Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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„Ich hatte einen Impuls von irgendwo. Ich
fühlte: wenn du diesen Ausflug machst, so wird
etwas passieren, womit du zufrieden sein wirst.
Aber der Ausflug an und für sich ist inir gleich-
gültig, so wie alles, was sich ereignet und ge-
schieht, mir an und für sich vollendet gleichgültig ist."

„Wie wird man ein solches Original wie du?"
fragte Philipp.

„Man muß dazu geboren sein, vermute ich!"
antwortete Torsten mit einem Achselzucken über
die dumme Frage. „Die Escadre ist schön!"
fügte er unmittelbar darauf hinzu. „Es ist zu
lächerlich, wenn ich jetzt daran denke, daß ich ein-
mal Kadett war und in der Kriegsschule Prügel
bekam, um des Vaterlands willen. Es ist doch
ein recht lächerlicher Beruf, Militair zu sein."

„Es ist eine schöne Aufgabe!" benierkte Philipp.

„Von unserm Gesichtspunkt betrachtet, die wir
wünschen, das unsrige verteidigt zu haben. Ach ja!"

„Bist du Sozialist?"

„Ja, theoretisch!"

„Brr!" sagte Philipp. „Wie die Menschen
doch entarten können!"

Das Boot hatte am Quai angelegt und die
Brüder stiegen ans Land.

„Mittag halb fünf!" sagte Philipp. „Ich habe
ein paar Sachen zu erledigen. Adieu!"

„Adieu, mein lieber Bruder!" antwortete
Torsten, zündete eine frische Zigarette an und
schlenderte über den Quai, wo alle Menschen der
Stadt flanierten.

„Es ist doch auf jeden Fall ganz lustig,"
dachte Torsten, mit dieser Stadt habe ich gar
nichts zu schaffen, sie interessiert mich nicht: erst
in etwa zehn Jahren kann ich vielleicht anfangen,
mich für sie zu interessieren. Alles, wofür ich
mich an diesen, Ort interessiere, ist fort."

Unter den Menschen kam ein großer schlanker
junger Herr heran, er war in einen grauen eng-
lischen Anzug gekleidet, batte einen kurzen anieri-
kanischen Schnurrbart, das Haar französiscli ge-
stutzt, und sah aus wie jemand, der überall gleich
daheim oder gleich fremd ist.

Als Torsten Lomark ihn erblickte, lächelte er,
ging auf ihn zu und schlug ihn auf die Schulter,
und dann lächelten sie beide.

„Aus Paris?" fragte Lukas Abygge.

■ „Mais oui!“ antwortete Torsten Lomark und
fügte hinzu: „Aus London?"

' „Yes, Sir!“ antwortete Lukas Abygge, und
für sein eigen Teil fügte er hinzu:

„Was machst du hier?"

„Was machst du?" fragte Torsten Lomark.

„Nichts!" antwortete Lukas Abygge. „Ja,
das heißt, ich hause in meiner von den Vätern
ererbten Wohnung und esse die schlichte Haus-
mannskost der alten Appla und spare meines
Vaters Renten, so daß ich zu Neujahr fortreifen
und umso mehr hinauswerfen kann."

„Ha — ha! Ich hause daheim bei Bruder
Philipp auf Abord," sagte Torsten Lomark, „esse
und schlafe und reite, segle, jage und lese und
spare Kleingeld, präzise wie du!"

„Schwedens Zukunft!" sagte Lukas Abygge
in seiner lakonischen Art.

„Warst du übrigens nicht in letzter Zeit Jour-
nalist?" fragte Torsten.

„Natürlich!" antwortete Lukas Abygge. „Ich
wollte einen Überblick über unser vortreffliches
Gemeinwesen haben, also begab ich mich für zwei
Jahre unter die Tintenkulis, und nachdem ich
gesehen hatte, was ich brauchte, zog ich mich
zurück."

„Und dann warst du ja auch verlobt?"

„Mit Anna Hökert, ja! Na, das gehörte
dazu! Sie —"

„Ja, sie soll ja wieder verlobt sein. In Ober-
sekunda war ich ihr Opfer. Erinnerst du dich
an die Geschichte mit ihr und Iakoh Maens?
Einmal reizte sie ihn. Es ist ganz eigentümlich,
sagte er da, Anna hat ein Muttermal — weiter
kam er nicht, denn sie warf ihni einen Löffel ins
Gesicht."

„Du verwechselst zwei Geschichten!" sagte Lukas
Abygge. „Maria war es, die den Löffel warf."

„Hat sie auch ein Muttermal am Knie?"

„Ich vermute," sagte Lukas Abygge.

„Promenieren wir ein bißchen!" sagte Torsten
Lomark.

„Wenn du es nicht vorziehst, zu mir nach
Hause zu koninien und etwas zu trinken."

„Bist du Alkoholiker?"

„Teilweise. Das gehört ja zu unsrer Stellung."

„Als degenerierte, meinst du?"

„Ja."

„Na," sagte Torsten Lomark, „die Landschaft
fängt ja an, ein bißchen Kultur anzunehmen."

„Sieh, da kommt der alte Otto Envallius!"
sagte Lukas Abygge. „Wir waren viel zusammen,
damals als das ,Wolfkollegium' noch existierte.
Das war unser Sturm und Drang. Ich glaube,
Otto befaßt sich mit Philosophie."

„Nein! Was sehe ich!" rief Otto Envallius.
„Welcher illüstre Anblick! Haben die Herren
vielleicht ein Zündhölzchen?"

„Hier, alter Otto," sagte Lukas Abygge. „Zünde
dir an meiner Zigarre an."

„Und du lebst also noch immer weiter in dieser
alten Stadt, Otto?" fragte Torsten Lomark, ein
wenig neugierig und ein wenig degoutiert.

„Noch innner? Ja natürlich. Ich bin nicht
Millionär wie die Herren!"

„Und liest deine Autoren?" sagte Lukas Abygge.

„Ja, ja, freilich! Und zähle Knöpfe! Für
meinen bescheidenen Lebensunterhalt."

„Sehnst du dich nie von hier fort?" fragte
Torsten Lomark, und er sah Otto Envallius an,
so, als ob dieser schlecht riechen würde.

„Bon hier fortsehnen? Gar nicht! Wonach
sollte ich mich sehnen?"

„Zu reisen!"

„Reisen! Kant verließ Königsberg nie. Gleich-
wohl bildet er eine Epoche in der Geschichte des
Denkens."

Torsten Lomark betrachtete das kleine wun-
derliche Männchen mit den unförmlich großen
blauen Augen, in denen er nicht jene Fackel ent-
decken konnte, die eine neue Epoche in der Ge-
schichte des Denkens erleuchten sollte. Und er
erschauerte.

Nachdem Otto Envallius sich entfernt hatte,
wandte sich Torsten Lomark an Lukas Abygge.

„Rein herausgesagt, Lukas," sagte er lächelnd.
„Ja, wir sind doch beide versierte Leute! Also,
hier hast du meine Hand! Wir werden wohl
draußen im Leben wieder auf einander stoßen.
Wenn wir ein bißchen mehr mitgemacht haben
und mit den, einen oder andern fertig zu werden
beginnen. Leb wohl, lieber Freund!"

„Leb wohl indessen, lieber Torsten!" sagte
Lukas Abygge. „Ich merke, daß wir uns noch
immer verstehen, und das freut mich. Auf näch-
stens also!"

Damit trennten sich die beiden Freunde, und
jeder ging seinen Weg weiter.

Torsten Lomark benierkte auf seiner Pro-
menade, daß die Frauen der Stadt ihre Art, sich
zu kleiden, vollkommen geändert hatten, und
namentlich die Jüngern trugen jetzt Toiletten, die
ihren Körper hervorhoben und ihre mehr oder
weniger achtungswerte Schönheit betonten. Er

hatte den Eindruck, daß hier oben im Winter-
lande Menschen herangewachsen waren, aber als
er die Gesichter, die Bewegungen ansah und die
Stimmen hörte, merkte er sogleich, daß sich unter
der menschlichen Hülle die Gedanken und Träume
von Bauern und Nomaden bargen.

Welche wunderliche Erscheinung ist nicht Lukas
Abygge unter all diesen! dachte er. Welche wun-
derliche Fig.r müssen nicht auch Philipp und ich
machen! Kommt es daher, daß Frau Abygge
Irländerin war und unsre Mutter Französin?
Ja, woher sollte es sonst wohl kommen! —

Die Kirchenglocken läuteten, als die Brüder
Lomark sich zu Tisch setzten, sie läuteten zum
Abendgesang. Der ganze Raum schien sich in
dem Glockenklang zu wiegen, aber der kleine
Musikgarten lag sonnig und hell da, und die
Baumwipfel regten sich nicht. Weiße Wölkchen
glitten darüber hin.

„Hast du eine Dame getroffen?" fragte Torsten.

„Wie war es doch?" antwortete Philipp, ein
wenig zerstreut, aber mit einen« Lächeln. „Habe
ich eine getroffen ... ich kann mich nicht recht
entsinnen."

„Immer derselbe Gentleman!" sagte Torsten
und hob das Champagnerglas. „Noch hast du
mir nie eine Frau verraten, Philipp! Ich be-
wundere dich. Dein Wohl!"

„Es ist die erste Pflicht eines Gentleman
Frauen vis-ä-vis, sich nie an etwas zu erinnern.
Merke dir das, Torsten. Alle Liebe muß auf
Wasser geschrieben werden. Dein Wohl!"

„Unsere Gesichtspunkte divergieren hedeutend,
fürchte ich," sagte Torsten.

„Ich fürchte, daß die Frauen mit meinem
mehr einverstanden sind als mit deinem."

„Das dürste davon abhängen, um was für
Frauen es sich handelt. Wir haben natürlich
verschiedene Qualitäten. Und du siehst das ganze
vermutlich etwas von oben herab an. Na, ich
glaube es wenigstens, du bist ja ein kühler Ge-
schäftsmann."

Philipp lachte, und die beiden brachten ein
paar angenehme Stunden in Gesprächen über
die Frauen zu. Schließlich rief Philipp:

„Wir sind doch auf jeden Fall moderne Kultur-
menschen. Wir trinken Champagner und rauchen
auserlesene Havannas. Wir sind tip-top vom
Scheitel bis zur Sohle. Wir führen eine Kon-
versation wie im besten Restaurant von Paris.
Es lebe die Kultur!"

Torsten stieß an und lächelte, und Philipp er-
hob sich, hoch, stattlich, mit seinem frischen Ge-
sicht, seinem glitzernden Bart und seinen schwarzen
Augen.

„Adieu, mein Bruder!" sagte er lachend. „Die
Geschäfte des Tages sind noch nicht abgeschlossen,
wir treffen uns am Abend hier."

Und damit ging er.

Torsten stand auch auf und flanierte weiter,
und nun war es dämmerig unter dem blauroten
Abendhimmel, ja im Zwielicht sah »inn schon
ein paar stechende Sternchen. Und init der Dunkel-
heit kamen die Phantasien.

Aber wo ist mein altes Obacka? dachte Torsten.
Dies ist etwas ganz andres. Das ist eine xbe-
liebige Stadt, in der ich zufällig ein paar Stunde»
zubringe. Ist es mit mir dahin gekommen, daß
ich nirgends mehr richtig daheim bin? Ich ziehe
herum und reise, und alle Orte sind im Grunde
gleich fremd, gleich verschlossen und zufällig. Keine
Bande! Keine Bande! Nur weiter treiben, wo-
hin cs nun führen mag. Na, es geht, solange
es eben gehen soll.

So flanierte er, sah die Rhede von den Laternen
der Escadre ausfunkeln und plötzlich von einem
Scheinwerfer in Licht gebadet: und unaufhörlich
erklangen Schritte rings um ihn, Kleider rauschten
und die Zeit ging, während über den Dächern
die Sterne seiner Kindheit hervorkamen und ebenso
groß und prächtig leuchteten wie damals.

Als er in das Restaurant zurückkehrte, war
der kleine Musikgarten überfüllt, Uniformen glänz-
ten, und die Hüte der Fraiien bewegten sich un-
ruhig in der schimmernden Dunkelheit, die Musik
strahlte aus dem Musikpavillon aus, und hinter
Bäunien und Sträuchern brannten bengalische
Feuer. Aber drinnen, in der Veranda, an einem
Fenster, hatten die Brüder Loniark ihren reser-
Max Frey: Domino
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