Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Die klassische Brotkarte

Der Berliner Magistrat Kat als Kennworte für seine
neue Brotkartenserie die Namen GoetKe, Schiller,
Leasing und Kleist gewählt. Über die Zusammenhänge
zwischen der Institution der Brotkarte und den Namen
der genannten Klassiker bestand zuerst einige Unklar-
heit. Ein langjähriger Freund , " U

Dichter im Herzen des Volkes in Jestalt der Brot-
karte eenen Denkzettel zu Setzen.“

Franzt aus BtrUi

ElnNasenstüber

^'wischen der Institution der Brotkarte und aen ixau.*.-
genannten Klassiker bestand zuerst einige Unklar-
TV*\ ^anß)ährigcr Freund unseres Blattes, Herr
ermeister Palleske in Berlin, Vorsitzender des
a Cater~ Un<^ ^ergnügungavereins „Apollo“, hat nun
währT ‘ CJ^ner Mitarbeiter eine Unterredung ge-
ln er er über die Beziehungen der genannten
erren zu^ ,om;t zur Brotkarte

kl V°H '"Zungen machte. „Sebnse mal,“ er-
..w»t di. Klassiker sind, so
a cn lese hen schon immer unser Jewerbe jroßel

lntresae entjejenjebracht. Unser jroßer Dichter Schiller,

er ja mütterlicherseits aus 'ne Bäckerfamilie abstammte
und sich als Erfinder von die sojenannten „Schiller-
ocken eenen Namen jemacht hat, is durch seine
dramatische Dichtung „S e m el e“, wat uff hochdeutsch
det Semmelchen heeßen dhut. der eijentliche Haus-
dichter von det Bäcker jewerbe jeworden. Wat Leasing
»•. so Kat derselbe das Wort geprägt „Die Kunst

Je t nach Brot“, wobei er die Brotrationierung
"sagen vorausjeahnt hat. Von Joethen stammt det
mit^F ^ - ^^kerbundeslied „Wer nie sein Brot
ß r änen aß“, trotzdem daß et damals noch keen
soll n*8 ^^eBP**nc und Kohlrübcnmebl jejeben haben
g a^ er mit die Hexenküche im „Faust“ eene
. . lncr Backstube literarisch verewijen wollte, halte
ai*ien für ne Verleumdung. Sie sehn daraus,
lC Un-er Majistrat recht jetan hat, unsere jroßen

Ui» ~

Sehr geehrter Herr!

Sie gebrauchten kürzlich in einem Briefe an mich
die Wendung „Ihre werte Adresse“. Ich habe mir
lang den Kopf zerbrochen, was an meiner Adresse
denn eigentlich „wertes“ sein könnte, ich bin nicht
darauf gekommen. Ich würde es als eine werte An-
nehmlichkeit betrachten, wenn aus unserem werten
Kaufmannsdeutsch endlich dieser werte Blödsinn ver-
schwände. So etwas kehrt mir nämlich meinen werten
Magen um, verursacht ein Rümpfen meiner werten
Nase, es läuft mir heim Lesen eine Maus über meine
werte Leber, ich verliere nahezu meine werte Sprache,
stehe wie von einem werten Blitz getroffen, und ich
würde am Ende zu einer werten Bildsäule erstarren,
wenn es mir nicht in den werten Fingerspitzen zucken
würde. Tatsächlich: Mich können solche abge-
schmackten Wendungen aus meinem werten Geleise
bringen, sie gehen mir an die werten Nieren, ich fahre
in die werte Höhe, ich könnte aus meiner werten
Haut fahren, ich, der ich doch sonst so sanft bin wie

der werte Herr Hiob.

Und deshalb nahm ich mein wertes Briefpapier,
tauchte meine werte Feder in mein wertes Tintenfaß,
um Ihnen diese werten Zeilen zu schreiben
«ls Ihr allerv. ertestes

Kurleht

Der klassische Film

Eine Berliner Filmfabrik küidigt jetzt einen Film

folgendermaßen an:

Arme Maria

nach dem Roman „Maria Magdalena“
von Friedrich Hebbel.

Bei Hebbel heißt bekanntlich die arme Maria
weder Maria noch Magdalena, sondern Clara, und
was den Roman von Hebbel betrifft, so ist er ein

Drama.

Inzwischen sind noch folgende klassische Film-
dramen angekünd’gt worden :

- «* 1 «

uran«— igeküna-gv ,—

Der Vater als Spukgeist

nach der englischen Novelle Hamlett „der Mohr
von Venedig“ von Christian Shakespeare, Monu-
mentalfilm in 36 Riesenakten.

Kolophonium

vier Kilometer langes Filmdrama von Adam Maier,
nach der russischen Lokalposse „Die Pfennigsonate“
von Ferd. Tolstea.

DieSeelesch «vingtsichin dieHöh, juchhe!
Phänomenalfilm in zwölf Bombenakten, nach dem
berühmten Goetheschen Märchen „Der böse Doktor
Paust und die schöne Margareth!“
Leo Putz: 1001 Nacht
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