichen Schlittenbahn

hinaus in die Ewigkeit. Hah. Das stimmt
niemanden froh!"

„Dafür sind wir auch ernst," sagte Philipp
hinter seinem Buch. „Obendrein bildet man sich
noch was drauf ein, so schwerfällig zu sein, als
trüge man all den Granit in sich."

„Sieh nur!" Torsten wies auf die Küste. „Kein
Leben! Keine Bewegung! Keine frohe Farbe!
Kein Mensch, meilenweit. Das ist ja Sibirien
oder das Feuerland oder was du willst, und drei
Viertel des Jahres von Schnee und Eis bedeckt."

„Du sehnst dich doch her, wenn du fort bist."

„Za, und von hier weg, wenn ich da bin.
Sieh nur, jetzt, wen» eine Wolke über die Sonne
zieht! Zst das ganze Land nicht in Fries und
braune Felle gehüllt? Ach, es ist ein unheim-
licheo Land."

„Ein reiches Land."

„So weit der Wald steht."

„Dann kommt das Erz und die Wasserfälle."

„Und dann das ewige Eis des Pols. Zch
friere. Warum hast du keine Pelze mitgenommen?"

„Schweig, du Zamnrerlappen!" sagte Philipp
und stürzte einen tiefen Schluck Grogg hinunter.
„Erinnerst du dich noch an Großvater i Das war
ein Riese!"

„Za, ein Riese! Für Riesen, Berggeister,
Trolle und Hexen paßt dies Land auch, aber
nicht für Menschen."

„Perzeih," sagte Philipp. „Das ist mein Boot.
Du müßt dir andre Lokale und andre Zuhörer
für deine Betrachtungen wählen."

Und dann wurde es still auf dem Achterdeck,
während der Dampfer die Küste entlang eilte.

Torsten las nicht, er dachte an die Zalzre, die
vergangen waren. Er sehnte sich hier heraus,
wenn er fort war. Aber nicht oft und nicht so
sehr. Er hatte seine Rechnung mit dem Heimweh
gemacht, als er noch an der Universität war. Und
im Auslande vergaß er — nur nicht in seinen
Träumen — daß das Land existierte. Er be-
trachtete es als die Bedingung für das Leben,
das er lebte, und Bruder Philipp nahm in seinen
Gedanken eine ähnliche Stellung ein.

Zetzt, wo er durch Philipps Worte ein wenig
gereizt war, fragte er sich: was ist er eigentlich
für ein Mensch! Lebt jahraus jahrein in Ge-
schäften! Läuft sich in diesen wilden Bergen tod-
müde um einen Hase» oder einen Auerhahn!
Liest Romane, von denen er wenig oder nichts
versteht! Kleidet sich wie ein Ausländer, bezieht
seine Möbel, seine Stoffe, seine Schuhe, seine
Weine, seine Zigarren aus dem Ausland! Was
schwätzt er dann von diesem Lande? Es gibt
ihm die Möglichkeit so zu leben, wie die zivili-
sierten Menschen in England und Frankreich,
aber über die einheimischen Waren und Verhält-
nisse dieses Landes rümpft er unbewußt die Nase,
während er sie in Schutz nimmt.

„Nein, mein lieber Philipp, sprich du mir nicht
von Großvater, wenn du von deiner Mutter gal-
lisches Blut in den Adern hast. Du ahnst gar
nicht, daß du die Kuh der Milch wegen lobst!
Und was ist das für eine Kunst, hier zur Sommer-
frische zu wohnen, zu jagen, zu reiten und zu
segeln, wenn du dich im Winter auf Reisen amü-
sierst! Die Luft ist gut hier oben, du bist stark
und frisch, wenn du nach Paris kommst, und wie
die Wochen dort vergehen, habe ich das Ver-
gnügen gehabt, in deiner Gesellschaft zu konsta-
tieren, mein lieber Bruder."

Philipp ließ sein Buch sinken und fragte lä-
chelnd: „Woran denkst du? Du siehst so be-
wegt aus!"

„Zch denke daran, daß man doch eigentlich
keinen Willen brauäzt, wenn man fünfzigtausend
Kronen Renten hat!"

„Hast du das?"

„Du weißt doch bester, wie viel ich habe."

„Zch verdiene zwar doppelt so viel, aber ich
habe für meinen Teil, die größte Verwendung
für allen Willen, den ich nur aufbringen kann!"

„Zch verdiene nichts, und ich brauche auch
keinen Willen."

„Aber es war doch dein Wille, daß wir diesen
Ausflug machen sollten. Nicht wahr?"

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Alfons Paquet: Shelleys Laute
Ludvig Anselm Nordström: Die Brüder Lomark auf Abord
Alwin Seifert: Mondnacht
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