Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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(Wintersport in Kaxern

Lin Schnee-Wehe-Geheul von JllOysillS De DOla

(Mit Zeichnungen von ®. Wille)

©, wie muß man sich empören,

Wenn man alles dieses kennt,

Was sich — scheinbar leicht zu hören —
„Wintersportvergnügen" nennt I

Nicht nur, daß der Mensch sich paarweis'
Pochst intim und sehr verliebt
Schon in aller Frühe scharweis'

Auf die Lisenbabn begibt —

Nicht nur, daß er ohne Eltern,
Vormund, Lehrer, Katechet
Und mit meist noch unvermähltern
Menschen auf die Reise geht —

Nein, er tut's auch in infamen
Solchen Sportkostümen jetzt,

Daß es jeden Tugendsamen
Bis ins tiefste Mark verletzt!

Ganz besonders, was getragen
Wird vom Ewigweiblichen,

Das gehört schon sozusagen
Zu dem Unbeschreiblichen!

Denn in Sweater nur und Pose
Stellt jetzt ungeniert zur Schau
Alles Um- und Anstandlose
Jedes Mädchen, jede Frau!

Noch dazu in welchen Formen!
Wahrlich zu begreifen ist,

Daß dran einen ganz enormen
Anstoß nimmt der Moralist.

— Aber, ad/, das ist ja leider
Erst der Anfang vom Skandal!

Es geht weiter! Schrecklich weiter!

— Folgen wir dem Bacchanal!!

2eht, hier sitzen junge Madeln
Rittlings mit geträtschtem Bein
Und hinausgestreckten Wadeln
Auf dem Rodel, ganz allein!

Unter einem Peer von Blicken
Fahren sie mit keckem Schwung
Ueber einen Bergesrücken
Abwärts in die Niederung —

Weh! Sie stürzen! Ueberfchlagen
Sich kopfüber in den Schnee!

Weh! Was wird man sehn?... Wir wagen
Kaum genau zu gucken.. . weh!

— Schade, daß wir nichts erblickten!

... Aber just darin besteht,

Im verhüllen, im geschickten,

Bst die Unmoralität!

Da, und jetzt wird auch die Sitten-
losigkeit schon deutlicher:

Es erscheint auf einem Schlitten
Line Dame und ein Perr.

Ihren Körper hält umspannt er
Mit den Armen — und im Ejut
Enge liegend an einander
Sausen sie zur Tiefe! — Pfui! —

Soll man sich hernach verwundern,
wenn der Mensch, der ganz bestimmt
f^ier vergnügt mit allen rundern
Körperteilen Fühlung nimmt —

Dann natürlich an den Ecken
Und den Kanten dieser Welt
Kein Vergnügen kann entdecken
Und dran jämmerlich zerschellt?

Aber ach, es kommt noch schlimmer!

— Dort, ein wenig weiter, weh!

Sitzen Ejerrn und Frauenzimmer
Gleich zu sechs auf einem Sleigh,

Den sie den „Bobobsleigh" nennen!

Dieser Name sagt genug!

Satan selbst besorgt das Rennen
Und zur Polle geht's im Flug . ..

Nein, da wendet sich voll Grausen
Ab vom Weg der Moralist
Auf das freie Feld Heraußen,

Das noch nicht besudelt ist.

Wie? Ls bleibt auch dies sogar nicht
von der Großstadtseuche frei? —

— Skiert dort ein Liebespaar nicht
Pand in Pand vom Berg herbei?

weh, schon ist es oa! Pelft! Rettet!
Anprall! Sturz! Umarmung! Kneu'l!
Und der Moralist gebettet
Zwischen Büsten, Beine... Greu'l!!

VH, was muß man hier entdecken!

Doch das Schamgefühl steht auf
— Und der Ski-Mann mit dem Stecken ...
Also schnell den Berg hinauf!

Erst auf jenen freien Pöhen
wird man sündenlos und keusch

Der Natur ins Antlitz sehen! —-

-Pa, was blinkt dort? ... Nacktes Fleisch!

Nackte Menschen?!! Wär es möglich?

Ja, Gott schütz uns! In der Tat!

Männer nehmen dort vergnöglich
Und verderbt... ein Sonnenbad!!!

Nein, das übersteigt die Schwelle _

Der Gemeinheit! — Schnell ins Tal —
Schnell zum Staatsanwalt! Er stelle
Strafantrag für den Skandal I

Und gottlob, nachdem man endlich
So gerettet Gott und Staat,

Ist es sicher jetzt verständlich,

Daß man Durst und Punger hat.

Doch, o Sodom und Gomorrha!

Selbst beim Essen nicht geschützt
Ist vor dieser Rotte Korah
Liner, der Moral besitzt. —

Im potel sind alle Tische,

Jede Nische, jeder Stnhl,

Schon besetzt durch buhlerische
Paare aus dem Sündenpfuhl!

Da ist freilich denn kein Zweifel:

Nicht mehr nur bei Schwarz und Peiß,
Nein es fühlt sich wohl der Teufel
Peute auch bei Kalt und Weiß!

Gegenüber diesem Treiben
Kann dem sittlichen Gemüt
Allerdings nichts übrig bleiben,

Als daß es entrüstet flieht.

Rasch das peimbillet genommen!

— — — Aber, Pech und Schwefel! — Soll
pohnen wollen Gott die Frommen? —

Auch der Zug ist schon ganz voll

von dem menschlichen Gelichter,

Das uns überall empört

Und hier nur noch eng- und dichter

Sich zusammendrängt zum Flirt....

(Schluss auf Seile 614)

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A. De Nora: Wintersport in Bayern
Erich Wilke: Illustrationen zum Text "Wintersport in Bayern"
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