Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Die Mberstin

Ich war zur Waffenübung in ein kleines
steierinärkifches Städtä,en einberufen; zu dem-
selben netten und gemütlichen Regiment, bei dem
ich vor zwei Jahren gedient hatte. — Im Offi-
zierskorps war alles noch beim alte». Nur der
Oberst war ein anderer. — Wie man sagte, ein
unangenehmer Herr, ein alter, glattrasierter Jung-
geselle, leberleidend, daher jähzornig und in seinen
Launen unberechenbar. — Doch das berührte mich
nicht sonderlich. — Denn derjenige Oberst war
noch nicht erfunden, der imstande gewesen wäre,
mir in vier Wochen die gute Laune zu verderben.

In gehobener Stimmung zog ich in die kleine
Stadt ein. — Die Mädchen, welche in kleinen
Orten alle Offiziere auswendig wissen, machten
neugierige Augen. — Ich war mir zwar bewußt,
daß ein Reserveleutnant, auch wenn er nicht fett
ist, nie so wirken kann, wie ein aktiver. — Aber
ich kam ja aus Wien und wußte, daß trotz Nnph-
tnlingeruch meine Uniform geeignet war, harm-
lose Mädchennasen mit sündhafter Großstadtluft
zu betören.

Am ersten Nachmittage machte ich einen Rund-
gang durch die alten, lieben Gassen. Ich ging
von der Kaserne durch das kleine, schmale Schnei-
dergäßchen, wo ich in alter Zeit manchen Kuß im
Dunkel altertümlicher Hausflure gepflückt hatte.
— Erinnerungen umsäiwebten mich, ich kam ins
Traumen und das war nicht gut. Denn sofort
geriet mir der ungewohnte Säbel klappernd zwi-
schen die Beine. —

Da fuhr aus einem Fenster im erste» Stocke
ein blonder Mädchenkopf hervor. Was tut ein
Leutnant in einem solchen Falle? Er winkt
hinauf und lächelt. Ich winkte also und lächelte.
Das Mädchen lachte freundlich wieder und nickte
nnr zu. — Es entwickelte sich ein Gespräch. Sie
hieß Berta und versprach, abends um acht Uhr
bei den Schanzgrüben zu sein, die vormittags
kriegerischen, abends mehr friedlichen Zwecken
dienten. —

Ich wußte von früher her Bescheid, winkte
noch einmal leutselig und ging. —

Im Cafe traf ich den Fähnrich Huber und
erzählte ihm mein erfolgreiches Abenteuer. —
Heißt sie etwa Berta?" fragte er.

,,3a."

„Uj, da hast Du die Frau Oberstin
erwischt."

„Frau Oberstin? Ich dachte, der
Oberst ist ledig."

„Der Alte ist allerdings ledig. Aber
sein Herz gehört dieser Berta, die des-
halb Frau Oberftin genannt wird. Sie
kann mit ihm machen, was sie will.

Jeden Tag geht der alte Esel — Du
sagst es doch nicht weiter — vorüber
und klappert mit dem Säbel. Da
schaut sie heraus und sagt: „Servus,

Alter." Da wird der Wüterich sauft
wie das Pony bei der großen Trommel.

Er flüstert: „Wie geht s, Maust, Tau-
berl, Schneckerl, Schatzerl, wann kommst
Du zu mir?"

Darauf sagt die Frau Oberst
schnippisch:

„Heute paßt es mir um fünf Uhr
oder heute paßt es mir überhaupt
nicht, alter Schöps." Je nachdem.

Da bekommt er einen Lachkrampf,
wirft ihr Kußhändchen zu und geht. —

Wenn sie dann vom Alten kommt,
erzählt sie uns alles haarklein, wie er

sie anbetet, welche Kosenamen er ihr gibt, wie
sie ihm die weißen Haare ausrupft und die Glatze
kraut. Dann bringt er ihr Wein und Zucker-
werk, er bedient sie, er zieht ihr die Stiefel aus.

Das steigt der dummen Gans zu Kopf und
sie hält sich für den wirklichen geheimen Regiments-
kommandanten. Wenn ihr einer von uns ge-
fallt, so muß er antreten, ob er will oder nicht,
sonst läßt sie ihn nach Bosnien versetzen, wie sie
immer sagt. — Wenn ich Dir einen Rat geben
kann, schere Dich nicht um sie. Sie ist dumm,
ordinär und boshaft. Wer nicht muß, kümmert
sich nicht um sie. —"

Auch andere Kameraden bestätigten dieses Urteil
über die Oberst!». Ich beschloß also in diesem
Falle zu entsagen. Doch, da ich es versprochen
hatte, ging ich mit Anbruch der Dunkelheit zu
den Schauzgräben. Berta kam in bequemer
Toilette, init einer hübschen Masche im Haar.
Ich begrüßte sie respektvoll. Sie schlug einen
Spaziergang durch die Wiesen vor. — Wir gingen
einen wohlbekannten Feldweg. Ich sprach ein-
dringlich über die ökonomischen Vorteile einer
günstigen Heuernte. Dann gingen wir um den
alten Schießstand herum. Ich pries die Durch-
schlagskraft der modernen Geschosse. An einem
wunderschönen Heuhaufen blieben wir stehen.
Sic stieß mich lachend hinein. Ich erklärte ihr
sitzend, wie viel Meter dieses wertvollen Gemüses
notwendig seien, um gegen Schrapnells eine wirk-
same Deckung zu bieten. Daun kamen wir zu
den Schanzgräben, den gastlich grünen Wellen
der Liebe und des Krieges. Ich sprach über
Hünengräber und Leichenverbrennung.

Sie ließ durchblicken, daß sie bei Leutnants
an Gehörsinn gewöhnt sei. Das verstärkte nur
meinen Respekt. Meine Galanterie wurde ge-
radezu geistreich. Jede andere Oberstin hätte ich
entzückt. Aber diese war ein undankbares Ge-
schöpf. —

Sie rümpfte die Nase. Dann fragte sic end-
lich: „Sind alle Wiener so schüchtern?" Ich er-
widerte: „Leider ja. Man nennt dies das gold.me
Wiener Herz."

„Das habe ich mir anders vorgestellt," ent-
gegnete sie und wandte sich ab. Ich begleitete
sie wieder in die Stadt zurück. Sie entließ mich
ungnädig rmd dürfte später ihre Gefühle kaum
geändert haben, als sie wahrnahm, daß sich

Das klullurweib

„Die freie Zuchtwahl ist eines der wenigen Probleme, zu
deren Lösung die Existenz des Mannes überhaupt erforderlich
zu sein scheint I"

zwischen mir und einer ihrer Freundinnen zarte
Beziehungen knüpften. An die Obcrstin dachte
ich kaum mehr. —

Da kam jener schicksalsschwere Tag, an wel-
cheni der Oberst selbst die in Freiheit dressierten
Reserve-Onkels im grimmen Gefecht gegen an-
genommene Gegner erprobte. Ich hatte keine
klügst. Ich kannte den Exerzierplatz wie meine
Stiefelsohle. Ich kannte alle die hohen Bäume,
Schornsteine, Einzelgehöfte und Waldspitzen,
welche als Direktionsobjekte angegeben zu werden
pflegten. Ich kannte alle jene bösartigen Kuppen,
Wellen, Mulden und Verschneidungen, aus wel-
chen der Feind seit Menschengedenken immer
hervorzubrechen pflegte. Jede Möglichkeit war
schon zehntausendmal dagcwesen. Ich wußte ge-
nau, daß bei diesem Erdhügel zu liegen schlecht
sei, während die Besetzung jenes Düngerhaufens
den denkenden Heerführer verriet, weil alter Kuh-
mist mit Erde und Wurzeln gemischt eine vor-
zügliche Deckung selbst gegen Artillerie böte, falls
nämlich eine solche da wäre.

Nein, mir konnte in dieser Gegend nichts
geschehen. Aber ich hatte den Oberst nicht ins
Kalkül gezogen. Selbst ein Napoleon der Re-
serve hätte, zumal im Frieden, gegen einen feind-
lichen Oberst nicht siegen können. —

Alan hatte mir eine Kompagnie zugewiesen.
Ich stand ruhend hinter einer Lindenallee und
sprach leise für mich das Gebet vor der Schlacht.
Plötzlich kam der Adjutant angesprengt und schrie:
„Herr Leutnant! Marschieren! Direktion der
große Kamin." Das hatte ich erwartet. Man
begann immer mit dem großen Kamin. Ich sah
hin und erschrak. Rücksichtslose Zivilisten hatten
seit meiner letzten Übung einen zweiten Kamiti
in die Gegend gebaut. — Ich hielt es für das
Beste, auf den alten, sieggewohnteti Kamin los-
zumarschieren. Da hörte man schon den Oberst
brüllen. Der Adjutant stürmte wieder heran:
„Herr Leutnant, der kleinere Kamin ist der große
Kamin. Der große Kamin heißt doch der hohe
Schlot. Bitte das zu merken."

Vom Oberst herüber trug mir der Wind das
Wort: „Indolenz" zu.

Aber ich wankte nicht. Auf Befehl machte
ich Halt.

Der Oberst ritt langsanr auf mich zu und
nagte an der Unterlippe. Ich erstattete die Mel-
dung, hatte aber vergessen, wie viel
Mütiner die Kompagnie zählte, oder
vielmehr, ich hatte gar nicht danach
gefragt. Ich meldete also etwa 99
und meinte es gut. Aber der Oberst
schlug eine teuflische Lache auf und be-
fahl mir zu zählen. — Es waren sechs-
undfünfzig. Er zermalmte einen Kraft-
ausdruck zwischen den Lippen. Es
klang wie „Sauhaufen". Dann be-
gnnir er über eine Aufgabe nachzu-
denken, die geeignet wäre, mich z»
verderben. —

Er ließ fürchterlich viele Divisionen
hinter dem hohen Schlot im Anmarsche
sein. Dann behauptete er, ich sei die
Bedeckung einer selbständig vorrücken-
den Kriegskassa mit tausend Millionen.
Er dachte einen Augenblick nach, dann
sagte er: „Zehntausend Millionen," um
die Aufgabe zu erschweren und mir
Grarien einzuflößen. Meine sechsund-
fünfzig Mann erklärte er für ein halbes
Regiment. Den Gefreiten Nawratil
ernannte er zu einer Kavallerie-Eska-
dron und den Trommler Kupka zu

Schluß auf Seite 454b

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W. Krain

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Bruno Wolfgang: Die Oberstin
Willibald Krain: Das Kulturweib
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