Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Ferdinand Staeger (München)

Erleuchtung

3n unermeßlich tiefen Stunden
Hast du, in ahnungsvollem Schmerz,
Den Geist des Weltalls nie empfunden,
Der niederflammte in dein Herz?

Jedwedes Dasein zu ergänzen
Durch ein Gefühl, das ihn umfaßt,
Schließt er sich in die engen Gränzen
Der Sterblichkeit als reichster Gast.

Da tust bn in die dunkeln Riffe
Des Unerforschten einen Blick
Und nimmst in deine Finsternisse
Ein leuchtend Bild der Welt zurück;

Du trinkst das allgemeinste Leben,

Nicht mehr den Tropfen, der dir floß,
Und ins Unendliche verfchweben
Kann leicht, wer cs im Ich genoß.

Friedrich Hebbel

Das Heiligste

Wenn Zwei sich in einander still versenken.
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaftziilernd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im

Ich entsiegelt,

Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,

Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

Friedrich Hebbel

Friedrich tzedbel

(Zu feinem JOO. Geburtstage am J$. März J3J3)
Von Paul Bernstein-Dachau

In Hamburg will liebende Verehrung ihm
Denkmal setzen; den Wiener aber fröstelt in der
strengen Luft, die um Hebbels Kunstwerk weht,
und München, die „Stadt des Lebens", steht ihm
mit Zurückhaltung, zweifelnd mehr als bewun-
dernd, gegenüber. Gefühls- und Geschmacks-
richtung der deutschen Stämme, die ästhetische
Mainlinie prägt sich mit Schürfe aus in der
Abschätzung dieses norddeutschesten der bedeutenden
deutschen Dichter. Die Tradition der gelehrten
Forschung ist ihm wenig gewogen; persönliche
Gegnerschaft wirkt vielfach nach. Jetzt, wie bei
seinen Lebzeiten, ist Hebbel ein Umstrittener. Aber
eben, um Kadaver streitet nian nicht. Und wenn
heut, hundert Jahre nach seiner Geburt und fünf-
zig nach seinem Tode, Hebbel, von den Toten
auferstanden, lebt, da ist und wirkt, wenn er kri-
tische und produktive Begabungen zu Stellung-
nahme und Auseinandersetzung zwingt, so erbringt
schon diese Tatsache de» schlagenden Beweis, das;
tiefere Beziehungen bestehen zwischen dem Geist
unserer Zeit und dem Werk dieses Dichters. Es
gibt keinen „Fall Hebbel" und keine Hebbelmode.

Wenn einer, so ist Hebbel nur aus sich zu
begreifen, aus der Totalität seiner menschlich-
künstlerischen Persönlichkeit, aus den Bedingungen,
unter denen er ward. In Lebensläufen deutscher
Dichter sind Armut und Not fürwahr nicht selten;
eines aber blieb gemeinhin auch de» Ärmsten nicht
versagte Vorbildung, geistige Kultur. Darin ist
Hebbel exzeptionell gestellt. Was ein Gedicht
wesentlich sei, mußte der von allem Anfang auf den
dornigen Weg des Autodidaktentums verwiesene
Wesselburener Taglöhnerssohn, Klippschüler und
Schreibergehilfe sich in verzweifeltem Ringen erst
ergrübet». Man denke, was das heißt. Eine
schier rätselhafte Erscheinung, dies Genie, das ver-
möge eingeborener Kraft bei heftigster Ausnutzung
spärlich und unregelmäßig zuströmender geistiger
Nahrung in steinigstem Boden Wurzel schlägt und
sich entfaltet. Und einzigartig tiocl; eines: kaum
ein Gedanke, ja, immer klarer wird es: kaum ein
künstlerischer Plan, der nicht, wen» auch dumpf,
roh und unentwickelt, irgendwie in Hebbels dichte-
rischen Anfängen sich vorgebildet fände. Der
ganze Eichbaum in der Eichel. „Geprägte Form,
die lebend sich entwickelt." Goethes orphischcs
Urwort paßt auf Hebbel eminent.

Wesselburen — von hier aus erklärt sich fast
alles, was stark und schwach ist am Menschen
Hebbel und an seiner Kunst. Die Härte und
Herbigkeit seines Wesens, die Verkünimerung
frischen Naturgefühls, das reich sich nicht mehr
entfaltet. Sinnenwärme und Einfalt des künst-
lerischen Schauens treten zurück vor grüblerischem
Tiefsinn, der starr das Auge in die Rätsel der
Seele und des Seins bohrt. Der Druck finsterer
Jugend verschiebt, verbiegt die seelischen Propor-
tionen: die intellektuelle Seite überwiegt auf
lange, auf immer. Eben dieser Druck aber ent-

fesselt auch jene ungewöhnliche Vitalität, jenen
ehernen Willen zu Selbstbeharrung und Selbst-
durchsetzung, der Hebbels Lebenskampf zu einem
so festenden und erregenden Schauspiel macht.
In diesem Kampf wächst der Mensch hinaus noch
über den Dichter, dem völlig restlos im Kunst-
werk sich zu inkarnieren nicht vergönnt war. Es
bleibt ein ungeheurer Uberschuß unverbrauchter
Kraft: er schlägt sich nieder in den Tagebüchern,
die nicht nur ein menschliches, sondern auch — ich
folge dem Urteil Wilhelm Scherers — ein Kultur-
dokument vom ersten Range darstellen. Hebbels
Kunst und Menschentum wie in höherer Einheit
zusammenfassend, legen erst sie den Schlüssel zu
beide,» in unsere Hände.

Eine so problematische Natur wie Hebbel ent-
wickelt sich nicht harmonisch. Sprungweise geht
es vorwärts und mit scheinbaren Pausen. Ein
fast unheimlich heimliches, unterirdisches Wachsen,
das jäh und unvermittelt in durchbrechenden Genie-
blitzen sich entlädt. So steht „Judith" plötzlich
da. So lange zuvor jener Hamburger Vortrag,
in den; der zweiundzwanzigjährige Lateinschüler
nach blutiger Abfertigung des von den Freiheits-
kriegen her allgemein überschätzten Körner als
erster Deutscher Heinrich Kleist, den Verkannte»,
Halbvergessenen, in seiner vollen dichterischen
Größe erfaßt. Nach Hamburg das Heidelberger
Universitätssemester. In Wesselburen herangereift,
erklimmt a» Goethes Hand in Heidelberg der
Lyriker Hebbel seine volle Höhe. Man ist nicht
selten geneigt, Hebbels Lyrik zu unterschätzen.
Er war schon im Prinzip kein Freund der „schönen"
Verse. Daß er darüber die äußere Form vielfaä;
mehr denn gut aus dem Auge ließ, ist nicht z>t
leugnen. Formale Härten, Entgleisungen fehlen
nicht; manches Abstrakte und Dürre wünschte mmi
ganz fort. Kommt aber über Hebbel die glück-
liche Stunde, — Und nur ihr traut er — so ent-
stehen Gedichte von so restloser Kongruenz der
äußeren und inneren Form, so völliger Durch-
dringung tiefsten Denkens und Fühlens, daß man
mit Fug sic unter die edelsten Perlen im Kron-
schatz deutscher Dichtung einreiht.

Entscheidend für Hebbels Entwickelung wird
München. Bei krasser Not, oft nacktem Hunger
känipft hier in fast wilder Anspannung aller Kräfte
Hebbel zur Klarheit über sich selbst sich durch:
der Dramatiker findet sich, der Tragöde. Maria
Magdalena wird erlebt, Judith konzipiert, Geno-
veva skizziert, der Diamant begonnen. In München
formt Hebbel sich sein sittliches Weltbild, jene ur-
eigentümliche Weltanschauung, durch die er end-
giltig sich abgrenzt gegen die zeitgenössische Lite-
ratur des politisierenden „jungen Deutschland",
die er haßte; aber auch — und das war in weit
höherem Sinne eine geistige Lebensfrage — gegen
seinen Vorgänger, den großen Weimaraner, dessen
Schatten schwer über ihm lag: gegen Schiller.

Hebbels Weltanschauung ist gebändigter In-
dividualismus. Wie fein Dietrich von Bern beugt
dieser Starke in tiefer und freiwilliger Selbst-
bescheidung sein Haupt unter das Sittengefetz.
Das Sittliche wird als das Notwendige absolut
und a priori gesetzt. Als immanente Gerechtig-

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Paul Bornstein: Friedrich Hebbel
Friedrich Hebbel: Das Heiligste
Ferdinand Staeger: Erleuchtung
Friedrich Hebbel: Erleuchtung
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