Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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(Zeichnung von A. Schmidhammerj

N4,

-

Ach — bald wird die Sache heiter! —
Das „Verhältnis" — geht so weiter!

Und der Frieden ruht bequem
Auf dem Dezimalst st em!

einmal ein zorniges „Sie Kamel" entschlüpfte,
weil der Herr Gemahl ihr auf die Eidechsen-
schleppe getrampelt war, da fand man das ein-
fach herzig, goldig! Das „Kamel" blieb gänz-
lich unbeachtet: aber: „Wir konnten uns zuerst
auch nicht an das Du gewöhnen", verallgemei-
nerten die Mütter den Fall, und „Uns war die
Schleppe zuerst auch immer im Wege", be-
stätigten kopfnickend die Bäter!

Lievc yugend!

Der berühmte Künstler hatte in dem kleinen
hoftheater von Schweinshausen gastiert. Alan
hatte ihn mit Ehren überschüttet, und er war
sogar für den nächsten Tag zur hoftafel befohlen
worden. Der Landesherr war sehr leutselig, und
man unterhielt sich trefflich.

Endlich war die Stunde der Abreise gekommen.
Das Auto des Künstlers — er fuhr natürlich
mit seinem eigenen 70 HP Wagen — stand
knatternd vor dem Portal. Hoheit begleitete den
berühmten Mimen selbst zum Wagen und drückte
ihm ein Päckchen in die Hand.

Der Künstler stieg ein, lüftete noch einmal
ehrfurchtsvoll den Hut, und
der Wagen fetzte sich in Be-
wegung. Rasch öffnete er
das kleine Päckchen und
fand drinnen — zwei Vr-
den, zwei Schweinshaufc-
ner Hausorden!

wartete der Fürst leutselig
winkend, „einen auch für

Lebenslauf des Kekeuten Alwin Wller

(Rach dem Driginal mitgeteilt)

„Ich Alwin Bruno Müller IV, erblickte am
)0. Juni Z8J2. zum ersten male daß Licht der
Welt und wurde geboren zu Wermsdorf. Da ich
die Schule in 8. Jahren wider verlassen habe,
wurde ich der Kirsche') zugeführt und verkom-
vermirt *). Am 3. Dstcrfeiertag, dasselbige Jahr
trad ich in die Leere, des Herrn Schlossermeister
Alfred Leincrt Krank gewesen bin ich so noch
nicht aber voin Dach gestürzt, was mir heute
noch im Kopfe anliegt. Meine Eltern sind noch
beide am Leben, welche eine Kinderzahl von
einen Sohn und 5. Mädchen darstclle». Ich habe
noch 5 Schwestern im Alter von ;s. ^g. j9.

20. und 2\ Jahren, von denen ich der älteste
bin. In Mahlis haben wir einmal Maskenball
gemacht dadrüber bekam ich io. Tage Hast. Mein
Bestreben war immer daß wertvolle Soldaten-
leben kennen zu lehrnen, und dem Vaterlande,
immer ein dichdiger ferdeidiger vorstellen.

Müller IV Soldat."

) Kirche, konfirmiert, s) gemacht.

Wassersnot

2m preußischen Herrenhatlse erklärte Graf
Mirbach bei Beratung des Wnsfergesetzes, er
ärgere sich, wenn andre Leute auf seinem See
Kahn fahren.

Das kann man dem Herrn Grafen nach-
fühlen. Aber es gibt nach viel entsetzlichere
Missetaten, gegen die das Gesetz den armen
Grafen nicht genügend schützt. Es kommt leider
vor, daß so ein Kahnfahrender sich seiner Kleider

entledigt und in dem gräflichen See-badet.

Denn seit der fluchwürdigen französischen Revo-
lution hat sich leider auch die Rotüre und Ka-
naille angewöhnt zu baden, was früher mit Recht
ein Vorrecht der Aristokratie war. Run denke
man sich, daß eine Welle, die durch die Berüh-
rung des niederen Leibes eines solchen Proleten
entweiht worden ist, kurz darauf den gräflichen
Leib infiziert, der den Sec Hochfeiner Anwesen-
heit würdigt! Kann man es dem Aristokraten
verdenken, wenn er vor dieser Möglichkeit schau-
dert, solange es der Wissenschaft nicht gelungen
ist, eine strenge Scheidung zwischen bürgerlichen
und anständigen Wellen durchzuführen?

Khedive

Modernismus
in Schinittweiler

Der katholische Pfarrer
von Schmittweiler bei
Saargemünd forderte
während des Gottes -

dienftes eine Besucherin
wegen ihrer modernen
Kleidung auf, „sich aus
dem Gotteshaus zu
scheren, daselbst sei
keine Komödie." —
50 Mark Buße hat das
deni übereifrigen Pfarrer
gekostet, und außerdem
mußte er die Beleidigung
öffentlich widerufen.

Gotteshäuser sind aller-
dings keine Komödien-
häuser! Vielleicht sagt das
der Pfarrer von Schmitt-
weiler auch so manchen,
seiner Kollegen.

O. Vr.
Khedive: Wassersnot
[nicht signierter Beitrag]: Lebenslauf des Rekruten Alwin Müller
Fritz Wehr: Liebe Jugend!
Arpad Schmidhammer: Nette Aussichten für den "ewigen Frieden"
C. Fr.: Modernismus in Schmittweiler
August Geigenberger: Die Panslavisten
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