Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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A. Schmidhammer

Gemütliche Räuber

„Und was zahlst Du uns als Entschädigung für unsere Bemühungen?"

Iagowiana

raltfertft'feem °^c "Odern Blätter eingehende Cha-
8^brach? des "euen Staatssekretärs von Iagow
De! ^"en, dürfen wir nicht Zurückbleiben.
Gotilie,, Staatssekretär heißt mit Vornamen
Dag tn’ Mt ober sonst ein anständiger Mensch,
»ich, ni Qm Flusse seines Namens spricht er
kreiig,, ' v, 0^02 auf Verschwiegenheit und Dis-
Vnter« läßt. Er ist ein Sohn seines

in m ""d der Gemahlin des letzteren, und ist
der dr? n Stücken dem Vater, in anderen wieder
luchte U**e.v *c’*s ähnlich, teils unähnlich. Er be-
griff r ^'nächst die Schule, studierte dann und er-
führc nter ^’c diplomatische Laufbahn. Alle Wege
ein \nai^ Rom; einen von ihnen schlug Iagow
die dichte auf ihm die Hauptstadt Italiens,

, j.uor allen anderen Städten dadurch aus-
ist ^otz sie nicht in einem Tage gebaut worden
^as Äußere des Herrn von Iagow ist durch-
>s persönlich, sein Inneres ist charakteristisch,
vi.if lner .bisherigen Laufbahn beschäftigte er sich
s lach mit seinen dienstlichen Aufgaben, während
(?ne. .ästigen Interessen außerdienstliche waren,
sein ^ r -n’e den Tag vor dem Abend. Bon
sund^ Wundheit ist zu berichten, daß er eine ge-
bedin , ^ in einem gesunden Körper für un-
di,.s"iii nötig hält: wie wenig egoistisch er in
vst "'.paukte ist, beweist der Umstand, daß er
die Gesundheit anderer trank,
wir '|U^ ober seine politischen Gesinnungen haben
."'"befragen lassen. Er antwortete freundlich:
und^ r • rc^*e weder den Frieden. noch den Krieg
ballt a '^derzeit bereit, jedem Europäer die ge-
baut, ^ zu reichen. Wer mit mir zu ver-
»un ^ l>at es sich selbst zuzuschreiben. Was
anb Günstiges Verhältnis zum Reichstag
au ^ erkenne ich gern an, daß der letztere

s allgemeinen, direkten und geheimen Wahlen
. ^Oargeht, und daß seine Mitglieder Diäten be-
)en." Daß er übrigens — im Gegensatz zu

seinem Vorgänger — von der Presse eine sehr
hohe Meinung hat, beweist seine Schlußbemerkung:
„Übrigens kann ein Zeitungskorrespondent mehr
fragen, als zehn Diplomaten beantworten können."
Er schützt einen Journalisten offenbar höher, als
zehn Diplomaten.

Frida

Hit XTbeodor CeTTing

(frei nach Gotthold Ephraim)

Du hast den „guten Ruf" zersäbelt,
Noch eh' er trat ms Leben ein.

— Wir wollen weniger vermöbelt
Und mehr korrekt behandelt sein!

Kartellen

Das Berliner Sechstagerennen Theater-Anschriften

Was ist geschehn? Was regt die Geister,

Die führenden, zum Kampfe auf?

Was rennen Lehrlinge und Meister
Zum Kampfplatz hin in wildem Lauf?

Sie wachen froh des Tags und pennen
Des Nachts bei dem Sechstagerennen.

Und während laut die Menge trampelt,

Von milder Kampfesgier erhitzt,

Da wird gestrampelt und gestrampelt,

Gestöhnt, geächzt »nd, ach, geschwitzt.

Von seinem Rad kann sich nicht trennen
Der Champion im Sechstagerennen.

Vom Himmel blickeil Schiller, Goethe
Und Kant mit staunendem Gesicht.

Sie spielten einst die erste Flöte,

Doch so was konnten sie, ach, nicht.

Sie sehen neidisch ans das Könne»

Der Helden vom Sechstagerennen.

O Volk der Denker, nie verzage!

Du hast es ja so weit gebracht!

Du strampelst jetzt nicht nur bei Tage,

O »ein, du strampelst auch bei Nacht.

Sei stolz, du kannst ja dein es nennen,

Das rühmliche Sechstagerennen.

Und stürzt ein Held auch im Gewinunel
Und wird der Schädel ihm zerfetzt,

So tröstet euch, denn — Dank dem Himmel —
Ist ja kein edler Teil verletzt.

Laßt nur von neuem drum entbrennen
Den Kampf um das Sechstagerennen.

Frida

Im „Bühnen-Roland" wird eine Zusammen-
stcllung von Inschriften au Theatern gegeben.
Darunter finden sich manche in Versform, z. B.
in Gießen:

Ans der Kräfte schön vereintem Strebe»
Erhebt sich wirkend erst das wahre Leben.
Oder am Stadttheater in Freiburg:

Des Lebens Spiegelbild
Im Lieben und im Hassen
Soll Kunst verklärt und niild
Uns hier erscheinen lassen.

Alle die Inschriften zeugen von einem löb-
lichen Idealismus. Aber ich kann mir Inschriften
denken, die dem Zeitgeist mehr Rechnung tragen.
Sehr schön würden sich beispielsweise an einem
modernen Theater die Worte ausnehmen:

Die hohe Kunst soll unbeirrt
Hier Herz und Geist erheben.

Das Datum des Konkurses wird
Demnächst bekannt gegeben!

Oder an einem Theater in Spreeathen:

Ich bin aus gepumptem Gelde erbaut,
Doch fehlt es mir trotzdem am Baren!
Wie schmettern heute so laut, so laut
Die Eröffnungs - Reklame - Fanfaren!

Und morgen schon wird mit Protokoll
Der Gerichtsvollzieher erscheinen —

Die Kunst lacht sich den Buckel voll,

Die armen Gläubiger weinen!

Oder an einem Provinztheater:

Hier steht ein schönes Bühnenhaus,

Doch ringt drob nicht die Hände:

Es wird schon noch ein Kintopp draus,
Bevor das Jahr zu Ende!

Kartellen.
Frido: Das Berliner Sechstagerennen
Arpad Schmidhammer: Gemütliche Räuber
Karlchen: An Theodor Lessing
Karlchen: Theater-Inschriften
Frido: Jagowiana
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